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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
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Materialien zur Geschichte der Farbenlehre.

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Hat man sie gesehen oder nicht gesehen ? Jni ersten Fall müßtensie jedesmal an einander gränzen, und doppelfarbigc Kreisebilden. Oder hat man sie nicht gesehen, und heißt das ver-einigt hier, nach der unglückseligen Newtonschen Theorie,wieder zu Weiß verbunden, wie erkennt man denn, daß sie dawaren, und wie erfährt man, wo sie geblieben sind?

Wir dachten uns aus dieser Verwirrung allenfalls durcheine doppelte Vermuthung zu helfen. Bei achromatischen Fern-rohren kommt manchmal der Fall vor, daß die Convex- undConcavlinse so genau Passen, daß sie sich unmittelbar berührenund drücken, wodurch die lebhaftesten epoptischen Farben ent-stehen. Trat vielleicht bei jenem Objectiv dieser Umstand ein,und Blair ließ das Sonnenlicht hindurchfallen, so konntensolche Farbenkreise entstehen, wie er sie bezeichnet, aber voneiner ganz andern Seite. Sie gehören unter eine ganz andereRubrik, als wohin er sie zieht. Noch ein anderer Umstandkonnte stattfinden, daß nämlich das zu diesem Objectiv ange-wandte Crownglas nicht vollkommen rein war, und sich alsomit Refraktion verbundene paroptischc Farbenkreise zeigten;doch bleibt es uns unmöglich, etwas Gewisses hierüber festzu-halten.

Xä XI.

Die Versuche, von denen hier die Rede ist, müssen mitPrismen gemacht worden seyn. Er hält sich besonders bei demGrünen des prismatischen Spektrums auf, welches, wie be-kannt, ursprünglich darin gar nicht existirt. Die Redensart,daß grüne Strahlen die mittlern brechbaren seyn sollen, istgrundfalsch. Wir haben es tausendmal wiederholt, die Mittedes Gespenstes ist zuerst weiß.

Man nehme unsere fünfte Tafel zur Hand. Wo Gelb undBlau sich berühren, entsteht das Grün, und erscheint einenAugenblick ungefähr in der Mitte des Spectrums. Wie aberbei Anwendung eines jeden Mittels, es sey, von welcher Artes wolle, das Violette wächst, so gehört Grün freilich mehrdem untern als dem obern Theile zu.

Weil nun sogenannte mehr dispersive Mittel einen länger»violetten Schweif bilden, so bleibt das Grün, obgleich immeran seiner Stelle, doch weiter unten, und nun rechnet es derVerfasser gar zu den minder refrangibeln Strahlen. Es stecktaber eigentlich nur in der Enge des hellen Bildes, und derviolette Saum geht weit darüber hinaus. Hiermit wären wiralso im Reinen.

Daß es aber stark dispersive Mittel geben soll, durch welchedas Grün mehr nach oben gerückt wird, oder, nach jener Ter-minologie, zu den mehr refrangibeln Reihen gehört, scheint ganzunmöglich, weil die Säume in's helle Bild hinein stärkerwachsen müßten als aus dem Hellen hinaus; welches sich nichtdenken läßt, da beide Randerscheinungen sich jederzeit völligauf gleiche Weise ausdehnen.

Was hingegen Dr. Blair gesehen haben mag, glauben wirindeß durch eine Vermuthung auslegen zu können. Er bedientsich zu diesen Versuchen seiner hohlen Prismen. Diese sindaus Messing und Glas zusammengesetzt. Wahrscheinlich habenSalz - und Salpetersäure etwas von dem Messing aufgelös't,und einen Grünspan in sich aufgenommen. Durch dieses nun-mehr grün gefärbte Mittel wurde das Grün des Spectrumserhöht, und der violette Theil desselben deprimirt. Ja esist möglich, daß der äußerste zarte Theil des Saumes völlig

aufgehoben worden. Auf diese Weise rückt freilich das Grünscheinbar weit genug hinauf, wie man sich dieß Resultat schondurch jedes grüne Glas vergegenwärtigen kann.

Xä XXIII und XXIV.

Durch diese beiden Paragraphen wird jene Vermuthungnoch bestärkt: denn hier kommen Versuche vor, durch welche,nach aufgehobenen Randstrahlen, die grünen mittlern Strahlenin ihrem Werth geblieben seyn sollen. Was kann das andersheißen, als daß zuletzt ein grünes Bild noch übrig blieb? Aberwie kann dieses entstehen, wenn die Reihen der entgegenge-setzten Enden aufgehoben sind, da es bloß aus diesen zusammen-gesetzt ist? Schwerlich kann es etwas anderes seyn und heißen,als daß ein an seinen Rändern wirklich achromatisirtes, durchein grünes Mittel aber grün gefärbtes gebrochenes Bild nochübrig geblieben.

So viel von unfern Vermuthungen, denen wir noch mancheshinzufügen köiutten. Allein es ist eine traurige Aufgabe, mitWorten gegen Worte zu streiten; und die Versuche anzustellen,um der Sache genau auf die Spur zu kommen, mangelt unsgegenwärtig Zeit und Gelegenheit. Sie verdient wegen Er-weiterung der theoretischen Ansicht vielleicht künftig noch einenähere Prüfung. Denn, was das Praktische betrifft, so siehtman leicht, daß diesen aus Glas und salinischen Flüssigkeitenzusammengesetzten sogenannten aplanatischen Gläsern in derAusführung noch mehr Hindernisse entgegenstanden als jenenaus zwei Glasarten verbundenen achromatischen. Auch scheintdas Unternehmen nicht weiter geführt worden zu seyn. Ob wirhierüber nähere Nachricht erhalten können, muß die Zeit lehren.

Uns sey indessen vergönnt, da wir uns dem Schlüsse unsererArbeit immer mehr nähern, eine allgemeine, hierher wohlpassende Anmerkung beizubringen.

In physischen sowohl als andern Erfahrungswisseuschaftenkann der Mensch nicht unterlassen, in's Minutiöse zu gehen,theils weil es etwas Reizendes hat, ein Phänomen in's unend-lich Kleine zu verfolgen, theils weil wir im Praktischen, wenneinmal etwas geleistet ist, das Vollkommenere zu suchen immeraufgefordert werden. Beides kann seinen Nutzen haben; aberder daraus entspringende Schaden ist nicht weniger merklich.Durch jenes erstgenannte Bemühen wird ein unendlicherWissenswust aufgehäuft, und das Würdige mit dem Unwürdi-gen, das Werthe mit dem Unwerthen durch einander gerüttelt,und eins mit dem andern der Aufmerksamkeit entzogen.

Was die praktischen Forderungen betrifft, so mögen unnützeBemühungen noch eher hingehen: denn es springt zuletzt dochmanchmal etwas Unerwartetes hervor. Aber der, dem es Ernstum die Sache ist, bedenke doch ja, daß der Mensch in einenMittelzustand gesetzt ist, und daß ihm nur erlaubt ist, dasMittlere zu erkennen und zu ergreifen. Der Natur, um ganzzunächst bei der Materie zu bleiben, von der wir eben handeln,war es selbst nicht möglich, das Auge ganz achromatisch zumachen. Es ist achromatisch, nur in sofern als wir frei, geradevor uns hin sehen. Bücken wir den Kopf nieder oder heben ihnin die Höhe, und blicken in dieser gezwungenen Stellung nachirgend einem entschiedenen hellen oder dunkeln Bilde, nach einemzu diesen Erfahrungen immer bereiten Fensterkreuz, so werden