Band 
I.
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Die unsichtbare Loge.

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aber nur Holztasten waren unter meiner drücken-den Hand. — Ich schlug immer wenigere Tönean, die um mich wie ein ziehender Strudel gin-gen — endlich legt' ich das Choralbuch auf einentiefen Ton und zog die Bälge in einem fort, umnicht den stummen Zwischenraum zwischen denTönen auszustehen — ein summender Ton strömtefort, wie wenn er hinter den Flügeln der Zeitnachginge, er trug alle meine Erinnerungen undHoffnungen und in seinen Wellen schwamm meinschlagendes Herz.... Von jeher machte einfortbebender Ton mich traurig.

Ich verließ meine Auferstehungstätte und sahnach der weißen Pyramide des Eremitenberges,wo nichts auferstand und wo das Leben festerschlief; die Pyramide stand in Mondschimmer ge-taucht und mit mir wandelte ein langer Wolken-schatten. Blätter und Baume krümmte der Herbst;über die stachlichten Wiesmsioppeln wiegte sich dieBlume nicht mehr, die im Maule des Viehesverging; die Schnecke sargte sich in ihr Haus undBett mit Geifer ein; und als am Morgen sich dieErde mit vollgebluteten fleckigen Wolken gegendie matte Sonne drehte: so fühlt' ich, daß ichmeine vorige frohe Erde nicht mehr hatte, sonderndaß ich sie ans immer in der Gruft gelassen, unddie Menschen, die ich wiederfand, schienen mirLeichname, die der Tod hergeliehen und die da§Leben aufrichtet und schiebt, um mit diesen Fi-guren zu agieren in Europa, Asia, Afrika undAmerika....

So denk' ich noch. Ich werde auch Zeitlebensden Trauer-Eindruck von dieser Gewißheit herum-tragen, daß ich sterben muß. Denn da- weißich erst seit acht Tagen; ob ich mir gleich vor-her recht viel auf meine Empfindsamkeit an Ster-bebetten, an Theatern und Leichcnkanzel» einbil-dete. Das Kind begreift keinen Tod, jede Mi-nute seines spielenden Daseins stellet sich mitihrem Flimmern vor sein kleines Grab. Geschäft-und Freuden - Menschen begreifen ihn eben sowenig, und es ist unbegreiflich, mit welcher Kältetausend Menschen sagen können, das Leben istkurz. Es ist unbegreiflich, daß man dem betäubtenHaufen, dessen Reden artikuliertes Schnarchenist, das dicke Augenlied nicht aufziehen kann,wen» man von ihm verlangt, sieh' doch durch Deinepaar Lebensjahre hindurch bis ans Bett, worinDu erliegst - sieh Dich mit der hängenden plum-pen Todten - Hand, mit dem bergigen Kranken -Gesicht, mit dem weißen Marmor-Auge, höre inDeine jetzige Stunde die zankenden Phantasien derletzten Nacht herüber — die große Nacht, die im-mer auf Dich zuschreitet und die in jeder Stundeeine Stunde zurücklegt und Dich Ephemere, Dumagst Dich nun im Strahl der Abendsonne oderin dem der Abend-Dämmerung herumschwingcn,gewiß niederschlägt. Aber die beiden Ewigkeitenthürmen sich auf beiden Seiten unsrer Erde indie Höhe, und wir kriechen und graben in unseremtiefen Hohlweg fort, dumm, blind, taub, käuend,zappelnd, ohne einen größern Gang zu sehenals den wir mit Käferköpfen in unsern Kothackern.

Aber seitdem ists auch mit meinen Planen einEnde; man kann hienieden nichts vollenden. Das

Leben ist mir so wenig, daß es fast das Kleinsteist, was ich für ein Vaterland hingeben kann; ichtreffe und steige blos mit einem größern oderkleinern Gefolge von Jahren in den Gottesackerein. Mit der Freude ists aber auch vorbei; meinestarre Hand, die einmal den Tod wie einen Zit-teraal berührt hat, reibet den bunten Schmetter-lingstaub zu leicht von ihren vier Flügeln und ichlasse sie blos um mich flattern, ohne sie zu greifen.Blos Unglück und Arbeit sind undurch-sichtig genug, Laß sie die Zukunft verbauen;und ihr sollt mir willkommen in meinem Hausesein, zumal wenn ihr aus einem andern ausziehet,wo der Miethherr die Freude lieber hineinhat.— O Euch, Ihr armen bleichen aus Erdfarbengemachten Bilder, Ihr Menschen, lieb' und duld'ich nun doppelt; denn wer anders als die Liebezieht uns durch das Gefühl der Unvergänglichkeitwieder aus der Todesasche heraus? Wer sollt'Euch Euere zwei Dezembertage, die ihr 80 Jahrenennt, noch kälter und kürzer machen? Ach wirsind nur zitternde Schatten! Und doch will einSchatten den andern zerreißen? —

Jetzo begreif' ich, warum ein Mensch, ein Kö-nig in seinen alte» Tagen ins Kloster geht: waswill er an einem Hofe oder auf einer Börse ma-chen, wenn die Sinnenwelt vor ihm zurück weichtund alles aussieht wie eilt ausgespannter großerFlor, indeß blos die höhere zweite Welt mit ihrenStrahlen in dieses Schwarz herein hängt? So le-get der Himmel, wenn man ihn auf hohen Bergenbesieht, sein Blau ab und wird schwarz, weiljenes nicht seine, sondern unsrer AtmosphäreFarbe ist; aber die Sonne ist dann wie ein bren-nendes Siegel des Lebens in diese Nacht gedrücktund flammt fort....

Ich schaute gerade zum Sternenhimmel auf:aber er erhellet meine Seele nicht mehr wie sonst:seine Sonnen und Erden verwittern ja eben so wiedie, worein ich zerfalle. Ob eine Minute denMaden-Zahn, oder ein Jahrtausend den Haifisch -Zahn, an eine Welt setze: Las ist einerlei, zer-malmt wird sie doch. Nicht blos diese Erde isteitel, sondern alles, das neben ihr durch denHimmel flieht und das sich nur in der Größevon ihr trennt. Und du holde Sonne selber, diedu wie eine Mutter, wenn das Kind gute Nachtnimmt, uns so zärtlich anstehest, wenn uns dieErde wegträgt und den Vorhang der Nacht umunsre Betten zieht, auch du fällest einmal in deineNacht und in dein Bette und brauchst eine Sonne,um Strahlen zu haben! —

Es ist also sonderbar, daß man höhere Sterneoder gar die Planeten und ihre Tochterländer zuBlumenkübeln macht, in die uns der Tod steckt,wie etwa der Amerikaner nach dem Tode nachEuropa zu fahren hofft. Die Europäer würdenseine» Wahn erwiedern und Amerika für dieWalhalla der Abgeschiedncn halte», wenn nurunsre zweite Halbkugel statt 1000 Meilen, etwa60,000 wie die bekannte des Mondes entferntvon uns hinge. O mein Geist begehrt etwasanderes als eins aufgewärmte neu aufgelegteErde, eine andere Sättigung als auf irgendeinem Koth - oder Feuer- Klumpen des Himmelswächset, ein längeres Leben als ein zerbröckelnder