Band 
I.
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Die unsichtbare Loge.

Interesse für höhere Bedürfnisse und von mäßigenLeidenschaften — sondern der Stuben-Ephorus,H. von Oefel, der mit dem Degen wie eine ge-spießte Fliege mit der Nadel lief. Oefel fing ihnsogleich zu beobachten an, um ihn Abends zu be-schreiben ; — in Gesellschaften aber beobachtete erjeden, nicht um fremde Pfiffe zu erlauschen, son-dern um seine vorzuweisen. So lobte er auch,ohne zu achten, und schwärzte an, ohne zu hassen:glänzen wollt' er blos.

Unter diesen Verhältnissen, ehe Gustav denschweren Gang über Schmerzen zu Geschäftenthat, kam der Trost in der Gestalt der Erinne-rung zu ihm und Gustav sah, was er nicht hättevergessen sollen —seinen Amandus, seinen Kind-heitfreund. Aber der gute Jüngling trat vor ihnnicht in der ersten Gestalt eines Blinden, sondernin der letzten eines Sterbenden, er hatte die Ner-venschwindsucht, die alles sein Mark aus der nochstehenden Rinde ausgezogen hatte — an der Rindegrünte nichts mehr als hängende Zweige mit fah-lem gesenktem Laub. Er bereitete sich auf keinAmt und kein Leben vor, sondern er wartete undwollte empfangen an der Schwelle des Erbbegräb-nisses den Tod, der die Treppe heraufstieg. —Aber daß seine Seele in einer lebendigen Wundelag, daran kann uns nichts wundern als das Ge-schlecht; denn die schönsten weiblichen Seelenwohnen selten anders; aber die Männer schonendiese Wunde nicht; es erweicht sie gegen ein soweiches Geschlecht der Anblick nicht, daß die mei-sten nicht von einem Tage zum andern, sondernvon einem Schmerze zum andern leben und voneiner Thräne zur andern....

In Gustav wohnte das zweite Ich (der Freund)fast mit dem ersten unter Einem Dache, unter derHirnschale und Hirnhaut; ich meine, er liebteam andern weniger was er sah als was er sichdachte; seine Gefühls waren überhaupt näher unddichter um seine Ideen als um seine Sinne: da-her wurde oft die Freundschaft-Flamme, die sohoch vor dem Bilde des Freundes empor ging,durch den Körper desselben gebogen und abgetrie-ben. Daher empfing er seinen Amandus, weilüberhaupt eine Ankunft weniger erwärmt als einAbschied, mit einer Wärme, die aus seinem In-nern nicht völlig bis zu seinem Aeußern reichte —aber Oefel, der beobachtete, hatte mit sechs Bli-cken heraus, der neue Ladet sei adelstolz.

Unter allen Krieg - Kaiechumenen hatte Gustavdie meiste Noth. Aus einer stillen Karthausswar er in ein Polterzimmer verbannt, wo diedrei Kadetten ihm den ganzen Tag die Ohrenmit Rappiersioßen, Kartenschlagen und Flüchenbeschossen — aus einer Dvrfburg war er in einI-ouvrs geworfen, wo die Trommel das Sprach-vrgan und die Sprachmaschiue war, wodurch dasScholarchat mit den Schülern sprach, wie dieHeuschrecke allen ihren Lärm mit einer augebor-nen Trommel am Bauche macht. Zum Essen,zum Schlafen, zum Wachen wurden sie, wie dasParterre eines Dorfkomödiantcn, zusammenge-trommelt. Im Marschschritt und hinter demKommandowvrt erstieg diese Miliz den Speisesaalals ihren Wall und nahm von der Festung nichtsweg als die Mundporzion auf einen halben Tag.

Der Kvmmandoznck riß sie von ihren Stühlen aufund lenkte sie zur Zitadelle wieder hinaus. Mankonnte Nachts die Schritte eines einzigen Kadettenzählen und man wußte die aller übrigen, weil derkommandierende Luftsioß diese Räder auf einmaltrieb. — Eben deswegen, ich meine weil derDank vor dem Essen ordentlich kommandiertwurde, hatte das ganze Korps die gleiche Andacht,keine Sekunde sprach einer länger mit Gott alsder andre. Ich weiß nicht, in welchem Scheerau-ischen Regimente der Kerl stand, der einmal beider Kirchcnparade, wo der Offizier die Seelen ein-mal zu Gort kommandierte, die er sonst zum Teufelgehen hieß, so sehr wider vernünftige Subordina-zion verstieß, daß er wenigstens vier Minutenlänger den, Himmel auf seinem frommen Kniedankte als der Flügelmann — ich sag' es deswe-gen, weil ich nachher, als der Beter darüberFuchtel bekam, öffentlich die Frage that, ob nickteben auf diese Weise den Compagnien die Logikbeizubringen wäre, die ihnen so nöthig' ist wiedie Schnurrbärte und noch nützlicher, da mandiese, aber nicht jene.zu wichsen braucht. Könnteman nicht kommandieren und das Wvrtchenmnacht-- weglassen: »macht den Vordersatz —macht den Hintersatz — macht den Schluß.» Sowär' ich nicht zu tadeln, wenn ich mir eine Com-pagnie kaufte und sie die drei Theile der Buße et-wa so durchmachen ließe: bereuet — glaubt —bessert — nämlich euch, oder sonst soll das liebe...in euch fahren, wie jüngere Offiziers beise-tzen.

Der östreichische Soldat hatte bis Anno 4756 zweiund siebzig Handgriffs zu lernen, nicht um damitden Feind zu schlagen, sondern den — Satan.

In dieser Stimmung, worin Gustav gegenKrieg und seine Kameraden war, schrieb er mireinen Brief dessen Anfang hier wegbleibt, weil un-ser Briefsteller dabei allemal so kalt wie beim Em-pfang zu sein pflegte.

„-Das Exerzieren und Studieren ma-

chen mich zu einen, ganz andern Menschen, aberzu keinem glücklichern. Ich ärgere mich oft sel-ber über meine Weichheit, über meine Augen,aus denen ich die Spuren ingeheim wegzu-waschen suche, und über mein Herz, das bei Be-leidigungen, die ich jetzv häufig, aber gewiß ohneAbsicht der Beleidiger erfahre, nicht hart auf-schwillt, sondern sich zusammenpreßt, wie zu einergroßen Thräne über die unheilige Welt. MeineSiubenkameraden, unter denen ich nichts höreals Nappiere und Flüche, lachen mich über allesaus. Sogar dieses Blatt schreib' ich nicht unterihnen, sondern unter freiem Himmel im stillenLande * zu den Füßen und auf dem Fußgestelleiner Blumengöttin, von welcher Arm und Blu-

" So hieß der englische Garten um Maricnhof, den dieGemahlin des verstorbenen Fürsten mit einen, romantischen,gcmhlvollen, über Kunstregcln hinausrcichendcn Geisteangelegt. Der Kummer gab ihr den Namen und die Stil-läge des stillen Landes ein. Jcvt ist ihrer sterbenden Seeleselbst dieses Land zu laut und sie lebt vcr chloffcn. Diejeni-gen Leser, die nicht da waren, will ich mir durch eine Be-schreibung des Gartens verbinden.