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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Materialien zur Geschichte der Farbenlehre.

Schwarz, Weiß nicht Weiß nennen dürften, in sofern es inder Erfahrung vor uns steht, so hat auch jeder Versuch, ersey, wie er wolle, und zeige, was er wolle, gleichsam einenheimlichen Feind bei sich, der dasjenige, was der Versuch apotiori ansspricht, begränzt und unsicher macht. Dieß ist dieUrsache, warum man im Lehren, ja sogar im Unterrichtennicht weit kommt; bloß der Handelnde, der Künstler entscheidet,der das Rechte ergreift und fruchtbar zu machen weiß.

Der Delavalschcn Ueberzeugung, die wir kennen, wird dieLehre von Newtons Lamellen an die Seite gesetzt, und freilichsind sie sehr verwandt. Bei Newton kommt auch die Farbenicht von der Oberfläche, sondern das Licht muß durch eineLamelle des Körpers eindringen und decomponirt zurückkehren.Bei Delaval ist die Farbe dieser Lamelle specificirt und wirdnicht anders gesehen, als wenn hinter ihr ein Heller, weißerGrund sich befindet, von dem das Licht, alsdann gleichfallsspecifisch gefärbt, zurückkehrt.

Merkwürdig ist besonders in dem Lichtenbergischen Aufsatz,wie man der Newtouschen Lehre durch chemische Hülsstruppenin jener Zeit wieder beigestanden. Man hatte eine latenteWärme ausgemittelt; warum sollte es nicht auch ein latentesLicht geben? und warum sollten die nach der Theorie dem Lichtangehörigen farbigen Lichter nicht auch der Reihe nach Ver-stecken« spielen, und wenn es den gelben beliebte hervorzu-gucken , warnin sollten die übrigen nicht neckisch im Hinterhaltelauschen können?

Zwei merkwürdige, unserer Ueberzeugung günstige Stellenaus gedachtem Aufsatz jedoch, wovon wir die eine schon früherangeführt (E. 584), mögen hier Platz nehmen.

„Ich bemerke hier im Vorbeigehen, daß vielleicht die Lehrevon den Farben eben deßwegen bisher so viele Schwierigkeitenhatte, weil alles auf Einem Wege, z. B. Brechung, erklärtwerden sollte."

Wir haben oft genug wiederholt, daß alles aus den Wegankommt, aus welchem man zu einer Wissenschaft gelangt.Newton ging von einem Phänomen der Brechung aus, voneinem abgeleiteten Complicirten. Dadurch ward Brechung dasHauptaugenmerk, das Hauptkunstwort, und was bei einemeinzelnen Falle vorging, die Grundregel, das Grundgesetzsür's Allgemeine. Hatte man hier mehrere, ja unzählige Grund-farben angenommen, so bedurften die, welche von der Malereiund Färberei herkamen, nur drei Farben, noch mehr Auf-passende und Sondernde gar nur zwei, und so veränderte sichalles nach den verschiedenen Ansichten.

Carvalho und der Franzose H. F. T. fanden die farbigenSchatten höchst bedeutend und legten den ganzen Grund derFarbenlehre dahin. Aber alle diese Phänomene, sie mögenNamen haben, wie sie wollen, haben ein gleiches Recht, Grund-phänomene zu seyn. Die von uns aufgeführten Physiologischen,physischen, chemischen Farben sind alle gleich befugt, die Auf-merksamkeit der Beobachtenden und Thcoretisirenden anzu-sprechen. Die Natur allein hat den wahren republicanischenSinn, da der Mensch sich gleich zur Aristokratie und Monarchiehinneigt, und diese seine Eigenheit überall, besonders auchtheoretisirend, stattfinden läßt.

„Auch scheint es mir aus andern Gründen wahrscheinlich,daß unser Organ, um eine Farbe zu empfinden, etwas vonallem Licht (Weißes) zugleich mit empfangen müsse."

Was hier Lichteuberg im Vorbeigehen äußert, ist denn dasetwas anderes, als was Delaval behauptet? Nur daß dieserdas Helle hinter das Dunkle bringt und die Specification desDunkeln dadurch erscheinen macht, und daß jener das Helleunter das Dunkle mischt; welches ja auch nichts weiter ist, alsdaß eins mit und durch das andere erscheint. Ob ich ein durch-sichtiges Blau über Gelb lasire oder ob ich Gelb und Blau ver-mische, ist in gewissem Sinne einerlei: denn auf beide Weisewird ein Grün hervorgebracht. Jene Behandlungsart aber stehtviel höher, wie wir wohl nicht weiter auszuführen brauchen.

Uebrigens wird Delavals Vertrag, besonders indem er aufdie trüben Mittel gelangt, unsicher und unscheinbar. Er kehrtzu der Newtouschen Lehre zurück, ohne sie doch in ihrer ganzenReinheit beizubehalten; dadurch entsteht bei ihm, wie bei sovielen andern, ein unglückliches eklektisches Schwanken: dennman muß sich zu Newton ganz bekennen oder ihm ganz ent-sagen.

Johann Leonhard Hoffmann.

Versuch einer Geschichte der malerischen Harmonie über-haucht und der Farbenharmonie insbesondere, mit Erläute-rungen aus der Tonkunst und vielen praktischen Anmerkungen.Halle 1786.

Dieser Mann, dessen Andenken fast gänzlich verschwundenist, lebte um gedachtes Jahr in Leipzig als privatisirender Ge-lehrter, war als guter Physiker und rechtlicher Mann geschätzt,ohne sich jedoch einer ärmlichen Existenz entwinden zu können.Er nahm beträchtlichen Antheil an physikalischen, technologischen,ökonomischen Journalen und andern Schriften dieses Inhalts.Mehr ist uns von ihm nicht bekannt geworden.

Seine obgemeldete Schrift zeigt ihn uns als einen durchStudien wohlgebildeten Mann. Kenntniß der Sprachen, desAlterthums, der Kunstgeschichte und recht treue Theilnahme ander Knust selbst ist überall sichtbar. Ohne selbst Künstler zuseyn, scheint er sich mit der Malerei, besonders aber mit demMalen, als ein guter Beobachter und Aufmerker beschäftigt zuhaben, indem er die Erfordernisse der Kunst und Technik rechtwohl einsieht und penetrirt.

Da er jedoch in allem dem, was von dem Maler verlangtwird und was er leistet, kein eigentliches Fundament findenkann, so sucht er durch Vergleichung niit der Tonkunst einetheoretische Ansicht zu begründen, und die malerischen undmusicalischen Phänomene, so wie die Behandlungsweise derbeiden Künste mit einander zu parallelistren.

Eine solche, von Aristoteles schon angeregte, durch dieStatur der Erscheinungen selbst begünstigte, von mehrern ver-suchte Vergleichung kann uns eigentlich nur dadurch unterhal-ten, daß wir mit gewissen schwankenden Aehnlichkeiten spielen,und indem wir das eine fallen lassen, das andere ergreifenund immer so fortfahren, uns geistreich hin und wieder zuschaukeln.

Auf dem empirischen Wege, wie wir früher schon bemerkt(E. 748 ff.), werden sich beide Künste niemals vergleichenlassen, so wenig als zwei Maaßstäbe von verschiedenen Längenund Eintheilungen, neben einander gehalten. Wenn auchirgendwo einmal ein Einschnitt paßt, so treffen die übrigennicht zusammen; ruckt man nach, um jene neben einander zu