Die unsichtbare Loge
send Seelen und mit zwei Thränen, die stehenblieben. Sie deckte und trocknete das eine Augemit dem weißen Tuche und sah Gustav mit demzweiten rein und strömend an wie ein Spiegel-bild. ... Du gute Seele dachtest, Du verbärgestauch das zweite Auge! —
Endlich — o du ewiges unaufhörliches Endlich!— brach auch unsere silberne Wellen-Fahrt anihrem Ufer. Das gegenüberliegende lag öde undüberschattet dort. Ottvmar riß sich in der weh-müthigsten Begeisterung los, und unter dem Ver-klingen der Schweizer-Tone sagte mein erneuerterFreund : »Es ist wieder vorüber — alle Töne ver-hallen — alle Wellen versinken — die schönstenStunden schlagen aus und das Leben verrinnt. —Es gibt doch gar nichts, du weiter Himmel überuns, was uns füllet oder beglückt! — Lebt wohl!ich werde von Euch Abschied nehmen auf meinemganzen Weg hindurch.»
Die Alpen-Echo'S klangen in die weite Nachtzurück und fielen zu einem tönenden Hauche, dernicht der Erinnerung aus der Jugend, sondernaus der tiefen Kindheit glich. Wir schwankten,ausgefüllt vom Genuß, durch thauende Gesträucheund umgebückte schlaf- und thautrunkene Fluren,aus denen wir entschlummerte Blumen rissen, ummorgen ihre zugefaltete Schlafgestalt zu sehen.Wir dachten an die sonnenlosen Pfade des heutigenMorgens; wir gingen ohne Laut vor dem zwerg-haften Gärtchen und Häuschen vorüber, und dieKinder und die brodbackende Frau wurden von denTodesarmen des Schlummers gedrückt und um-flochten. Die Zeit hatte den Mond, wie einenSisyphusstein, auf den Gipfel deS-Himmels ge-wälzet und ließ ihn wieder sinken. In Ostenstiegen Sterne, in Westen sanken Sterne, mittenim Himmel zersprangen kleine von der Erde ab-gesandte Sternchen — aber die Ewigkeit standstumm und groß neben Gott, und alles verging vorihr und alles entstand vor ihm. Das Feld des Le-bens und der Unendlichkeit hing nahe und tiefüberuns, wie Ein Blitz, herein, und alles Große,alles Ueberirdische, alle Verstorbne und alle Engelhoben unsern Geist in ihren blauen Kreis undsanken ihm entgegen.. . .
Wir traten endlich, ich an der Hand meinerSchwester, Gustav an Beatens Hand, stiller, vol-ler, heiliger in unser kleines Lilienbad, als wir esam Morgen verlassen hatten. Gustav schied zuerstvon mir und sagte : »in fünf Tagen sehen wir unswieder.» Beaten führt' er ihrer Hütte zu, die inLunsns Silberflammen loderte. Die weiße Spitzeder Pyramide auf dem Eremitenberge schimmertetief entfernt über den langen grünenden Weg zumThal und durch die Nacht herüber. — Neben die-ser Pyramide hatten sich die zwei Glückliche» ihreHerzen zuerst gegeben, neben ihr ruhte ein Freundvon seinem Leben aus, und ihre weiße Spitze zeigteden Ort, wo sein Frühling schöner ist. — Siehörten die Blätter der Terrasse lispeln, und denLebensbaum, unter welchem sie nach dem Unter-gang der Sonne sich zum zweitenmal ihre Seelengegeben hatten. ... O ihr zwei Ueberseligen undGuten! jstzv schöpft ein guter Seraph für Eucheine Silber-Minute aus dem Freuden-Meere, dasin einer schönern Erde liegt — auf diesem eilenden
363
Tropfen blinkt die ganze Perspektive des Edens,worin der Engel ist; die Minute wird zu Euchherunter rinnen, aber ach, so schnell wird sievorüber gehen! —
Beata gab Gustav, als Wink zum Abschied, dasbegehrte Blatt — er drückte die Hand, aus der eskam, an seinen stillen Mund — er konnte wederDank noch Lebewohl sagen — er nahm ihre zweiteHand, und alles rief und wiederholte in ihm »sieist ja wieder dein und bleibt eS ewig» und er mußteweinen über seine Seligkeit. Beata sah ihm insein überströmendes Herz, und ihres floß in eineThräne über und sie wußt' es noch nicht; aber alsdie Thräne des heiligsten Auges auf die Nvsen-wange glitt und an diesem Rosenblatte mit erzit-terndem Schimmer hing — als seine fesselnde undihre gefesselte Hände sie nicht trocknen konnten —als er mit seinem flammenden Angesicht, mit sei-ner überseligen zerspringenden Brust die Zährenehmen wollte und sich nach dem Schönsten aufder Erde wie eine Entzückung nach der Tugendneigte und mit seinem Gesicht das ihrige berührte:dann führte der Engel, der die Erde liebt, diezwei frömmsten Lippen zu einem unauslöschlichenKusse zusammen — dann versanken alle Bäume,vergingen alle Sonnen, verflogen alle Himmel,und Himmel und Erde hielt Gustav in einem ein-zigen Herz an seiner Brust; — dann gingest Du,Seraph, in die schlagenden Herzen und gäbestihnen die Flammen der überirdischen Liebs — undDu hörtest fliehen von Gustavs heißen Lippen diegehauchten Laute : »v Du Theure ! Unverdiente!und so Gute! so Gute!
Es sei genug — die hohe Minute ist vorübergeflossen — der Erdentag schickt sein Morgenrothschon an den Himmel — mein Herz komme zurRuhe und jedes andre auch!
Bier und fünfzigster oder 6ter Freuden-Sektor.
Tag »ach dicstr Uacht — Lcatcns Liatt — Mcrli-würdiglwit
Ich bitte die Kritik um Verzeihung, wenn ichdiese Nacht zu viele Metaphern und zu viel Feuerund Lärm gemacht: ein Freuden-Sektor (so wiedie Kritik darüber) muß sich dergleichen gefallen las-sen , sobald einmal der Verfasser sich eine ähnlicheUeberfracht von Zitrvnensäuere, Theeblüte, Zu-ckerrohr, und Arrak gefallen lässet, wie ichthat.
Ich legte mich heute gar nicht nieder: die Bögelfingen schon wieder zu singen an, und als derTraum kaum das vergangene Schauspiel einigevierzigmal wieder vor den zugesunkenen Augenaufgeführet hatte, macht' ich sie wieder auf, weildie Sonne mich umflammte.
Eine durchwachte und durchfreute Nacht lässeteinen Morgen zurück, wo man in einer süßen