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daraus, daß die dioptrischen Fernröhre ganz unbrauchbar seynmüssen, indem wenigstens alles, was an den Gegenständenweiß ist, vollkommen bunt erscheinen müßte.
309.
Ja, ganz abgesehen von dioptrischen Fernrohren, Brillenund Lorgnetten, mußte die ganze sichtbare Welt, wäre dieHypothese wahr, in der höchsten Verworrenheit erscheinen.Alle Himmelslichter sehen wir durch Refraction; Sonne, Mondund Sterne zeigen sich uns, indem sie durch ein Mittel Hin-durchblicken, an einer andern Stelle, als an der sie sich wirklichbefinden, wie bei ihrem Auf- und Untergang die Astronomenbesonders zu bemerken wissen. Warum sehen wir denn diesesämmtlichen leuchtenden Bilder, diese größcrn und kleiner»Funken nicht bunt, nicht in die sieben Farben anfgelös't? Siehaben die Refraction erlitten, und wäre die Lehre von derdiversen Refrangibilität unbedingt wahr, so müßte unsere Erdebei Tag und bei Nacht mit der wunderlichsten bunten Beleuch-tung überschimmert werden.
310.
Newton fühlt diese Folgerung wohl: denn da er im Gefolgobiger Proposition eine ganze Weile gemessen und gerechnethat, so bricht er sehr naiv in die bedeutenden Worte aus:„Wobei man sich denn verwundern muß, daß Fernrohre dieGegenstände noch so deutlich zeigen, wie sie es thun." Errechnet wieder fort und zeigt, daß die Aberration, die aus derForm des Glases herkommt, beinahe sechstehalbtausendmalgeringer sey als die, welche sich von der Farbe herschreibt, undkann daher die Frage nicht unterlassen: „Wenn aber dieAbweichungen, die aus der verschiedenen Refrangibilität derStrahlen entspringen, so ungeheuer sind, wie sehen wir durchFernröhre die Gegenstände nur noch so deutlich, wie es ge-schieht?" Die Art, wie er diese Frage beantwortet, wird dernunmehr unterrichtete Leser mit ziemlicher Bequemlichkeit imOriginal wahrnehmen können. Es ist auch hier höchst merk-würdig, wie er sich herumdrückt, und wie seltsam er sichgeberdet.
311.
Wäre er aber auch auf dem rechten Wege gewesen, undhätte er, wie Descartes vor ihm, eingesehen, daß zu der Pris-matischen Farbenerscheinung nothwendig ein Rand gehöre, sohätte er doch immer noch behaupten können und dürfen, daßjene Aberration nicht auszugleichen, jene Randerscheinungnicht wegzunehmen sey. Denn auch seine Gegner, wie Riz-zetti und andere, konnten eben deßhalb nicht recht Fuß fassen,weil sie jene Randerscheinung der Refraction allein zuschreibenmußten, sobald sie als constant anerkannt war. Nur erst diespätere Entdeckung, daß die Farbenerscheinung nicht allein eineallgemeine Physische Wirkung sey, sondern eine besonderechemische Eigenschaft des Mittels voraussetze, konnte auf denWeg leiten, den man zwar nicht gleich einschlug, auf dem wiraber doch gegenwärtig mit Bequemlichkeit wandeln.
Sechzehnter Versuch.s312.
Newton bemüht sich hier, die Farbenerscheinung, wie siedurch's Prisma gegeben ist, mit der, welche sich bei Linsenfindet, zu vergleichen, und durch einen Versuch zu beweisen, 1
daß sie beide völlig mit einander übcreintreffcn. Er wählt dieVorrichtung seines zweiten Versuches, wo er ein roth undblaues, mit schwarzen Fäden umwickeltes Bild durch eine Linseauf eine entgegengestellte Tafel warf. Statt jenes zwiefach ge-färbten Bildes nimmt er ein gedrucktes oder auch mit schwarzenLinien bezogenes weißes Blatt, auf welches er das prismatischeSpectrum wirft, um die deutlichere oder undeutlichere Er-scheinung der Abbildung hinter der Linse zu beobachten.
313.
Was über die Sache zn sagen ist, haben wir weitläufiggenug bei jenem zweiten Experiment ausgeführt, und wirbetrachten hier nur kürzlich abermals sein Benehmen. SeinZweck ist, auch an den prismatischen Farben zu zeigen, daß diemehr refrangibeln ihren Bildpunkt näher an der Linse, dieweniger refrangibeln weiter von der Linse haben. Indem mannun denkt, daß er hierauf losgehen werde, macht er, nachseiner scheinbaren großen Genauigkeit, die Bemerkung, daßbei diesem Versuche nicht das ganze prismatische Bild znbrauchen sey: denn das tiefste Violett sey so dunkel, daß mandie Buchstaben oder Linien bei der Abbildung gar nicht gewahrwerden könne; und nachdem er hiervon umständlich gehandeltund das Rothe zu untersuchen anfängt, spricht er, wie ganz imVorbeigehen, von einem sensibel» Rothen; alsdann bemerkter, daß auch an diesem Ende des Spectrums die Farbe sodunkel werde, daß sich die Buchstaben und Linien gleichfallsnicht erkennen ließen, und daß man daher in der Mitte desBildes opcriren müsse, wo die gedachten Buchstaben und Li-nien noch sichtbar werden können.
314.
Man erinnere sich alles dessen, was wir oben angeführt,und bemerke, wie Newton durch diese Ausflucht den ganzenVersuch aufhebt. Denn wenn eine Stelle ist im Violetten, wodie Buchstaben unsichtbar werden, und eben so im Rothen eine,wo sie gleichfalls verschwinden, so folgt ja natürlich, daß indiesem Falle die Figuren aus der meist refrangibeln Farben-fläche zugleich mit denen auf der mindest refrangibeln ver-schwinden , und umgekehrt, daß, wo sie sichtbar sind, sie stufen-weise zu gleicher Zeit sichtbar seyn müssen; daß also hier ankeine diverse Refrangibilität der Farben zu denken, sonderndaß allein der hellere oder dunklere Grund die Ursache derdeutlichern oder undeutlichem Erscheinung jener Züge seynmüsse. Um aber sein Spiel zu verdecken, drückt Newton sichhöchst unbestimmt aus: er spricht von sensibelm Roth, da esdoch eigentlich die schwarzen Buchstaben sind, die im HellernRothen noch sensibel bleiben. Sensibel ist das Noth noch ganzzuletzt am Spectrum in seiner größten Tiefe und Dunkelheit,wenn es auch kein gedrucktes Blatt mehr erleuchten kann, unddie Buchstaben darin nicht mehr sensibel sind. Eben so drücktsich Newton auch über das Violette und die übrigen Farbenaus. Bald stehen sie wie in abstracto da, bald als Lichter,die das Buch erleuchten; und doch können sie als leuchtend undscheinend für sich bei diesem Versuche keineswegs gelten; siemüssen allein als Heller oder dunkler Grund in Bezug auf dieBuchstaben und Fäden betrachtet werden.
315.
Dieser Versuch also wird von dem zweiten, auf den er sichbezieht, zerstört und hilft dagegen auch den zweiten zerstören,da wir das Bekenntniß Newtons vor uns haben, daß von