Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Didaktischer Theil.

183

bald in's Minus zu führen ist, und allenfalls im besten Car-min als völlig im Gleichgewicht stehend angesehen werden kann.

796 .

Die Wirkung dieser Farbe ist so einzig wie ihre Natur.Sie giebt einen Eindruck sowohl von Ernst und Würde als vonHuld und Anmuth; jenes leistet sie in ihrem dunkeln verdich-teten, dieses in ihrem hellen, verdünnten Zustande. Und sokann sich die Würde des Alters und die Liebenswürdigkeit derJugend in Eine Farbe kleiden.

797 .

Von der Eifersucht der Regenten auf den Purpur erzähltuns die Geschichte manches. Eine Umgebung von dieser Farbeist immer ernst und prächtig.

798 .

Das Purpurglas zeigt eine wohlerleuchtete Landschaft infurchtbarem Lichte. So müßte der Farbeton über Erd' undHimmel am Tage des Gerichts ausgebreitet sehn.

799 .

Da die beiden Materialien, deren sich die Färberei zurHer-vorbringung dieser Farbe vorzüglich bedient, der Kermes unddie Cochenille, sich mehr oder weniger zum Plus und Minusneigen, auch sich durch Behandlung mit Säuren und Alkalienherüber- und hinüberführen lassen, so ist zu bemerken, daß dieFranzosen sich auf der wirksamen Seite halten, wie der Franzö-sische Scharlach zeigt, welcher in's Gelbe zieht, die Jtaliänerhingegen auf der passiven Seite verharren, so daß ihr Schar-lach eine Ahnung von Blau behält.

806 .

Durch eine ähnliche alkalische Behandlung entsteht das Kar-mesin, eine Farbe, die den Franzosen sehr verhaßt seyn muß,da sie die Ausdrücke sot en ersnamsi, möeükmt ei, erninoisials das Aeußerstc des Abgeschmackten und Bösen bezeichnen.

Grün.

801 .

Wenn man Gelb und Blau, welche wir als die ersten undeinfachsten Farben ansehen, gleich bei ihrem ersten Erscheinen,auf der ersten Stufe ihrer Wirkung zusammenbringt, so ent-steht diejenige Farbe, welche wir Grün nennen.

802 .

Unser Auge findet in derselben eine reale Befriedigung.Wenn beide Mutterfarben sich in der Mischung genau dasGleichgewicht halten, dergestalt daß keine vor der andern be-merklich ist, so ruht das Auge und das Gemüth auf diesemGemischten wie auf einem Einfachen. Man will nicht weiterund man kann nicht weiter. Deßwegen für Zimmer, in denenman sich immer befindet, die grüne Farbe zur Tapete meistgewählt wird.

Totalität und Harmonie.

803 .

Wir haben bisher zum Behuf unseres Vertrages angenom-men, daß das Auge genöthigt werden könne, sich mit irgendeiner einzelnen Farbe zu identificiren; allein dieß möchte wohlnur auf einen Augenblick möglich sehn.

804 .

Denn wenn wir uns von einer Farbe umgeben sehen, welchedie Empfindung ihrer Eigenschaft in unserm Auge erregt unduns durch ihre Gegenwart nöthigt, mit ihr in einem identischenZustande zu verharren, so ist es eine gezwungene Lage, inwelcher das Organ ungern verweilt.

805 .

Wenn das Auge die Farbe erblickt, so wird es gleich inThätigkeit gesetzt, und es ist seiner Natur gemäß, auf derStelle eine andere, so unbewußt als nothwendig, hervorzu-bringen, welche mit der gegebenen die Totalität des ganzenFarbenkreises enthält. Eine einzelne Farbe erregt in dem Auge,durch eine specifische Empfindung, das Streben nach Allge-meinheit.

806 .

Um nun diese Totalität gewahr zu werden, um sich selbstzu befriedigen, sucht es neben jedem farbigen Raum einen farb-losen , um die geforderte Farbe an demselben hervorzubringen.

807 .

Hier liegt also das Grundgesetz aller Harmonie der Farben,wovon sich jeder durch eigene Erfahrung überzeugen kann, indemer sich mit den Versuchen, die wir in der Abtheilung der Physio-logischen Farben angezeigt, genau bekannt macht.

808 .

Wird nun die Farbentotalität von außen dem Auge alsObject gebracht, so ist sie ihm erfreulich, weil ihm die Summeseiner eigenen Thätigkeit als Realität entgegenkommt. Es sehalso zuerst von diesen harmonischen Zusammenstellungen dieRede.

809 .

Um sich davon auf das leichteste zu unterrichten, denke mansich in dem von uns angegebenen Farbenkreise einen beweglichenDiameter, und führe denselben im ganzen Kreise herum, sowerden die beiden Enden nach und nach die sich forderndenFarben bezeichnen, welche sich denn freilich zuletzt auf drei ein-fache Gegensätze zurückführen lassen.

810 .

Gelb fordert Rothblau,

Blau fordert Nothgelb,

Purpur fordert Grün,

und umgekehrt.

811 .

Wie der von uns supponirte Zeiger von der Mitte der vonuns naturgemäß geordneten Farben wegrückt, eben so rückt ermit dem andern Ende in der entgegengesetzten Abstufung weiter,und es läßt sich durch eine solche Vorrichtung zu einer jedenfordernden Farbe die geforderte bequem bezeichnen. Sich hierzueinen Farbenkreis zu bilden, der nicht wie der unsere abgesetzt,sondern in einem stetigen Fortschritte die Farben und ihreUebergänge zeigte, würde nicht unnütz seyn: denn wir stehenhier auf einem sehr wichtigen Punkt, der alle unsere Aufmerk-samkeit verdient.

812 .

Wurden wir vorher bei dem Beschauen einzelner Farbengewissermaaßen pathologisch afsicirt, indem wir, zu einzelnenEmpfindungen fortgerissen, uns bald lebhaft und strebend,bald weich und sehnend, bald zum Edlen emporgehoben, bald