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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
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Materialien zur Geschichte der Farbenlehre.

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„VIII. Wenn diese Farbenhervorbringung beständig unddie Länge des secundären Spectrums dieselbe wäre, in allenVerbindungen der Mittel, wo die ganze Brechung des Pinselsgleich ist, so würde die vollkommene Verbesserung jener Ab-weichung , die aus der Verschiedenheit der Refrangibilität ent-steht, unmöglich sehnend als ein unübersteigliches Hindernißder Verbesserung dioptrischer Instrumente entgegenstehen.

„IX. Der Zweck meiner Experimente war daher, zu unter-suchen, ob die Natur solche durchsichtige Mittel gewähre, welchedem Grade nach, in welchem sie die Strahlen des prismatischenSpectrums zerstreuen, verschieden wären, zugleich aber diemancherlei Reihen der Strahlen in derselben Proporüon auseinander hielten. Denn wenn sich solche Mittel sänden, sowürde das obgemeldete secundäre Spectrum verschwinden,und die Abweichung, welche durch die verschiedene Refrangi-bijität entsteht, konnte ausgehoben werden. Der Erfolg dieserUntersuchung war nicht glücklich in Betracht ihres Hauptgegen-standes. In jeder Verbindung, die man versuchte, bemerkteman dieselbe Art von nicht beseitigter Farbe, und man schloßdaraus, daß es keine directe Methode gebe, die Aberrationwegzuschaffen.

„X. Aber es zeigte sich in dem Verlauf der Versuche, daßdie Breite des secundären Spectrums geringer war in einigenVerbindungen als in andern, und da eröffnete sich ein in-directer Weg, jene Verbesserung zu finden, indem mau nämlicheine zusammengesetzte hohle Linse von Materialien, welche diemeiste Farbe hervorbringen, mit einer zusammengesetzten kon-vexen Linse von Materialien, welche die wenigste Farbe hervor-bringen, verband und nun beobachtete, auf was Weise mandieß durch drei Mittel bewirken könnte, ob es gleich schien, daßihrer vier nöthig wären.

„XI. Indem man sich nun nach Mitteln umsah, welchezu jenem Zweck am geschicktesten sehn möchten, so entdeckteman eine wunderbare und merkwürdige Eigenschaft in derSalzsäure. In allen Mitteln, deren Zerstreuungskräfte manbisher untersucht hatte, waren die grünen Strahlen, welchesonst die mittlern refrangibeln im Crownglas find, unter denweniger refrangibeln, und daher verursachten sie jene nichtbeseitigte Farbe, welche vorher beschrieben worden. In derSalzsäure hingegen machen dieselben Strahlen einen Theil dermehr refrangibeln, und in Gefolg davon ist die Ordnung derFarben in dem secundären Spectrum, welches durch eine Ver-bindung von Crownglas mit dieser Flüssigkeit hervorgebrachtwar, umgekehrt, indem das homogene Grün das wenigst Re-frangible und das verbundene Roth und Violett das meist Re-frangible war.

„XII. Diese merkwürdige Eigenschaft, die man in derSalzsäure gefunden, führt zu dem vollkommensten Erfolg, demgroßen Mangel der optischen Instrumente abzuhelfen, nämlichder Zerstreuung oder Abweichung der Strahlen, welche sichvon ihrer ungleichen Refrangibilität Herschrieb, und wodurches bisher unmöglich ward, sie alle zusammen aus Einen Punktzu bringen, sowohl bei einfachen als bei entgegengesetztenBrechungen. Eine Flüssigkeit, in welcher Theile der Salzsäuremit metallischen in gehörigem Verhältniß stehen, trennt dieäußersten Strahlen des Spectrums weit mehr als Crownglas,bricht aber alle Reihen der Strahlen genau in demselben Ver-hältniß, wie dieß Glas thut; und daher können die Strahlen

Goethe, Werke. VI.

aller Farben, welche durch die Brechung des Glases divergentgeworden, wieder parallel werden, entweder durch eine folgendeRefraction auf der Gränze des Glases und gedachter Flüssigkeit,oder indem die brechende Dichtigkeit derselben geschwächt wird.Die Brechung, welche an der Gränze desselben und des Glasesstattfindet, kann so regelmäßig, als wäre es Reflexion, ge-macht werden, indessen die Mangel, welche von unvermeid-licher Unvollkommenheit des Schleifens entspringen müssen,hier viel weniger anstößig sind als bei der Reflexion, und dieWaffe Licht, welche durch gleiche Oeffnung der Teleskope durch-fällt, viel größer ist.

„XIII. Dieses sind die Vortheile, welche unsere Ent-deckung anbietet. In der Ausführung mußte man beim erstenAngreifen der Sache mancherlei Schwierigkeiten erwarten undderen manche überwinden, ehe die Erfahrungen vollständigwirken konnten; denn zur Genauigkeit der Beobachtungen ge-hört, daß die Objectivgläser sehr sorgfältig gearbeitet werden,indem die Phänomene viel auffallender sind, wenn die ver-größernden Kräfte wachsen. Die Mathematiker haben sich vielMühe zu geringem Zwecke gegeben, indem sie die Radien derSphären ausrechneten, welche zu achromatischen Teleskopennöthig sind: denn sie bedachten nicht, daß Objectivgläser vielzartere Prüfmittel sind für die optischen Eigenschaften brechenderMedien als die groben Versuche durch Prismen, und daß dieResultate ihrer Demonstrationen nicht über die Genauigkeit derBeobachtungen hinausgehen, wohl aber dahinter zurückbleibenkönnen.

^ß„X1V. Ich schließe diesen Vertrag, der schon länger ge-worden, als ich mir vorsetzte, indem ich die verschiedenen Fälleungleicher Brechbarkeit des Lichtes erzähle, damit ihreMannich-faltigkeit auf einmal deutlich eingesehen werde.

„XV. Bei der Brechung, welche an der Gränze einesjeden bekannten Mittels und eines leeren Raumes stattfindet,sind die verschiedenfarbigen Strahlen ungleich brechbar, dierothmachenden am wenigsten, die violettmachenden am meisten.Dieser Unterschied der Brechbarkeit der rothen und violettenStrahlen ist jedoch nicht derselbige in allen Mitteln. SolcheMittel, in welchen der Unterschied am größten ist, und welchedaher die verschiedenfarbigen Strahlen am meisten trennenoder zerstreuen, hat man durch den Ausdruck dispersiveunterschieden, und diejenigen, welche die Strahlen am wenigstenvon einander trennen, sind indispersive genannt worden.Diese Mittel sind also dadurch von einander unterschieden, undmehr noch durch einen andern, höchst wesentlichen Umstand.

„XVI. Es zeigt sich durch Versuche, welche man auf in-dispersive Mittel gemacht hat, daß das mittlere refrangibleLicht immer dasselbe und zwar von grüner Farbe ist.

„XVII. Hingegen in der weitläufigen Classe dispersiverMittel, wozu Flintglas, metallische Auslösungen und wesent-liche Oele gehören, macht das grüne Licht nicht die mittlererefrangible Reihe, sondern bildet eine von den wenigerrefrangibeln Reihen, indem man solches im prismatischenSpectrum näher am tiefen Roth als an dem äußersten Violettfindet.

„XVIII. In einer andern Classe dispersiver Mittel, welchedie Salz- und Salpetersäure enthält, wird dasselbe grüne Lichteines der mehr refrangibeln, indem es sich näher am letztenViolett als am tiefsten Roth zeigt.

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