Polemischer Theil.
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dessen er, nach seiner Unmethode, erst viel später erwähnt,wo das Phänomen, weit entfernt, zur wahren Einsicht indie Sache etwas beizutragen, nur wieder neue Verwirrungenanzurichten im Fall ist. Wir setzen voraus, daß jedermanndiesen Versuch gesehen habe, daß jedermann, den die Sacheinteressirt, so eingerichtet sey, um ihn, so oft die Sonne scheint,wiederholen zu können.
143.
Dort wird also das längliche Farbenbild durch ein Prismaan die Wand in die Höhe geworfen; man nimmt sodann einvöllig gleiches Prisma, den brechenden Winkel unterwärts ge-kehrt, hält es vor die Augen, und tritt nahe vor das Bild aufder Tafel. Man sieht es wenig verändert, aber je weiter manzurücktritt, desto mehr zieht es sich, nicht allein herabwärts,sondern auch in sich selbst zusammen, dergestalt daß der violetteSaum immer kürzer wird. Endlich erscheint die Mitte weiß,und nur die Gränzen des Bildes gefärbt. Steht der Beobachtergenau so weit als das erste Prisma, wodurch das farbige Bildentstand, so erscheint es ihm nunmehr subjectiv farblos. Tritter weiter zurück, so färbt es sich im umgekehrten Sinne herab-wärts. Ist man doppelt so weit zurückgetreten, als das erstePrisma von der Wand steht, so sieht man mit freiem Augedas aufstrebende, durch das zweite Prisma aber das Herab-strebende umgekehrte, gleich stark gefärbte Bild; woraus soviel abermals erhellt, daß jenes erste Bild an der Wand keines-wegs ein fertiges, im Ganzen und in seinen Theilen unver-änderliches Wesen sey, sondern daß es seiner Natur nach zwarbestimmt, aber doch wieder bestimmbar, und zwar bis zumGegensatz bestimmbar, gefunden werde.
144.
Was nun von dem ganzen Bilde gilt, das gilt auch vonseinen Theilen. Man fasse das ganze Bild, ehe es zur gedachtenTafel gelangt, mit einer durchlöcherten Zwischeutafel auf, undman stelle sich so, daß man zugleich das ganze Bild auf derZwischeutafel, und die einzelnen verschiedenfarbigen Bilder aufder Haupttafel sehen könne. Nun beginne man den vorigenVersuch. Man trete ganz nahe zur Haupttafel, und betrachtedurch's horizontale Prisma die vereinzelt über einander stehen-den farbigen Bilder; man wird sie, nach Verhältniß der Nähe,nur wenig vom Platz gerückt finden. Man entferne sich nun-mehr nach und nach,-und man wird niit Bewunderung sehen,daß das rothe Bild sich nur in sofern verrückt, als die Tafelverrückt scheint, daß sich hingegen die obern Bilder, das violette,blaue, grüne, nach und nach herab gegen das rothe ziehen, undsich mit diesem verbinden, welches denn zugleich seine Farbe,doch nicht völlig, verliert, und als ein ziemlich rundes ein-zelnes Bild dasteht.
145.
Betrachtet man nun, was indessen auf der Zwischeutafelvorgegangen, so sieht man, daß sich das verlängerte farbigeBild für das Auge gleichfalls zusammengezogen, daß der violetteSaum scheinbar die Oeffuung verlassen, vor welcher diese Farbesonst schwebte, daß die blaue, grüne, gelbe Farbe gleichfallsverschwunden, daß die rothe zuletzt auch völlig aufgehobenist, und fllr's Auge nur ein weißes Bild auf der Zwischen-tafel steht. Entfernt man sich noch weiter, so färbt sich diesesweiße Bild umgekehrt, wie schon weitläufig ausgeführt wor-den (143).
146.
Man beobachte nun aber, was auf der Haupttafel geschieht.Das einzige dort übrige noch etwas röthliche Bild fängt nunauch an, sich am obern Theile stark roth, am untern blau undviolett zu färben. Bei dieser Umkehrung vermögen die ver-schwundenen Bilder des obern Theils nicht sich einzeln wieder-herzustellen. Die Färbung geschieht an dem einzig übrig ge-bliebenen untern Theil, an der Base, an dem Kern desGanzen.
147.
Wer diese sich einander entsprechenden Versuche genau kennt,der wird sogleich einsehen, was es für eine Bewandniß mitden zwei horizontal neben einander gebrachten Bildern (140)und deren Verrückung habe, und warum sich das Violette vonder Linie des Rothen entfernen müssen, ohne deßhalb einediverse Refrangibilität zu beweisen. Denn wie alles dasjenige,was vom ganzen Bilde gilt, auch von den einzelnen Theilengelten muß, so gilt von zwei Bildern neben einander und vonihren Theilen eben dasselbe; welches wir nun durch Darstellungund Entwicklung der Newtonschen Vorrichtung noch umständ-licher und unwidersprechlicher zeigen wollen.
148.
Man stelle einen schmalen, etwa fingerbreiten Streifenweiß Papier, quer über einen Rahmen befestigt, in der dunkelnKammer dergestalt auf, daß er einen dunkeln Hintergrundhabe, und lasse nun von zwei neben einander gestellten Prismen,von einem die rothe Farbe, vom andern die violette oder auchwohl blaue auf diesen Streifen fallen; man nehme alsdanndas Prisma vor's Auge und sehe nach diesem Streifen: dasRothe wird an demselben verharren, sich mit dem Streifenverrücken, und nur noch feuriger roth werden. Das Violettehingegen wird das Papier verlassen, und als ein geistiger,jedoch sehr deutlicher Streif, tiefer unten über der Finsternißschweben. Abermals eine sehr empfehlenswerthe Erscheinungfür diejenigen, welche die Newtonsche Taschenspielerei fortzu-setzen gedenken, höchlich bewundcrnswerth für die Schüler inder Laufbank.
149.
Aber damit man vom Staunen zum Schauen übergehenmöge, geben wir folgende Vorrichtung an. Man mache dengedachten Streifen nicht sehr lang, nicht länger, als daß beideBildertheile jedes zur Hälfte darauf Platz haben. Man machedie Wangen des Rahmens, an die man den Streifen befestigt,etwas breit, so daß die andere Hälfte der Bilder, der Längenach getheilt, darauf erscheinen könne. Man sieht nun alsobeide Bilder zugleich, mit allen ihren Schattirungen, das einehöher, das andere tiefer, zu beiden Seiten des Rahmens.Man sieht nun auch einzelne Theile nach Belieben, z. B. Gelb-roth und Blauroth, von beiden Seiten auf dem Papierstreifen.Nun ergreife man jene Versuchsweise. Man blicke durch'sPrisma nach dieser Vorrichtung, so wird man zugleich dieVeränderung der ganzen Bilder und die Veränderung derTheile gewahr werden. Das höhere Bild, welches dem Streifendie rothe Farbe mittheilt, zieht sich zusammen, ohne daß dasRothe seine Stelle auf dem Rahmen, ohne daß die rothe Farbeden Streifen verlasse. Das niedrigere Bild aber, welches dieviolette Farbe dem Streifen mittheilt, kann sich nicht zusammen-ziehen, ohne daß das Violette seine Stelle auf dem Rahmen