Polemischer Theil,
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Prisma aufgefangen, und durch selbiges nach der Seite ge-brochen , da es denn .völlig wie vorher, nur etwas vorwärtsgebogen, erscheint, so nämlich, daß der violette Theil vor-ausgeht.
100.
Newton schließt nun daraus fvlgendermaaßen:
Läge die Ursache der Verlängerung des Bildes inder Brechung etwa dergestalt, daß die Sonnenstrahlendurch sie zerstreut, zersplittert und ausgeweitet würden,so müßte ein solcher Effect durch eine zweite Refractionabermals hervorgebracht, und das lange Bild, wennman seine Länge durch ein zweites Prisma, parallelmit dessen Achse, auffängt, abermals in die Breite ge-zogen , und wie vorher aus einander geworfen werden.Allein dieses geschieht nicht, sondern das Bild gehtlang, wie es war, heraus, und neigt sich nur einwenig; daher sich folgern läßt, daß die Ursache derErscheinung auf einer Eigenschaft des Lichtes beruhe,und daß diese Eigenschaft, da sie sich nun in so vielfarbigen Lichtern einmal manifestirt, nun keine weitereEinwirkung annehme, sondern daß das Phänomennunmehr unveränderlich bleibe, nur daß es sich beieiner zweiten Refraction etwas niederbückt, jedoch aufeine der Natur sehr gemäße Weise, indem auch hierdie mehr refrangibeln Strahlen, die violetten, voraus-gehen , und also auch ihre Eigenheit vor den übrigensehen lassen.
101 .
Newton begeht hierbei den Fehler, den wir schon frühergerügt haben, und den er durch sein ganzes Werk begeht, daßer nämlich das prismatische Bild als ein fertiges, unveränder-liches ansieht, da es doch eigentlich immer nur ein werdendesund immer abänderliches bleibt. Wer diesen Unterschied wohlgefaßt hat, der kennt die Summe des ganzen Streites undwird unsere Einwendungen nicht allein einsehen und ihnenbeipflichten, sondern er wird sie sich selbst entwickeln. Auchhaben wir schon in unserm Entwürfe dafür gesorgt (205—207),daß man das Verhältniß dieses gegenwärtige-' Phänomens be-quem einsehen könne; wozu auch unsere zweite Tafel dasIhrige beitragen wird. Man muß nämlich Prismen von we-nigen Graden, z. B. von 15, anwenden, wobei man dasWerden des Bildes deutlich beobachten kann. Verrückt mansubjectiv nun durch ein Prisma das Bild dergestalt, daß es indie Höhe gehoben erscheint, so wird es in dieser Richtung ge-färbt. Man sehe nun durch ein anderes Prisma, daß dasBild im rechten Winkel nach der Seite gerückt erscheint, sowird es in dieser Richtung gefärbt seyn; man bringe beidePrismen nunmehr kreuzweise über einander, so muß das Bildnach einem allgemeinen Gesetze sich in der Diagonale verrückenund sich in dieser Richtung färben: denn es ist in einem wiein dem andern Falle ein werdendes, erst entstehendes Gebilde;denn die Ränder und Säume entstehen bloß in der Linie desVerrückens. Jenes gebückte Bild Newtons aber ist keineswegsdas aufgefangene erste, das nach der zweiten Refraction einenReverenz macht, sondern ein ganz neues, das nunmehr in derihm zugenöthigten Richtung gefärbt wird. Man kehre übrigens
zu unsern angeführten Paragraphen und Tafeln nochmals zu-rück, und man wird die völlige Ueberzeugung dessen, was wirsagen, zum Gewinn haben.
Und auf diese Weise vorbereitet, gehe man nun bei New-ton selbst die sogenannte Illustration dieses Experiments unddie derselben gewidmeten Figuren und Beschreibungen durch,und man wird einen Fehlschluß nach dem andern entdecken, undsich überzeugen, daß jene Proposition keineswegs durch diesesExperiment irgend ein Gewicht erhalten habe.
102 .
Indem wir nun, ohne unsere Leser zu begleiten, ihnen dasGeschäft für einen Augenblick selbst überlassen, müssen wir aufdie sonderbaren Wege aufmerksam machen, welche der Verfassernunmehr einzuschlagen gedenkt.
103.
Bei dem fünften Versuche erscheint das prismatische Bildnicht allein gesenkt, sondern auch verlängert. Wir wissen diesesaus unsern Elementen sehr gut abzuleiten: denn indem wir,um das Bild in der Diagonale erscheinen zu lassen, ein zweitesPrisma nöthig haben, so heißt das eben so viel, als wenn dieErscheinung durch ein gedoppeltes Prisma hervorgebracht wäre.Da nun eine der vorzüglichsten Bedingungen der zu verbreitern-den Farbenerscheinuiig das verstärkte Maaß des Mittels ist(E. 210), so muß also auch dieses Bild, nach dem Verhältnißder Stärke der angewendeten Prismen, mehr in die Länge ge-dehnt erscheinen. Man habe diese Ableitung beständig im Auge,indem wir deutlich zu machen suchen, wie künstlich Newton esanlegt, um zu seinem Zwecke zu gelangen;
Unsern Lesern ist bekannt, wie man das bei der Refractionentstehende farbige Bild immer mehr verlängern könne, da wirdie verschiedenen Bedingungen hierzu umständlich ausgeführt.Nicht weniger sind sie überzeugt, daß, weil bei der Verlänge-rung des Bildes die farbigen Ränder und Säume immerbreiter werden und die gegen einander gestellten sich immerinniger zusammendrängen, daß durch eine Verlängerung desBildes zugleich eine größere Vereinigung seiner entgegengesetztenElemente vorgehe. Dieses erzählen und behaupten wir gerne,ganz einfach, wie es der Natur gemäß ist.
Newton hingegen muß sich mit seiner ersonnenen Un-natur viel zu schaffen machen, Versuche über Versuche, Fiktio-nen über Fictionen häufen, um zu blenden, wo er nicht über-zeugen kaun.
Seine zweite Proposition, mit deren Beweis er sich gegen-wärtig beschäftigt, lautet doch, das Sonnenlicht bestehe ausverschieden refrangibeln Strahlen. Da diese verschiedenenLichtstrahlen und Lichter integrirende Theile des Sonnenlichtesseyn sollen, so begreift der Verfasser wohl, daß die Forderungentstehen könne und müsse, diese verschiedenen Wesen doch auchabgesondert und deutlich vereinzelt neben einander zu sehen.
Schon wird das Phänomen des dritten Experiments, dasgewöhnliche Spectrum, so erklärt, daß es die aus einander ge-schobenen verschiedenen Lichter des Sonnenlichtes, die aus ein-ander gezogenen verschiedenfarbigen Bilder des Sonnenbildeszeige und manifestirc; allein bis zur Absonderung ist es nochweithin. Eine stetige Reihe in einander greifender, aus ein-ander gleichsam quellender Farben zu trennen, zu zerschneiden,zu zerreißen, ist eine schwere Aufgabe; und doch wird Newtonin seiner vierten Proposition mit dem Problem hervortreten,