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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
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Materialien zur Geschichte der Farbenlehre.

die Farbenerscheinnng zu erhöhen im Stande seyen, war be-kannt. Dr. Blair beschäftigte sich mit diesen letzten, um somehr als er wollte gefunden haben, daß bei der gewöhnlichenArt durch Verbindung von Flint- und Crowuglas die Achro-masie nicht vollkommen werden könne.

Er hatte dabei die Newtonsche Vorstellungsart auf seinerSeite: denn wenn man sich das Spectrum als eine fertige, inallen ihren einzelnen Theilen ungleich gebrochene Strahlenreihedenkt, so läßt sich wohl hoffen, daß ein entgegengesetztes Mittelallenfalls einen Theil derselben, aber nicht alle aufheben undverbessern könne. Dieses war schon früher zur Sprache gekom-men und Or. Blairs Versuche, so wie die daraus gezogenenFolgerungen wurden von den Newtonianern mit Gunst auf-genommen.

Wir wollen ihn erst selbst hören und sodann dasjenige,was wir dabei zu erinnern im Fall sind, nachbringen.

Versuche des Or. Blair über die chromatische Kraftverschiedener Flüssigkeiten und Auflösungen.

„Verschiedene Auflösungen von Metallen und Halbmetallenin verschiedenen Gestalten fanden sich immer chromatischer alsLrownglas. Die Auflösungen einiger Salze in Wasser, z. B.des rohen Ammoniaksalzes, vermehren die Erscheinung sehr.Die Salzsäure hat auch diese Kraft, und je concentrirter sie ist,desto stärker wirkt sie. Ich fand daher, daß diejenigen Flüssig-keiten die allerhöchste chromatische Kraft haben, in welchen dieSalzsäure und die Metalle verbunden sind. Die chemische ^Präparation, genannt Osustieum sntimoninlv oder Lutz?- !runr sntirirorri:, besitzt in ihrem concentrirtesten Zustande, ^wenn sie eben genug Feuchtigkeit an sich gezogen hat, um flüssig szu seyn, diese Kraft in einem erstaunlichen Grade, so daß drei !Keile Crowuglas nöthig sind, um die Farbe aufzuheben, die ^Lurch einen entgegengesetzten Keil von gleichem Winkel hervor- ^gebracht worden. Die große Menge des in dieser Solution .enthaltenen Halbmetalls, und der concentrirte Zustand der Salz- !säure scheinen diesen kaum glaublichen Effect hervorzubringen, s

„Netzendes sublimirtes Quecksilber mit einer Auflösung von ^rohem Ammoniaksalz in Wasser ist an Stärke die nächste Auf- ^lösung. Man kann sie so stark machen, daß der Winkel eines sPrismas von Lrownglas, welches ihre Farbenerscheinnng auf- ^wiegen soll, doppelt so groß seyn muß. Hier sind auch offenbardas Quecksilber und die Salzsäure an der Erscheinung Ursache: !denn weder das Wasser noch das flüchtige Laugensalz, als die !übrigen Theile der Zusammensetzung, zeigen, wenn man sieeinzeln untersucht, eine solche Wirkung.

„Die wesentlichen Qele folgen zunächst. Diejenigen, welcheman aus harzigen Mineralien enthält, wirken am stärksten: alsaus natürlichem Bergöl, Steinkohle und Ambra. Ihr Ver-hältniß zu dem Lrownglas ist ungefähr wie zwei zu drei. Daswesentliche Oel des Sassafras wirkt nicht viel geringer. We-sentliches Citronenöl, ganz ächt, verhält sich wie drei zu vier,Terpentinöl wie sechs zu sieben, und im wesentlichen Ros-marinöl ist die Kraft noch etwas geringer.

„Ausgepreßte Oele unterscheiden sich nicht sonderlich vomLrownglas, so auch rectificirte Geister uud der Aether desSalpeters und Vitriols."

Vorlesung des Dr. Blair.

„I. Die ungleiche Refrangibilität des Lichtes, wie sie JsaakNewton entdeckt und umständlich erörtert hat, steht nur in sofernunwidersprochen gegründet, als die Refraction an der Gränzeirgend eines Mediums und eines leeren Raumes vorgeht.Alsdann sind die Strahlen von verschiedenen Farben ungleichgebrochen, die rothniacheuden Strahlen sind die am wenigsten,die violettmachenden die am meisten brechbaren Strahlen.

„II. Die Entdeckung von demjenigen, was man die ver-schieden zerstreuende Kraft in den verschieden brechendenMedien nannte, zeigt, daß die Newtonscheu Theoreme nichtallgemein sind, wenn er schließt, daß der Unterschied der Bre-chung zwischen den meist und geringst brechbaren Strahlenimmer in einem gegebenen Verhältnisse zu der Refraction dermittelst refrangibeln stehe. Man zweifelt nicht, daß dieserSatz wahr sey, bezüglich auf die Mittel, an welchen diese Er-fahrungen gemacht sind; aber es finden sich manche Ausnahmendesselben.

„III. Denn die Erfahrungen des Herrn Dolloud beweisen,daß der Unterschied der Brechung zwischen den rothen undvioletten Strahlen, im Verhältniß zu der Refraction des gan-zen Strahlenpinsels, größer ist in gewissen Glasarten als imWasser, und größer im Flmtglas als im Lrownglas.

„IV. Die erste Reihe der obenerwähnten Versuche zeigt,daß die Eigenschaft, die farbigen Strahlen in einem HähernGrade als Lrownglas zu zerstreue::, nicht auf wenige Mittelbegränzt ist, sondern einer großen Mannichfaltigkeit von Flüs-sigkeiten angehört, und einigen derselben in ganz außerordent-lichem Grade. Metallauflösungen, wesentliche Oele, minera-lische Säuren, mit Ausnahme der Vitriolischen, sind in diesemBetracht höchst merkwürdig.

„V. Einige Folgerungen, die sich aus Verbindung solcherMittel, welche eine verschiedene zerstreuende Kraft haben, er-geben und bisher noch nicht genug beachtet worden, lassen sichauf diese Weise erklären. Obgleich die größere Refrangibilitätder violetten vor den rothen Strahlen, wenn das Licht ausirgend einem Mittel in eine:: leeren Raum geht, als ein Gesetzder Natur betrachtet werden kann, so sind es doch gewisseEigenschaften der Mittel, von denen es abhängt, welche vondiesen Strahlen, beim Uebergang des Lichtes aus einem Mittelin's andere, die meist refrangibeln seyn sollen, oder in wiefernirgend ein Unterschied in ihrer Brechbarkeit stattfinde.

„VI. Die Anwendung von Huygens Demonstrationenauf die Verbesserung jener Abweichung, die sich von der sphä-rischen Figur der Linsen herschreibt, sie mögen fest oder flüssigseyn, kann als der nächste Schritt, die Theorie der Ferngläserzu verbessern, angesehen werden.

„VII. Sodann bei Versuche», welche mit Objectivgläsernvon sehr weiter Oeffnung gemacht, und in welchen beide Ab-weichungen, in sofern es die Grundsätze erlauben, verbessertworden, findet sich, daß die Farbenabwcichung durch die ge-meine Verbindung zweier Mittel von verschiedener Dispersiv-kraft nicht vollkommen zu verbessern sey. Die homogenengrünen Strahlen sind alsdann die meist refrangirten, zunächstbei diesen Blau und Gelb vereinigt, dann Indiz und Orangevereinigt, dann Violett und Roth vereinigt, welche am wenigstenrefrangirt sind.