Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Farbenlehre.

besonders an dieser Farbe erfreuen. Man hat die Neigung zuderselben bei wilden Völkern durchaus bemerkt. Und wennKinder, sich selbst überlasten, zu illuminiren anfangen, sowerden sie Zinnober und Mennig nicht schonen.

776 .

Man darf eine vollkommen gelbrothe Fläche starr ansehen,so scheint sich die Farbe wirklich in's Organ zu bohren; siebringt eine unglaubliche Erschütterung hervor und behält dieseWirkung bei einem ziemlichen Grade von Dunkelheit.

Die Erscheinung eines gclbrothen Tuches beunruhigt underzürnt die Thiere. Auch habe ich gebildete Menschen gekannt, ^denen es unerträglich fiel, wenn ihnen an einem sonst grauen iTage jemand im Scharlachrock begegnete.

777 .

Die Farben von der Minusseite sind Blau, Rothblau undBlauroth. Sie stimmen zu einer unruhigen, weichen und seh-nenden Empfindung.

Blau.

778 .

So wie Gelb immer ein Licht mit sich führt, so kann mansagen, daß Blau immer etwas Dunkles mit sich führe.

779 .

Diese Farbe macht für das Auge eine sonderbare und fastunaussprechliche Wirkung. Sie ist als Farbe eine Energie;allein sie steht auf der negativen Seite, und ist in ihrer höch-sten Reinheit gleichsam ein reizendes Nichts. Es ist etwasWidersprechendes von Reiz nnd Ruhe im Anblick.

780 .

Wie wir den hohen Himmel, die fernen Berge blau sehen,so scheint eine blaue Fläche auch vor uns zurückzuweichen.

781 .

Wie wir einen angenehmen Gegenstand, der vor uns flieht,gern verfolgen, so sehen wir das Blaue gern an, nicht weil esauf uns dringt, sondern weil es uns nach sich zieht.

782 .

Das Blaue giebt uns ein Gefühl von Kälte, so wie es unsauch an Schatten erinnert. Wie es vom Schwarzen abgeleitetsey, ist uns bekannt.

783 .

Zimmer, die rein blau austapeziert sind, erscheinen ge-wissermaaßen weit, aber eigentlich leer und kalt.

784 .

Blaues Glas zeigt die Gegenstände im traurigen Licht.

785 .

Es ist nicht unangenehm, wenn das Blau einigermaaßenvom Plus participirt. Das Meergrün ist vielmehr eine lieb-liche Farbe.

Rothblau.

786 .

Wie wir da? Gelbe sehr bald in einer Steigerung gefun-den haben, so bemerken wir auch bei dem Blauen dieselbeEigenschaft.

787 .

Das Blaue steigert sich sehr sanft in's Rothe und erhältdadurch etwas Wirksanies, ob es sich gleich auf der passiven

Seite befindet. Sein Reiz ist aber von ganz anderer Art alsder des Rothgelben; er belebt nicht sowohl als daß er unruhigmacht.

788 .

So wie die Steigerung selbst unaufhaltsam ist, so wünschtman auch mit dieser Farbe immer fortzugehen, nicht aber, wiebeim Rothgelben, immer thätig vorwärtszuschreiten, sonderneinen Punkt zu finden, wo man ausruhen könnte.

789 .

Sehr verdünnt kennen wir die Farbe unter dem NamenLila; aber auch so hat sie etwas Lebhaftes ohne Fröhlichkeit.

Blauroth.

790 .

Jene Unruhe nimmt bei der weiter schreitenden Steigerung! zu, und man kann wohl behaupten, daß eine Tapete von! einem ganz reinen gesättigten Blauroth eine Art von unerträg-' licher Gegenwart seyn müsse. Deßwegen es auch, wenn es alsKleidung, Band oder sonstiger Zierrath vorkommt, sehr ver-dünnt und hell angewendet wird, da es denn seiner bezeich-neten Natur nach einen ganz besondern Reiz ausübt.

791 .

Indem die hohe Geistlichkeit diese unruhige Farbe sich an-geeignet hat, so dürfte man wohl sagen, daß sie auf den un-ruhigen Staffeln einer immer vordringenden Steigerung un-aufhaltsam zu dem Cardinalpurpur Hinausstrebe.

Roth.

792 .

Man entferne bei dieser Benennung alles, was im Rotheneinen Eindruck von Gelb oder Blau machen könnte. Mandenke sich ein ganz reines Roth, einen vollkommenen, auf! einer weißen Porcellanschale aufgetrockneten Carmin. Wir! haben diese Farbe, ihrer hohen Würde wegen, manchmalPurpur genannt, ob wir gleich wohl wissen, daß der Purpurder Alten sich mehr nach der blauen Seite hinzog.

793 .

! Wer die prismatische Entstehung des Purpurs kennt, derwird nicht paradox finden, wenn wir behaupten, daß dieseI Farbe, theils aotu theils potentis, alle andern Farben ent-! halte.

> 794 .

Wenn wir beim Gelben und Blauen eine strebende Stei-gerung in's Rothe gesehen, und dabei unsere Gefühle bemerkthaben, so läßt sich denken, daß nun in der Vereinigung derI gesteigerten Pole eine eigentliche Beruhigung, die wir eine! ideale Befriedigung nennen möchten, stattfinden könne. Undso entsteht, bei physischen Phänomenen, diese höchste aller Farben-erscheinungen aus dem Zusammentreten zweier entgegengesetztenEnden, die sich zu einer Vereinigung nach und nach selbst vor-bereitet haben.

795 .

Als Pigment hingegen erscheint sie uns als ein Fertigesund als das vollkommenste Roth in der Cochenille; welchesMaterial jedoch durch chemische Behandlung bald in's Plus,