228
Zur Farbenlehre,
auf die eine Oeffnung den gelbrothen Theil des Bildes, und jaus dem andern Prisma den violetten Theil auf die andereOeffnung fallen; man fange die beiden verschiedenfarbigenBilder auf einer dahinter stehenden weißen Tafel auf, und manwird sie horizontal neben einander sehen. Nun ergreife manein Prisma, das groß und lang genug ist, beide Bildchenaufzufassen, und bringe dasselbe horizontal nahe hinter diedurchlöcherte Tafel, und breche beide Bildchen zum zweitenmal,so daß sie sich auf der weißen Tafel abermals abbilden. Beidewerden in die Höhe gerückt erscheinen, aber ungleich, das vio-lette weit höher als das gelbrothe; wovon uns die Ursache ausdem Vorigen bekannt ist. Wir empfehlen diesen Versuch allenübrig bleibenden Newtoniauern, um ihre Schüler in Erstaunenzu setzen und im Glauben zu stärken. Wer aber unserer Dar-stellung ruhig gefolgt ist, wird erkennen, daß hier an einzelnenTheilen auch nur das geschehe, was an den ganzen Bilderngeschehen würde, wenn zwei derselben, wovon das eine tieferals das andere stünde, eine zweite Refraction erlitten. Es istdieses letzte ein Versuch, den man mit dem großen Wasser-Prisma recht gut anstellen kann.
136.
Genöthigt finden wir uns übrigens, noch eines Umstandeszu erwähnen, welcher besonders bei dem folgenden Versuch zurSprache kommen wird, und der auch bei dem gegenwärtigenmit eintritt, ob er hier gleich nicht von so großer Bedeutungist. Man kann nämlich die durch die objective prismatischeWirkung entstandenen Bilder als immer werdend- und beweg-liche ansehen, so wie wir es durchaus gethan haben; mit diesenkann man nicht operiren, ohne sie zu verändern. Man kannsie aber auch, wie besonders Newton thut, wie wir aber nurmit der größten Einschränkung und für einen Augenblick thun,als fertig ansehen, und mit ihnen operiren.
137.
Sehen wir nun die einzelnen durch eine durchlöcherte Tafeldurchgegangenen Bilder als fertig an, operiren mit denselbenund verrücken sie durch eine zweite Refraction, so muß daseintreten, was wir überhaupt von Verrückung farbiger Bilderdargethan haben: es müssen nämlich an ihnen abermals Ränderund Säume entstehen, aber entweder durch die Farbe desBildes begünstigte oder verkümmerte. Das isolirte gelbrotheBild nehmen wir aus dem einwärts strebenden gelbrothenRande; an seiner untern Gränze wird es durch einen gleich-namigen neuen Rand an Farbe verstärkt, das allenfalls ent-springende Gelb verliert sich, und an der entgegengesetztenSeite kann wegen des Widerspruchs kein Blau und folglichauch kein Violett entstehen. Das Gelbrothe bleibt also gleichsamiu sich selbst zurückgedrängt, erscheint kleiner und geringer, alses seyn sollte. Das violette Bild hingegen ist ein Theil des ausdem ganzen Bild hinaus strebenden violetten Saumes. Eswird allenfalls au seiner untern Gränze ein wenig verkümmert,und hat oben die völlige Freiheit, vorwärts zu gehen. Dieses,mit jenen obigen Betrachtungen zusammengenommen, läßtauf ein weiteres Vorrücken des Violetten auch durch diesenUmstand schließen. Jedoch legen wir hierauf keinen allzu großenWerth, sondern führen es nur an, damit man sich bei einer socomplicirten Sache eines jeden Nebenumstandes erinnere; wieman denn, um sich von der Entstehung dieser neuen Ränder
zu überzeugen, nur den gelben Theil des Bildes durch eineOeffnung im Breie durchführen, und alsdann zum zweitenmalhinter demselben refrangiren mag.
Siebenter Versuch.
138.
Hier läßt der Verfasser durch zwei neben einander gestelltePrismen zwei Spectra in die dunkle Kammer fallen. Aufeinen horizontalen schmalen Streifen Papier trifft nun dierothe Farbe des einen Spectrums, und gleich daneben dieviolette Farbe des andern. Nun betrachtet er diesen doppeltprismatisch gefärbten Streifen durch ein zweites Prisma, undfindet das Papier gleichsam aus einander gerissen: die blaueFarbe des Streifens hat sich nämlich viel weiter herunter be-geben als die rothe. Es versteht sich, daß der Beobachter durchein Prisma blickt, dessen brechender Winkel nach unten ge-kehrt ist.
139.
Man sieht, daß dieß eine Wiederholung des ersten Ver-suches werden soll, welcher dort mit körperlichen Farben an-gestellt war, hier aber mit Flächen angestellt wird, die einescheinbare Mittheilung durch apparente Farben erhalten haben.Der gegenwärtige Fall, die gegenwärtige Vorrichtung ,ist dochvon jenen himmelweit unterschieden, und wir werden, da wirdas Phänomen nicht leugnen, es abermals auf mancherleiWeise darzustellen, aus unsern Quellen abzuleiten und dasHohle der Newtonschen Erklärung darzuthun suchen.
140.
Wir können unsere erstgemeldete (135) Vorrichtung mitzwei Prismen neben einander beibehalten. Wir lassen dasrothe und violette Bildchen neben einander auf die Hintereweiße Tafel fallen, so daß sie völlig horizontal stehen. Mannehme nun das horizontale Prisma vor die Augen, den brechen-den Winkel gleichfalls unterwärts gekehrt, und betrachte jeneTafel; sie wird auf die bekannte Weise verrückt seyn, alleinzugleich wird man einen bedeutenden Umstand eintreten sehen:das rothe Bild nämlich rückt nur in sofern von der Stelle, alsdie Tafel verrückt wird; seine Stelle auf der Tafel hingegenbehält es genau. Mit dem violetten Bilde verhält es sich nichtso; dieses verändert seine Stelle, es zieht sich viel weiterherunter, es steht nicht mehr mit dem rothen Bilde auf Einerhorizontalen Linie.
141.
Sollte es den Newtonianern möglich seyn, auch künftig nochdie Farbenlehre in die dunkle Kammer einzusperren, ihreSchüler in die Gängelbank einzuzwängen, und ihnen jedenSchritt freier Beobachtung zu versagen, so wollen wir ihnenauch diesen Versuch besonders empfohlen haben, weil er etwasUeberraschendes und Jmponirendes mit sich führt. Uns abermuß angelegen seyn, die Verhältnisse des Ganzen deutlich zumachen, und bei dem gegenwärtigen Versuche zu leisten, wasbei dem vorigen bestanden worden.
142.
Newton verbindet hier zum erstenmal die objectiven Versuchemit den subjektiven. Es hätte ihm also geziemt, den Haupt-versuch (E. 350—356) zuerst aufzustellen und vorzutragen,