Zur Farbenlehre.
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daß man zwar irgend ein durch Erfahrung ausgemitteltes all-gemeines Naturgesetz linearsymbolisch ausdrucken, und dabeigar wohl die Umstände, wodurch das zum Grunde liegendePhänomen hervorgebracht wird, voraussetzen könne; daß manaber von solchen Figuren auf dem Papiere nicht gegen dieNatur weiter operiren dürfe, daß man bei Darstellung einesPhänomens, das bloß durch die bestimmtesten Bedingungenhervorgebracht wird, eben diese Bedingungen nicht ignoriren,verschweigen, beseitigen dürfe, sondern sich Mühe zu gebenhabe, diese gleichfalls im allgemeinen auszusprechen und sym-bolisch darzustellen. Wir glauben dieses auf unserer eilftenTafel geleistet, dem, was wir in unserm Entwurf mühsamauferbaut, hierdurch den Schlußstein eingesetzt, und die Sachezur endlichen Entscheidung gebracht zu haben, und dürfen wohlhoffen, daß man besonders diese Figuren künftig in die Com-pendien aufnehmen werde, da man an ihnen Lehre und Eon-trovers am besten und kürzesten vortragen kann.
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Um endlich alles auf Einem Blatte übersehen zu können,haben wir in der fünften Figur dasjenige Phänomen dargestellt,woraus dieAchromasie und sogar dieHyperchromasie entspringt.Wir nehmen an, daß ein mit dem vorigen gleich brechendesMittel die chemische Kraft und Gabe besitze, die Farben-erscheinung mehr zu verbreiten. Hier sieht man, daß, beigleicher Jncidenz mit Nr. 1 und gleicher Refraktion, dennocheine ansehnliche Differenz in der Farbenerscheinung sey. Viel-leicht ist dieses Phänomen auch in der Natur darzustellen, wiees hier nur in sdstiseto steht, wie man denn schon jetzt dieFarbenerscheinung eines Mittels vermehren kann, ohne anseiner RefractionSkraft merklich zu ändern. Auch wiederholenwir hier die Vermuthung (E. 686), daß es möglich seyn möchte,irgend einem refrangirenden Mittel die chemische Eigenschaft,farbige Ränder und Säume hervorzubringen, gänzlich zubenehmen.
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Wem nunmehr dieses bisher von uns Dargestellte deutlichund geläufig ist, dem wird alles, was Newton von Messung,Berechnung und Räsonnement bei dieser Proposition anbringt,weiter nicht imponiren, um so weniger als durch die neuernErfahrungen jenes alte Sparrwerk längst eingerissen ist. Sobekriegen wir auch nicht den
fünfzehnten Versuch.
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Es wird iu demselben die Seitenbewegung des Spectrnms,die uns durch den fünften Versuch bekannt geworden, durchmehrere Prismen wiederholt, dadurch aber weiter nichts ge-leistet, als daß das immer verlängerte Spectrum sich immermehr bückt; welches alles uns nach dem, was wir schon ge-nugsam kennen, weiter nicht interessirt.
Siebente Proposition. Sechstes Theorem.DieVollkommenheit der Teleskope wird verhindert durchdie verschiedene Refrangibilität der Lichtstrahlen. j
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Man kann von verschiedenen Seiten in eine Wissenschaft !herein- oder auch zu einem einzelnen Phänomen herankommen, >
und von dieser ersten Ansicht hängt sehr oft die ganze Behand-lung des Gegenstandes ab. Giebt man hierauf in der Geschichtedes Wissens wohl Acht, bemerkt man genau, wie gewisse In-dividuen, Gesellschaften, Nationen, Zeitgenossen an eine Ent-deckung, an die Bearbeitung eines Entdeckten herankommen,so klärt sich manches auf, was außerdem verborgen bliebe oderuns verwirrt machte. In der Geschichte der Chromatik werdenwir diesen Leitfaden öfters anknüpfen, und auch bei Beurthei-lung des gegenwärtigen Abschnittes soll er uns gute Dienstethun. Wir bemerken also vor allen Dingen, daß Newton seinInteresse für die Farbenlehre dadurch gewann, daß er die diop-trischen Fernröhre zu verbessern suchte.
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Bei Entdeckung der Refractionsgesetze hatte man die Farben-erscheinung nicht beachtet, und zwar mit Recht: denn bei Ver-suchen mit parallelen Mitteln ist sie von keiner Bedeutung.Als man aber geschliffene Gläser zu Brillen und Teleskopenanwendete, kam dieses Phänomen näher zur Sprache. So-bald die Teleskope einmal entdeckt waren, gingen Mathematikerund Techniker mit Ernst auf ihre Verbesserung los, der sichbesonders zwei Mängel entgegenstellten, die man Aberrationen,Abirrungen nannte. Die eine kam von der Form her: dennman bemerkte, daß die aus Kugelschnitten bestehenden Linsennicht alle Theile des Bildes rein in Einen Punkt versammelten,sondern die Strahlen — indem man sich dieser Vorstellungdabei bediente — theils früher theils später zur Convergenzbrachten. Man that daher den Vorschlag und machte Versuche,elliptische und parabolische Gläser anzuwenden, welche jedochnicht vollkommen gelingen wollten.
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Während solcher Bemühungen ward man auf die zweiteAbweichung, welche farbig war, aufmerksam. Es zeigte sich,daß der Deutlichkeit der Bilder sich eine Farbenerscheinungentgegensetze, welche besonders die Gränzen, worauf es dochhauptsächlich bei einem Bilde ankommt, unsicher machte. Langehielt man diese Erscheinung für zufällig; man schob sie auf eineunregelmäßige Brechung, auf Unrichtigkeiten des Glases, aufUmstände, welche vorhanden und nicht vorhanden seyn konnten,und war indeß unablässig bemüht, jene erste von der Formsich Herschreibende Abweichung auszugleichen und aufzuheben.
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Newton wendete hingegen seine Aufmerksamkeit auf diezweite Art der Aberration. Er findet die Farbenerscheinungconstant und, da er von prismatischen Versuchen ausgeht, sehrmächtig; er setzt die Lehre von diverser Refrangibilität bei sichfest. Wie er sie begründet, haben wir gesehen; wie er dazuverleitet worden, wird uns die Geschichte zeigen.
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Nach seinen Erfahrungen, nach der Art, wie er sie aus-legt, nach der Weise, wie er theoretisirt, ist die in derProposition ausgesprochene Folgerung ganz richtig; denn wenndas farblose Licht divers refrangibel ist, so kann die Farben-erscheinung von der Refraction nicht getrennt werden, jeneAberration ist nicht in's Gleiche zu bringen, die dioptrischen! Fernröhre sind nicht zu verbessern.
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! Jedoch nicht allein dieses, sondern weit mehr folgt aus^ der Hypothese der diversen Refrangibilität. Unmittelbar folgt