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Materialien z»r Geschichte der Farbenlehre.
belegen. Schwarze Körper saugen die meisten Lichtstrahlenein; folglich bringen sie auch die geringste Ausdehnung auf derNetzhaut hervor; violette etwas mehr, und dieß steigt bis zuden gelben und weißen Körpern, die, weil sie am dichtestensind, die meisten Lichtstrahlen zurückwerfen, und dadurch dieheftigste Ausdehnung auf der Netzhaut erregen.
„Man merke es wohl, was wir vorhin gesagt haben, daßdie natürliche Wärme der Netzhaut vermehrt werden muß,wenn wir Farben sehen, oder überhaupt wenn wir sehen sollen.So können wir lange in einem warmen finstern Zimmer seyn,worinnen wir durch die Wärme nicht sehen. Der ganze Körperempfindet in diesem Falle, und deßwegen lassen sich die Em-pfindungen an einzelnen Theilen nicht unterscheiden. Wir sehenim Winter bei einer heftigen Kälte gefärbte und ungefärbteKörper, weil sie Lichtstrahlen in unser Auge werfen, und da-durch eine größere Wärme oder größere Ausdehnung erregen.
„Die Dichtigkeit der Lichtstrahlen, die die gelbe oder weißeFarbe in uns erzeugt, kann sehr verschieden seyn, ohne daß sieeine andere Farbe hervorbringt. Das Licht, das in der Nähegelb brennt, brennt auch noch in einer großen Entfernung so.Kreide sieht in der Nähe und in der Ferne weiß aus. Ganzanders verhält es sich mit den Farben, die von einer viel min-dern Dichtigkeit der Lichtstrahlen entstehen; diese werden schonin einer kleinen Entfernung schwarz.
„Ich sehe nicht, wie ein Newtonianer verantworten kann,daß Körper von schwachen Farben in der Entfernung schwarzzu seyn scheinen. Wenn sie z. B. nur die blauen Lichttheilchenzurückwerfen, warum bleiben denn diese auf der entferntenNetzhaut, nicht eben so wohl blaue Lichttheilchen als auf dernahen? Es ist ja nicht, wie mit dem Geschmacke eines Salzes,das man mit zu vielem Wasser verdünnt hat. Die blauenLichttheilchen werden auch in der Entfernung mit nichts ver-mischt, das ihre Wirkungen verändern könnte. Sie gehenzwar durch die Atmosphäre, die voller fremden Körper undanderer Farbetheilchen ist, aber sie leiden dadurch keine Ver-änderung.
„Die scheinbaren Farben lassen sich aus dieser Hypothesenoch leichter als aus den übrigen erklären. Wenn die Netzhaut,indem das Auge lange in das Licht sah, oder einen andern ge-färbten Körper einige Zeit betrachtete, nach Verhältniß derDichtigkeit der empfangenen Lichtstrahlen erwärmt wurde, sokonnte sich diese Wärme nur nach und nach verlieren. So wirdein warmes Metall nicht auf einmal kalt. Mit der Fortdauerder Wärme dauerte die Ausdehnung fort, und folglich die Far-ben, die allmählig, so wie sich die Wärme verlor, in andereFarben übergingen.
„Ich mag diese Hypothese jetzt nicht weitläufiger ausführen,und deßwegen will ich nur noch das Wahre derselben, von demWahrscheinlichen abgesondert, heraussetzen. Wahr ist es, daßdie Lichtstrahlen, so einfach sie auch seyn mögen, Wärme undAusdehnung auf der Netzhaut hervorbringen müssen, daß dieSeele diese Ausdehnung empfinden muß. Denn man erkläreauch die Farben, wie man will, so muß man mir doch allezeitzugeben, daß das, was z. B. die blaue Farbe erzeugt, nichtdeftiger wirken kann, als die Wärme eines solchen blauenLichttheilchens wirkt."
Hätte Westfeld statt des Mehr und Minder, wodurch dockimmer nur eine Abstnfnng ausgedrückt wird, von der man nicht
weiß, wo sie anfangen und wo sie aufhören soll, seine Mei-nung als Gegensatz ausgesprochen, und die Farbenwirkungenals erwärmend und erkältend angenommen, so daß die von dereinen Seite die natürliche Wärme der Retina erhöhen, die vonder andern sie vermindern, so wäre nach ihm diese Ansicht nichtviel mehr zu erweitern gewesen. Sie gehört in das Capitelvon der Wirkung farbiger Beleuchtung, wo wir theils dasNöthige schon angegeben haben, theils werden wir das allen-falls Erforderliche künftig snppliren.
Wilhelm Germain Gnyot.
blouvelleo reorbstions zili^si^ueo et mntllbmntignes.?nris, 1769—70. 4 Bde. 8.
Man kann nicht oft genug wiederholen, daß eine Theoriesich nicht besser bewährt, als wenn sie dem Praktiker sein Ur-theil erleichtert, und seine Anwendungen fördert. Bei derNewtonschen ist gerade das Gegentheil: sie steht jedem imWege, der mit Farben irgend etwas beginnen will; und dießist auch hier der Fall, bei einem Manne, der sich unter andernphysischen Erscheinungen und Kräften auch der Farben zumancherlei Kunststücken und Erheiterungen bedienen will.
Er findet bald, daß er, um alle Farben hervorzubringen,nur drei Hauptfarben bedarf, die er also auch wohl Ur- undGrundfarben nennen mag. Er bringt diese in Hellern, sichnach und nach verdunkelnden Reihen auf durchscheinendes, überQuadratrahmen gespanntes Papier, bedient sich dieser erst ein-zeln, nachher aber dergestalt mit einander verbunden, daß dieHellern und dunklem Streifen über's Kreuz zu stehen kommen:und so entspringen wirklich alle Farbenerscheinungen, sowohlin Absicht auf Mischung als aus Erhellung und Verdunkelung,zu welchem letztem Zwecke er jedoch noch eine besondere Vor-richtung macht.
Sich dieser Rahmen zu bedienen, verfertigt er ein Käst-chen, worein sie Paffen, wovon die eine Seite ganz offen undnach der Sonne gerichtet ist, die andere aber mit einer hin-reichenden Oeffnung versehen, daß man die gefärbten Flächenüberschauen könne.
Bei diesen Operationen, die so einfach sind, und eben weilsie so einfach sind, steht ihm die Newtonsche Theorie im Wege,worüber er sich, zwar mit vorhergeschickten Protestationen,daß er dem scharfsinnigen und cnriosen System keineswegs zuwidersprechen wage, folgendermaaßen äußert.
„Die Wirkung, welche von diesen gefärbten durchscheinen-den Papieren hervorgebracht wird, scheint nicht mit dem gegen-wärtigen System von der Bildung der Farben übereinzustim-men. Denn das Papier, worauf man z. B. die blaue Farbeangebracht hat, wirft die blauen Strahlen zurück, wenn manes durch die große Oeffnung des Kastens betrachtet, indeß dieandere geschloffen ist. Schaut man aber durch die kleinere,indeß die größere gegen die Sonne gewendet ist, so-erblicktman durch das Papier hindurch eben dieselben blauen Strahlen.Dieses aber wäre, dem System nach, ein Widerspruch, weilja dasselbe Papier dieselben Strahlen zurückwirft und durch-läßt. Man kann auch nicht sagen, das Papier werfe nur einenTheil zurück und lasse den andern durchgehen: denn bei dieserVoraussetzung müßte das Papier, indem es nur einen Theil