Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Materialien zur Beschichte der Farbenlehre.

„XIX. Dieses sind die Verschiedenheiten in der Mach-barkeit des Lichtes, wenn die Refraction an der Gränze einesleeren Raumes stattfindet, und die Phänomene werden nichtmerklich unterschieden seyn, wenn die Brechungen an derGränze des dichten Mittels und der Lust geschehen. Aber wennLicht aus einem dichten Mittel in's andere übergeht, sind dieFälle der ungleichen Refrangibilität viel verwickelter.

„XX. Bei Refractionen, welche auf der Gränze vonMitteln geschehen, welche nur an Stärke und nicht an Eigen-schaft verschieden sind, als Wasser und Crownglas, oder ander Gränze von verschieden dispersiven Flüssigkeiten, welchemehr oder weniger verdünnt sind, wird der Unterschied derRefrangibilität derselbe seyn, der oben an der Gränze dichterMittel und der Lust bemerkt worden, nur daß die Refractiongeringer ist.

„XXI. An der Gränze eines indispersiven und einesdünnen Mittels, das zu irgend einer Classe der dispersivengehört, können die rothen und violetten Strahlen gleich re-frangibel gemacht werden. Wenn die dispersive Gewalt desdünnern Mittels sich vermehrt, so werden die violetten Strahlendie wenigst resrangibeln, und die rothen die meist refrangibeln.Wenn die mittlere refractive Dichtigkeit zweier Mittel gleichist, so werden die rothen und violetten Strahlen in entgegen-gesetzten Richtungen gebrochen, die einen zu, die andern vondem Perpendikel.

„XXII. Dieses begegnet den rothen und violetten Strahlen,welche Art von dispersiven Mitteln man auch brauche; aberdie Refrangibilität der mittlern Strahlenordnung, und be-sonders der grünen Strahlen, wird verschieden seyn, wenndie Classe der dispersiven Mittel verändert wird.

„XXIII. So in dem ersten Fall, wenn rothe und violetteStrahlen gleich refrangibel gemacht worden, werden die grünenStrahlen als die meist resrangibeln heraustreten, sobald mandie erste Classe der dispersiven Mittel gebraucht, und als diewenigst refrangibeln, sobald die zweite Classe angewendet wird.So in den zwei andern Fällen, wo das Violette das amwenigsten, und das Rothe da« am meisten Refrangible wird,und wo diese beiden in entgegengesetzten Direktionen gebrochenwerden; alsdann werden die grünen Strahlen zu den rothengelangen, wenn die erste Classe der dispersiven Mittel ge-braucht wird, und werden sich zu den violetten gesellen, wennman die zweite Classe braucht.

„XXIV. Nur noch ein anderer Fall ungleicher Refractionbleibt übrig zu bemerken, und das ist der, wenn Licht gebrochenwird an der Gränze von Mitteln, die zu den zwei verschiedenenClassen dispersiver Flüssigkeiten gehören. Bei dem Uebergangz. B. von einem wesentlichen Oel oder einer metallischen So-lution in die Salzsäuren, läßt sich di^ refractive Dichtigkeitdieser Flüssigkeiten so zurichten, daß die rothen und violettenStrahlen keine Refraction erdulden, wenn sie aus einer Flüssig-keit in die andere gehen, wie schief auch ihre Jncidenz seynmöge. Aber die grünen Strahlen werden alsdann eine merk-liche Brechung erleiden, und diese Brechung wird sich vomPerpendikel wegbewegen, wenn das Licht aus der Salzsäurein das wesentliche Oel übergeht, und gegen den Perpendikel,wenn es von dem wesentlichen Oel in die Salzsäure übergeht.Die andern Reihen der Strahlen erleiden ähnliche Brechungen,welche am größten sind bei denen, die dem Grünen am nächsten

kommen, und abnehmen, wie sie sich dem tiefen Rothen ander einen Seite und dem letzten Violetten an der andernnähern, wo Refraktion vollkommen aufhört."

Bemerkungen über das Vorhergehende.

Wir können voraussetzen, daß unsere Leser die Lehre vonder Achromasie überhaupt, theils wie wir solche in unsermEntwurf theils im historischen Theile vorgetragen, genugsamgegenwärtig haben. Was die Manschen Bemühungen betrifft,so findet sich über dieselben ein Aufsatz in den Gilb ertschenAnnalen der Physik (sechster Bd. S. 129 ff.); auchkommen in dem Reichsanzeiger (1794 Nr. 152 und 1795Nr. 4 und 14) einige Notizen vor, welche zur Erläuterung derSache dienen. Wir haben den Autor selbst reden lassen, undseine einzelnen Paragraphen uumerirt, um einige Bemerkungendaraus beziehen zu können.

Die Blairschen Versuche sind mit Prismen und Objectiv-gläsern gemacht, aber beide Arten sind nicht deutlich von ein-ander abgesondert, noch ist die Beschreibung so gefaßt, daßman wissen könnte, wann die eine oder die andere Weise zuversuchen eintritt. Er nennt die prismatischen Versuche grob.Wir finden dieß eine des Naturforschers unwürdige Art sichauszudrücken. Sie sind, wie alle ähnlichen einfachen Versuche,keineswegs grob, sondern rein zu nennen. Die reine Mathe-matik ist nicht grob, verglichen mit der angewandten, ja sie istvielmehr zarter und zuverlässiger.

Das größte Uebel jedoch, das den Blairschen Versuchenbeiwohnt, ist, daß sie nach der Newtonschen Theorie beschriebensind. Versuche, nach einer falschen Terminologie ausgesprochen,sind, wenn man sie nicht wiederholen kann, sehr schwer durcheine Lonjecturalkritik auf den rechten Fuß zu stellen. Wirfanden uns nicht in dem Fall, die Blairschen Versuche zuwiederholen; doch werden wir möglichst suchen, ihnen auf dieSpur zu kommen.

Xä VII.

Es sollen Versuche mit achromatischen Objectivgläseru vonsehr weiter Oeffnung gemacht worden seyn; was für Versucheaber, ist nicht deutlich. Man kann durch solche Objectivgläserdas Sonnenlicht fallen lassen, um zu sehen, ob es bei seinemZusammenziehen oder Ausdehnen Farben zeige; man kannschwarze und weiße kleine Scheiben auf entgegengesetzten Grün-den dadurch betrachten, ob sich Ränder an ihnen zeigen odernicht. Wir nehmen an, daß er den Versuch auf die erste Weiseangestellt; nun sagt er, in diesen Objectivgläsern wären diebeiden Abweichungen gewiffermaaßen verbessert gewesen. Dießheißt doch wohl von Seiten der Form und von Seiten derFarbe. Ist dieses letztere auch nur einigcrmaaßen geschehen,wie können denn die wunderlichen Farbenerscheinungen nochübrig bleiben, von denen der Schluß des Paragraphen spricht?

Wir finden uns bei Betrachtung dieser Stelle in nicht ge-ringer Verlegenheit. Homogene grüne Strahlen, die wir nachunserer Lehre gar nicht kennen, sollen die meist refraugirtenseyn. Das müßte also doch wohl heißen: sie kommen zuerstim Focus an. Hier wäre also irgend etwas Grünes gesehenworden. Wie soll man nun aber das Folgende verstehen, wo! immer je zwei und zwei farbige Strahlen vereinigt seyn sollen?