Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Farbenlehre.

oben an einer Horizontallinie anstehen; inan schiebe diese Vor-richtung vor das Wasserprisma und lasse aus diese sämmt-lichen Oefsnungen nun das Sonnenlicht fallen, und die durchdas Prisma gebrochenen Bilder werden sich an der Wandin jeder beliebigen Entfernung zeigen, jedoch so, daß, weilsie alle an einer Horizontallinie oben anstehen, der violetteSaum bei keinem Bilde länger seyn kann als beim andern.Ist nun das Bild größer, so hat es ein anderes Verhältniß zudiesem Saume, und folglich ist seine Breite nicht so oft in derLänge enthalten als am kleinen Bilde. Man kann diesen Ver-such auch snbjectiv sehr bequem machen, wenn man auf eineschwarze Tafel weiße Scheiben von verschiedener Größe nebeneinander klebt, die aber, weil man gewöhnlich den brechendenWinkel unterwärts hält, unten auf einer Horizontallinie auf-stehen müssen.

93.

Daß ferner die Stärke des Prismas, d. h. die Vergröße-rung seines Winkels eine Differenz in der Länge des Bildeszur Breite machen müsse, wird jedermann deutlich seyn, derdas, was wir im 210. und 324. Paragraph und zwar imdritten Punkte angedeutet, und im Gange des Vertrags weiterausgeführt haben, gegenwärtig hat, daß nämlich eine Haupt-bedingnng einer stärkcrn Färbung sey, wenn das Bild mehrverrückt werde. Da nun ein Prisma von einem größernWinkel das Bild stärker verrückt als ein anderes von einemkleinern, so wird auch die Farbenerscheinung, unter übrigensgleichen Bedingungen, sehr verschieden seyn. Wie es also mitdiesem Experiment und seiner Beweiskraft beschaffen sey, werdenunsere Leser nun wohl ohne weiteres vollkommen einsehen.

Vierter Versuch.

94.

Der Beobachter blickt nun durch das Prisma gegen daseinfallende Sonnenbild oder gegen die bloß durch den Himmelerleuchtete Oeffnung, und kehrt also den vorigen objectivenVersuch in einen subjektiven um; wogegen nichts zu sagen wäre,wenn wir dadurch nur einigcrmaaßen gefördert würden. Alleindas subjective Bild wird hier so wenig auf seine Anfänge zurück-geführt als vorher das objective. Der Beobachter sieht nur dasverlängerte stetig gefärbte Bild, an welchem der violette Theilabermals der längste bleibt.

95.

Leider verhehlt uns der Verfasser bei dieser Gelegenheitabermals einen Hauptpunkt, daß nämlich die Erscheinunggeradezu die umgekehrte sey von der, die wir bisher au derWand erblickten. Bemerkt man dieses, so kann man dieFrage auswerfen, was würde denn geschehen, wenn das Augesich an die Stelle der Tafel setzte? würde es denn die Farbenin eben der Ordnung sehen, wie man sie auf der Tafel erblickt,oder umgekehrt? und wie ist denn eigentlich im ganzen dasVerhältniß?

96.

Diese Frage ist schon zu Newtons Zeiten aufgeworfenworden, und es fanden sich Personen, die gegen ihn behaup-teten , das Auge sehe gerade die entgegengesetzte Farbe, wennes hinwärts blicke, von der, welche herwärts auf die Tafel oder

! auch auf ein Auge falle, das sich an die Stelle der Tafel setzte.Newton lehnt nach seiner Weise diesen Einwurf ab, anstatt ihnzu heben.

97.

Das wahre Verhältniß aber ist dieses. Beide Bilder habennichts mit einander gemein. Es sind zwei ganz verschiedeneBilder, das eine heraufwärts, das andere herunterwärts be-wegt, und also gesetzmäßig verschieden gefärbt.

98.

Bon der Coexistenz dieser zwei verschiedenen Bilder, wovondas objective heraufwärts, das subjective herunterwärts gefärbtist, kann man sich auf mancherlei Weise überzeugen. Jedochist folgender Versuch wohl der bequemste und vollkommenste.Man lasse mittelst einer Oeffnung des Fensterladens von etwazwei bis drei Zoll das Sonnenbild durch das große Wasser-prisma auf ein weißes, feines, über einen Rahmen gespanntesPapier hinaufwärts gebrochen in der Entfernung anlangen,daß die beiden gefärbten Ränder noch von einander abstehen,das Grün noch nicht entstanden, sondern die Mitte noch weißsey. Man betrachte dieses Bild hinter demRahmen; man wirddas Blaue und Violette ganz deutlich oben, das Gelbrothe undGelbe unten sehen. Nun schaue man neben dem Rahmen her-vor, und man wird durch das Prisma das hinuntergerückteBild der Fensteröffnung umgekehrt gefärbt sehen.

Damit man aber beide Bilder über und miteinander er-blicke, so bediene man sich folgenden Mittels. Man mache dasWasser im Prisma durch einige Tropfen Seifenspiritus der-gestalt trübe, daß das Bild auf dem Papierrahmen nicht un-deutlich, das Sonnenlicht aber dergestalt gemäßigt werde, daßes dem Ange erträglich sey. Man mache alsdann, indem mansich binter den Rahmen stellt, an dem Ort, wo sich das ge-brochene und gefärbte Bild abbildet, in's Papier eine kleineOeffnung und schaue hindurch, und man wird, wie vorher,das Sonnenbild hinabgerückt sehen. Nun kann man, wenn diein das Papier gemachte Oeffnung groß genug ist, etwas zurück-treten, und zugleich das objective durchscheinende, aufwärtsgefärbte Bild und das subjective, das sich ini Auge darstellt,erblicken; ja man kann mit einiger Auf- und Abbewegnng desPapiers die gleichnamigen und ungleichnamigen Ränder beiderErscheinungen zusammenbringen, wie es beliebig ist; undindem man sich von der Coexistenz der beiden Erscheinungenüberzeugt, überzeugt man sich zugleich von ihrem ewig beweg-lichen und werdend wirksamen Wesen. Man erinnere sich hier-bei jenes höchst merkwürdigen Versuchs E. 350354, undfamiliarisire sich mit demselben, weil wir noch öfters auf ihnzurückkommen müssen.

Fünfter Versuch.

99.

Auch diesen Versuch betrachtet Newton nur durch den Nebeldes Vorurtheils: er weiß nicht recht, was er sieht, noch wasaus dem Versuche folgt, doch ist ihm die Erscheinung zum Be-huf seiner Beweise außerordentlich willkommen, und er kehrtimmer wieder auf dieselbe zurück. Es wird nämlich dasSpectrum, das heißt jenes verlängerte farbige Bild derSonne, welches durch ein horizontales Prisma im dritten Ex-periment hervorgebracht worden, durch ein vertical stehendes