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Zur Farbenlehre.
Kleider waren deutlich, sobald die Personen in den Bildpunktoder in seine Region kamen; alle Muster zeigten sich genau, esmochte bloß Hell und Dunkel oder beides mit Farbe oder Farbemit Farbe wechseln. Wir können also hier abermals kühnwiederholen, daß alles natürliche und künstliche Sehen unmög-lich wäre, wenn die Newtonsche Lehre wahr seyn sollte.
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Der Hauptirrthnm, dessen Beweis man durch den achtenso wie durch die zwei ersten Versuche erzwingen will, ist der,daß man farbigen Flächen Farben, wenn sie als Massen imMalersinne erscheinen und wirken, eine Eigenschaft zuschreibenmöchte, vermöge welcher sie, nach der Refraktion, früher oderspäter in irgend einem Bildpnnkt anlangen; da es doch keinenBildpnnkt ohne Bild giebt, und die Aberration, die bei Ver-rückung des Bildes durch Brechung sich zeigt, bloß an denRändern vorgeht, die Mitte des Bildes hingegen nur in einemäußersten Falle afsicirt wird. Die diverse Refrangibilität istalso ein Mährchen. Wahr aber ist, daß Nefractiou auf einBild nicht rein wirkt, sondern ein Doppelbild hervorbringt,dessen Eigenschaft wir in unserm Entwurf genugsam klargemacht haben.
Rekapitulation -er acht ersten Versuche.
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Da wir nunmehr aus einen Punkt unserer PolemischenWanderung gekommen sind, wo es Vortheilhaft seyn möchte,stillzustehen und sich umzuschauen nach dem Weg, welchenwir zurückgelegt haben, so wollen wir das Bisherige zusammen-fassen und mit wenigen Worten die Resultate darstellen.
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Newtons bekannte, von andern und uns bis zum Ueberdrußwiederholte Lehre soll durch jene acht Versuche bewiesen seyn.Und gewiß, was zu thun war, hat er gethan: denn im folgen-den findet sich wenig Neues; vielmehr sucht er nur von andernSeiten her seine Argumente zu bekräftigen. Er vermannich-faltigt die Experimente, und nöthigt ihnen immer neue Be-dingungen auf. Aus dem schon Abgehandelten zieht er Folge-rungen, ja er geht polemisch gegen Andersgesinnte zu Werke.Doch immer dreht er sich nur in einem engen Kreise, und stelltseinen kümmerlichen Hausrath bald so, bald so zurecht. Kennenwir den Werth der hinter uns liegenden acht Experimente, soist uns in dem Folgenden weniges mehr fremd. Daher kommtes auch, daß die Ueberlieferung der Newtonschen Lehre in denCompendien unserer Experimentalphysik so lakonisch vorgetragenwerden konnte. Mehrgedachte Versuche gehen wir nun einzelndurch.
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Indem dritten Versuche wird das Hauptphänomen, dasprismatische Spectrum, unrichtig als Scale dargestellt, da esursprünglich aus einem Entgegengesetzten, das sich erst spätervereinigt, besteht. Der vierte Versuch zeigt uns eben diese Er-scheinung subjectiv, ohne daß wir mit ihrer Natur tiefer be-kannt würden. Im fünften neigt sich gedachtes Bild durchwiederholte Refraction etwas verlängert zur Seite. Woherdiese Neigung in der Diagonale so wie die Verlängerung sichherschreibc, wird von uns umständlich dargethan.
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Der sechste Versuch ist das sogenannte LxzierimsntumOueis, und hier ist wohl der Ort anzuzeigen, was eigentlichdurch diesen Ausdruck gemeint sey. Orux bedeutet hier einenin Kreuzesform an der Landstraße stehenden Wegweiser, unddieser Versuch soll also für einen solchen gelten, der uns vorallem Irrthum bewahrt und unmittelbar auf das Ziel hin-deutet. Wie es mit ihm beschaffen, wissen diejenigen, dieunserer Ausführung gefolgt sind. Eigentlich gerathen wir da-durch ganz in's Stecken, und werden um nichts weitergebracht,nicht einmal weiter gewiesen: denn im Gninde ist es nur einläem per iäem. Refrangirt man das ganze prismatische Bildin derselben Richtung zum zweitenmal, so verlängert es sich,wobei aber die verschiedenen Farben ihre vorigen Entfernungennicht behalten. Was auf diese Weise am Ganzen geschieht, ge-schieht auch an den Theilen. Im Ganzen rückt das Violetteviel weiter vor als das Rothe, und eben dasselbe thut das ab-gesonderte Violette. Dieß ist das Wort des Räthsels, auf dessenfalsche Auflösung man sich bisher so viel zu Gute gethan hat.In dem siebenten Versuche werden ähnliche subjective Wir-kungen gezeigt, und von uns aus ihre wahren Elemente zurück-geführt.
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Hatte sich nun der Verfasser bis dahin beschäftigt, die far-bigen Lichter aus dem Sonnenlichte heranszuzwingen, so warschon früher eingeleitet, daß auch körperliche Farben eigentlichsolche farbige Lichttheile von sich schicken. Hierzu war der ersteVersuch bestimmt, der eine scheinbare Verschiedenheit in Ver-rückung bunter Quadrate auf duukelm Grund vor's Augebrachte. Das wahre Verhältniß haben wir umständlich gezeigt,und gewiesen, daß hier nur die Wirkung der prismatischenRänder und Säume an den Gränzen der Bilder die Ursacheder Erscheinung sey.
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Im zweiten Versuche wurden auf gedachten bunten Flächenkleinere Bilder angebracht, welche, durch eine Linse auf eineweiße Tafel geworfen, ihre Umrisse früher oder später daselbstgenauer bezeichnen sollten. Auch hier haben wir das wahreVerhältniß umständlich auseinandergesetzt, so wie bei demachten Versuch, welcher, mit prismatischen Farben angestellt,dem zweiten zu Hülfe kommen und ihn außer Zweifel setzensollte. Und so glauben wir durchaus das Verfängliche undFalsche der Versuche so wie die Nichtigkeit der Folgerungenenthüllt zu haben.
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Um zu diesem Zwecke zu gelangen, haben wir immerfortaus unsern Entwurf hingewiesen, wo die Phänomene innaturgemäßerer Ordnung aufgeführt sind. Ferner bemerktenwir genau, wo Newton etwas Unvorbereitetes einführt, umden Leser zu überraschen. Nicht weniger suchten wir zugleichdie Versuche zu vereinfachen und zu vcrmanuichfaltigen, damitman sie von der rechten Seite und von vielen Seiten sehenmöge, um sie durchaus beurtheilen zu können. Was wir sonstnoch gethan und geleistet, um zu unserm Endzweck zu gelangen,darüber wird uns der günstige Leser und Theilnehmcr selbstdas Zeugniß geben.