Band 
I.
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Die unsichtbare Loge.

viele Jahre und Besserungen gesichteten Lebens ist— diese Toleranz findet an jeder Meinung dasWahre, an jeder Gattung des Schönen das Schöne,an jeder Laune das Komische, und hält an Men-schen, Völkern und Büchern die Verschiedenheitund Eigenthümlichkeit der Vorzüge nicht für dieAbwesenheit derselben. Nicht blos das Bestemuß uns gefallen; auch das Gute und Alles. —

Als die Leute aus der kleinen und ich aus dergroßen Kirche zurück waren, fing man im Mu-sischen Hause das Dinieren an. Unser Brodherrempfing das Gast-Paar mit seiner gewöhnlichenFreundlichkeit und mit einer ungewöhnlichen dazu;denn er hatte heute aus seiner Kirchenkollekte —er kroch nach dem Gottesdienst in alle Stühleund zog alle unter dem Einlegen niedergefallnenPfennige magnetisch an sich — eine ansehnlicheSilberflotte von as Pfennigen mitgebracht. DiePracht des Mahls erdrückte in dieser Stube dasVergnügen nicht. Messer und Gabel waren, wieschon gesagt, von Silber und von mir; aber wersollte nicht damit mit Vergnügen an einer Tafelagieren, wo der Braten und die Sauce aus Einer-Pfanne gespeiset werden? — Unsere Schauge-richte waren vielleicht für eine» Kurfürsten zukostbar: denn sie bestanden nicht etwa aus Por-zellan, Wachs, oder aus Alabaster - Sämereienauf Spiegelplatten und waren nicht etwa bloswenige Pfund schwer: sondern die beiden Schau-gerichte wogen sechzig und waren vom nämlichenMeister und von der nämlichen Materie wiedie Kurfürstenbank, von Fleisch und Blut, näm-lich Wuzens Kinder. Ein geistlicher Kurfürstwürde vor Vergnügen keinen Bissen essen können,wenn er, wie wir, neben seiner Riesen-Tafelein Zwerg-Täfelchen mit seinen Kleinen darum,stehen hätte. Ihr Tisch war nicht viel größer alseins Heringschüffel; sie sahen aber auf Verhält-niß und speiseten auf dem lilliputischen Tafel-Ser-vice, wovon sie seit Weihnachten mehr spielendenals ernsthaften Gebrauch gemacht hatten. DieKleinen waren außer sich, ihr Fleisch auf Oblatenvon Tellern und mit Haarsägen von Messern zuzerschneiden; — Spiel und Ernst flössen hier wiebei essenden Schauspielern in einander; und amEnde sah ich, daß es bei mir auch so war unddaß mein Vergnügen von erkünstelter Kleinheitund Armseligkeit käme.

'An der großen Tafel ging — andere Tafelnkehren es um — das individuelle Gespräch baldins allgemeine über; ich und der Kantor sagtenjeden Augenblick der Preuße, der Russe, der Türkund verstanden (gleich dem Premierminister) un-ter der Nazion den Regenten derselben. — Ichhatte heute eine solche besondere Freude an er-bärmlichen Sitte», daß ich mir jeden Bissen hin-ein predigen ließ und Laß ich über zwanzig Ge-sundheiten trank. Frauenzimmer von Standekönnen sonst nicht so leicht wie Männer sich zu un-frisierten Leuten herunterbücken, am wenigstenzu solchen von weiblichem Geschlecht; aber meineSchwester verdienet, daß ihr Bruder ihr in seinemBuche das Lob der schönsten liebreichsten Herab-lassung ertheilt. Je weiblicher eins Frau ist, destouneigennütziger und menschenfreundlicher ist sie;und die Mädchen besonders, die das halbe

menschliche Geschlecht lieben, lieben das ganzevon Herzen. Z. B. von der Residentin vonBouss weiß man nicht, schenkt sie Armen oder'Männern Mehr. Alte Jungfern sind geizig undhart. — Mein Doktor und eine Flasche Weinkamen als Nachtisch. Da er im gegenwärtigenBliche alle Wochen liefet: so will ich ihn darinlieber schelten als preisen. Am besten ists, ichwebe hier ein ZwitterLing, was ihn bei manchenweder lobt noch tadelt, ein — seine herzliche Zu-neigung gegen das weibliche Geschlecht, die zwi-schen gefühlloser Galanterie und Feuer-Liebe mit-ten inns steht. Diese nämliche Zuneigung stehetunserm Geschlechte gut, aber dem weiblichen nicht,und meine Schwester ist doch von diesem. DieSache kam blos von ihrem linken'Ohre her- DasOhrgehenk hatte sich durch daS Ohrläppchen durch-gerissen; sie hätte aber füglich bis auf den Mon-tag warten können, wo ihr Bruder das Läppchenihr wie einem jüdischen Knecht, auf die geschick-teste Weise würde durchlöchert haben. Allein heutesollte eS sein und sein Doktorhut war der Bett-schirm ihrer Absicht. Es hätte genialst werdensollen, wie der arme Pestilenziarius das Ohrläpp-chen zwischen den drei Vorderfingeru scheuerte unsrieb — wie ein offizinslles Blatt, an das manriechen will, — um es geschwollen und unempfind-lich zu machen. Nichts ist mir und dem Medizi-nalrath gefährlicher als wenn wir nur mit zwei,drei Fingern an ein Frauenzimmer picken und an-streichen — mit dem ganzen Arm hinan zu kom-men, ist für uns okne alle Gefahr; sowie etwadie Nesseln weit mehr brennen, leise bestreift alshart gefastet. Vielleicht ists mit diesem Feuer wiemit dem elektrischen, das durch die Fingerspikenmit größerem Stroms in den Menschen fährt alsdurch eine große Fläche. — Meine Schwester gingweiter und brachte einen Apfel; der Doktor mußtemit seinen Pulsfingern den rothen Ohrzipfel anden Apfel pressen und dann eins Zitternadel oderwas es war durch dieses Sinnwerkzeug, das dieMädchen weit seltner als daS nächste spitzen,drücken — nun konnte hinangeschnallet und hin-eingeknöpset werden was dazu paßt. Der Stahlkettete beinahe den Künstler selbst an ihr Ohr.»Mit nichts strickt eine Schöne uns mehr an sichals wenn sie uns Anlaß gibt, ihr eine Gefälligkeitzu thu»" sagte der Doktor selber und erfuhr eSselber. Daher klagte der Operatör und Ohren -Magnetisör, es sei schwer eine Schöne zu heilenund doch nicht zu lieben, und seine erste Pazien-tin hab' ihn beinahe zu einem Pazienten gemacht.Gegen den Doktor hab' ich nichts; er sei immerein Weltbürger in der Liebe — aber, Schwester,ich wollte, Dn wärest schon zu Bette, weit ichkeine Minute, in der ich nur drei Schritte auf-unS abthue, sicher bin, daß Du nicht in meineSektoren schielest und liesest, waS ich an Dirtadle? — Ach ich tadle weniger als ich bedauereDeine so niedlich um fremden und eignen Kummerspielende Laune und Dein aus den weichsten Fi-bern gesponnenes Herz, das die blanke Kronescheuer Weiblichkeit, die alle diese Vorzügeerst putzt und hebt, in den volkreichen Zimmernder Resident!» ein wenig s^Mä^.'ick ^gelaufen istwie Silber im sumpfigen Holland, und daß Dei-