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Die unsichtbare Loge«
sich krümmen sah; und daß ich dachte; »das istdas Menschenblut, das uns heilig ist, welches dasKartenhaus und das Sparrwerk unsers Ichs aus-küttet und in welchem die unsichbaren Räderunsers Lebens und unserer Triebe gehen.» Die-ses Blut sprühte nachher an alle Phantasieen mei-ner Fiebernächte; das eingetauchte All stieg blut-rot!) daraus herauf, und alle Mensche» schiene»mir an einem langen Ufer eine» Strom zusam-men zu bluten, der über die Eros hinaus in einesaufende Tiefe hinab sprang — Gedanken, häßli-che Gedanken rückten vor mir grinsend vorüber,die kein Gesunder kennt, keiner nachschafft, keinererträgt, und die blos liegende Krankenseelen an-bellen. Wäre kein Schöpfer: so müßt' ich vorden verborgnen Angst - Saiten erzittern, die imMenschen aufgezogen sind und an denen ein feind-seliges Wesen reißen könnte. Aber nein! Duallgütiges Wesen! du hältst deine Hand überunsre Anlage zur Qual und legest das Erden -Herz, worüber diese Saiten aufgewunden sind,auseinander, wenn sie zu heftig beben!. ..
Der Kampf meiner Natur wurde endlich zueinem ohnmächtigen Schlummer, aus dem so vieleblos erwachen, um unter der Erde zu sterben.Darin trug man mich in die einsam stehendeKirche. Der Fürst und mein Spitz waren mitdabei; aber blos der erste ging wieder fort. Ichlag vielleicht die halbe Nacht, bis das Leben durchmich zuckte. Mein erster Gedanke riß die Seeleimmer auseinander. Von ungefähr trat derHund auf mein Gesicht; plötzlich senkte sich eineBeklemmung, wie wenn eine Riesenhand meineBrust böge, tief auf mich herein und ein Sargde-ckel schien mir wie ein aufgehobenes Rad übermir zu stehen. .. . Schon die Beschreibungschmerzt mich, weil die Möglichkeit der Wiederho-lung »lich ängstigt. ... Ich stieg anS der sechs-eckigen Brutzelle des zweiten Lebens; der Todstreckte sich vor mir weit hin mit seinen tausendGliedern, den Köpfen und Knochen. Ich schien mirunten im chaotischen Abgrund zu stehen und obenweit über mir zog die Erde mit ihren Lebendigen.Mich ekelte Leben und Tod. Auf das was neben mirlag, sogar auf meine Mutter sah ich starr undkalt wie das Auge des Totes, wenn er ei» Lebenzerblickt. Ein rundes Eisengitter in der Kirchen-mauer schnitt aus dem ganzen Himmel nichts her-aus als die schimmernde zerbrvchns Scheibe desMondes, der als ein himmlisches Sarglicht aufden Sarg, der die Erde heißet, herunter hing.Die öde Kirche, dieser vorige Markt des redendenGewimmels, stand ausgestvrben und untergrabenvon Todten da — die langen Kirchenfenster legtensich vom Mond abgeschattet, über die Gittersiühlehinüber — an der Sakristei richtete sich dasschwarze Todten - Kreuz auf, das Ordenkreuz desTodes — die Degen und Sporen der Ritter er-innerten an die zerbröckelten Glieder, die sie undsich nicht mehr bewegten, und der Todtcnkranz desSäuglings mit falschen Blumen hatte den armenSäugling hieher begleitet, dem der Tod die Handabgebrochen, eh' sie wahre pflücken konnte — stei-nerne Mönche und Ritter machten das längst ver-stummte Gebet an der Mauer mit verwitterndenHänden nach — nichts lebendiges sprach in der
Kirche als der eiserne Gang des Perpendikels derThurmuhr, und mir war als hört' ich, wie dieZeit mit schweren Füßen über die Welt schrittund Gräber austrat als Fußstapfen. . .
Ich setzte mich auf eine Altarstufe, um mich lagdas Mvndlicht mit trüben eilenden Wolkenschatten;mein Geist stand hoch: ich redete das Ich an, dasich noch war: »was bist du? was sitzt hier underinnert sich und hat Qual? — Du, ich, etwas —wo ist denn das hin, das gefärbte Gewölk, dasseit dreißig Jahren an diesem Ich vorüber zogund das ich Kindheit, Jugend, Leben hieß? —Mein Ich zog durch diesen bemalten Nebel hin-durch — ich konnt' ihn aber nicht erfassen — weitvon mir schien er etwas festes, an mir versickerndeDufttropfen oder sogenannte Augenblicke — Lebenheißet also von einem Augenblick, (diesem Dunsi-kügelchen der Zeit,) in den andern tropfen.....Wenn ich nun wäre todt geblieben : so wäre alsodas, was ich setzo bin, der Zweck gewesen, wes-wegen ich für diese lichtervolle Erde und sie fürmich gebauet war? — Das wäre das Ende derSzenen? — und über dem Ende hinaus? —Freude ist vielleicht dort — hier ist keine, weileinevergangnekeineist, und unsre A u g en -blicke verdünnen jede gegenwärtige in tau-send vergangne — Tugend ist eher hier; sieist über die Zeit — Unter mir schläft alles;aber ich werd' es auch thun, und wenn ich mirnoch dreißig Jahre weiß mache, daß ich lebe,dann legen sie mich Loch wieder hieher — dieheutige Nacht kommt wieder — ich bleibe aberin meinem Sarg: und dann?.... Wenn ichnun drei Augenblicke hätte, einen zur Geburt,einen zum Leben, einen zum Sterben: zu washätt' ich sie denn, würd' ich sagen? — Alles aber,was zwischen der Zukunft und Vergangenheit steht,ist ein Augenblick — wir haben alle nur drei.»...Großes Urwesen — fing ich an und wollte beten
-Du hast die Ewigkeit, .... aber unter
dem Gedanken an den, der nichts als Gegenwartist, erhält sich kein menschlicher Geist aufrecht, son-dern beugt sich an seine Erde wieder. — »O ihrabgeschiedenen Liebe», dacht' ich, ihr wäret mirnicht zu groß, erscheinet mir, hebt das Gefühlder Nichtigkeit von meinem Herzen ab und zeigtmir die ewige Brust, die ich lieben, die mich wär-men kann.» Don ungefähr sah ich meinen armenHund, der mich anschauete; und dieser rührtemich mit seinem noch kürzern, noch dumpfer»Leben so, daß ich bis zu Thränen weich wurde undmich nach etwas sehnte, womit ich sie vermehrteund stillte.
Das war die Orgel über mir. Ich ging zu ihrwie zu einer löschenden Quelle hinauf. Und alsich mit ihren großen Tönen die nächtliche Kircheund die tauben Todten erschütterte, und als deralte Staub um mich flog, der auf ihren stummenLippen bisher gelegen war: so zogen alle vergäng-liche Menschen, die ich geliebt hatte, nebst ihrenvergänglichen Szenen vorüber, Du kämest undMailand und das stille Land; ich erzählte ihnenmit Orgeltönen was zu einer bloßen Erzählunggeworden war, ich liebte sie alle im Fluge des Le-! bens noch einmal und wollte vor Liebe an ahnen> sterben und in ihre Hand meine Seele drücken—