Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Polemischer Theil, 235

Dritte Proposition. Drittes Theorem.

Das Licht der Sonne besteht aus Strahlen, die ver-schieden reflexibel sind, und die am meisten refran-gibeln Strahlen sind auch die am meisten reflexibeln.

194.

Nachdem der Verfasser uns genugsam überzeugt zu habenglaubt, daß unser weißes, reines, einfaches, Helles Licht ausverschiedenen farbigen, dunkeln Lichtern insgeheim gemischt sey,und diese innerlichen Theile durch Resraction hervorgenöthigtzu haben Mahnt, so denkt er nach, ob nicht auch noch auf andereWeise diese Operation glücken möchte, ob man nicht durchandere verwandte Bedingungen das Licht nöthigen könne, seinenBusen auszuschließen?

195.

Der Resraction ist die Reflexion nahe verwandt, so daßdie erste nicht ohne die letzte vorkommen kann. Warum sollteReflexion, die sonst so mächtig ist, nicht auch dießmal auf dasunschuldige Licht ihre Gewalt ausüben? Wir haben eine diverseRefrangibilität; es wäre doch schon, wenn wir auch eine diverseReflexibilitat hätten. Und wer weiß, was sich nicht noch allesfernerhin daran anschließen läßt? Daß nun dem Verfasser derBeweis durch Versuche, wozu er sich nunmehr anschickt, vorden Augen eines gewarnten Beobachters eben so wenig alsseine bisherigen Beweise gelingen werde, läßt sich voraussehen;und wir wollen von unserer Seite zur Aufklärung dieses Fehl-griffs das möglichste beitragen.

Neunter Versuch.

196.

Wie der Verfasser hierbei zu Werke geht, ersuchen wirunsere Leser, in der Optik selbst nachzusehen; denn wir geden-ken, anstatt uns mit ihm einzulassen, anstatt ihm zu folgen,und ihn Schritt für Schritt zu widerlegen, uns auf eigenemWege um die wahre Darstellung des Phänomens zu bemühen.Wir haben zu diesem Zweck auf unserer achten Tafel die ein-undzwanzigste Figur der vierten Newtonschen Tafel zum Grundegelegt, jedoch eine naturgemäßere Abbildung linearisch ausge-drückt, auch zu besserer Ableitung des Phänomens die Figurfünfmal nach ihren steigenden Verhältnissen wiederholt, wo-durch die iil deut Versuch vorgeschriebene Bewegung gelrisser-maaßen vor Augen gebracht und, was eigentlich vorgehe, demBeschauenden offenbar wird. Uebrigens haben wir zur leichternUebersicht des Ganzen die Buchstaben der Newtonschen Tafelnbeibehalten, so daß eine Vergleichung sich bequem anstellenläßt. Wir beziehen uns hierbei auf die Erläuterung unsererKupfertafeln, wo wir noch manches über die Unzulänglichkeitund Verfänglichkeit der Newtonschen Figuren überhaupt beizu-bringen gedenken.

197.

Man nehme nunmehr unsere achte Tafel vor sich und be-trachte die erste Figur. Bei I? trete das Sonnenbild in diedunkle Kammer, gehe durch das rechtwinkelige Prisma X80bis auf dessen Base N, von da an gehe es weiter durch, werdegebrochen, gefärbt und male sich, auf die uns bekannte Weise,aus einer unterliegenden Tafel als ein längliches Bild 611. Bei

dieser ersten Figur erfahren wir weiter nichts, als was unsschon lange bekannt ist.

198.

In der zweiten Figur trete das Sonnenbild gleichfalls bei8 in die dunkle Kammer, gehe in das rechtwinkelige PrismaX80, und spiegle sich auf dessen Boden N dergestalt ab, daßes es durch die Seite XO heraus nach einer unterliegendenTafel gehe, und daselbst das runde und farblose Bild X aus-werfe. Dieses runde Bild ist zwar ein abgeleitetes, aber einvöllig unverändertes; es hat noch keine Determination zu irgendeiner Farbe erlitten.

199.

Man lasse nun, wie die dritte Figur zeigt, dieses Bild Xauf ein zweites Prisma VXX fallen, so wird es beim Durch-gehen eben das leisten, was ein originäres oder von jedemSpiegel zurückgeworfenes Bild leistet; es wird nämlich, nachder uns genugsam bekannten Weise, auf der entgegengestelltenTafel das längliche gefärbte Bild xt abmalen.

200 .

Man lasse nun, nach unserer vierten Figur, den Apparatdes erste» Prismas durchaus wie bei den drei ersten Fällen,und fasse mit einem zweiten Prisma VXX auf eine behutsameWeise nur den obern Rand des Bildes X auf, so wird sich zu-erst auf der entgegengesetzten Tafel der obere Rand x des Bil-des p t blau und violett zeigen, dahingegen der untere t sick-erst etwas später sehen läßt, nur dann erst, wenn man dasganze Bild X durch das Prisma VXX aufgefaßt hat. Daßman eben diesen Versuch mit einem direkten oder von einemPlanspiegel abgespiegelten Sonnenbilde machen könne, verstehtsich von selbst.

201 .

Der grobe Irrthum, den hier der Verfasser begeht, ist der,daß er sich und die Seinigen überredet, das bunte Bild 68der ersten Figur habe mit dem farblosen Bilde X der zweiten,dritten und vierten Figur den innigsten Zusammenhang, dadoch auch nicht der mindeste stattfindet. Denn wenn das beider ersten Figur in L1 anlangende Sonnenbild durch die Seite80 hindurchgeht und nach der Resraction in 68 gefärbt wird,so ist dieses ein ganz anderes Bild als jenes, das in der zweitenFigur von der Stelle L nach X zurückgeworfen wird und farb-los bleibt, bis es, wie uns die dritte Figur überzeugt, in xtauf der Tafel, bloß als käme es von einem directen Lichte,durch das zweite Prisma gefärbt abgebildet wird.

202 .

Bringt mau nun, wie in der vierten Figur gezeichnet ist,ein Prisma sehr schief in einen Theil des Bildes (200), so ge-schieht dasselbe, was Newton durch eine langsame Drehung desersten Prismas um seine Achse bewirkt, eine von den scheinbarenFeinheiten und Accuratessen unseres Experimentators.

203.

Denn wie wenig das Bild, das bei N durchgeht und aufder Tafel das Bild 68 bildet, mit dem Bilde, das bei Ll zu-rückgeworfen und farblos bei X abgebildet wird, gemein habe,wird nun jedermann deutlich seyn. Allein noch auffallender istes, wenn man bei der fünften Figur den Gang der Linienverfolgt. Man wird alsdann sehen, daß da, wo das Bild Llnach der Resraction den gelben und gelbrothen Rand 6 er-zeugt, das Bild X nach der Refraktion den violetten x erzeuge,