Die unsichtbare Loge
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Seit der Schwedenzeit waren die WuzeSchulmeister in Auenthal, und ich glaube nicht,daß Einer vorn Pfarrer oder von seiner Ge-meinde verklagt wurde. Allemal acht oder neunJahre nach der Hochzeit versahen Wuz und Sohndas Amt mit Verstand — unser Maria Wuz do-zierte unter seinem Vater schon in der Wochedas Abc, in der er das Buchstabieren erlernte,Las nichts taugt. Der Charakter unsers Wuzhatte, wie der Unterricht anderer Schulleute,etwas Spielendes und Kindisches; aber nicht imKummer, sondern in der Freude.
Schon in der Kindheit-war er ein wenig kin-disch. Denn es gibt zweierlei Kinderspiele, kindi-sche und ernsthafte — Die ernsthaften sindNachahmungen der Erwachsenen, das Kaufmann-,Soldaten-, Handwerker- Spielen — die kindi-schen sind Nachäffungen der Thiere. Wuz warbeim Spielen nie etwas anders als ein Hase, eineTurteltaube oder das Junge derselben, ein Bär,ein Pferd oder gar der Wagen daran. Glaubtmir! ein Seraph findet auch in unsern Kollegienund Hörsälen keine Geschäfte, sondern nur Spieleund, wenn ers hoch treibt, jene zweierleiSpiele.
Indeß hatt' er auch, wie alle Philosophen, seineernsthaftesten Geschäfte und Stunden. Setzte ernicht schon längst — ehe die brandenburgi scheuerwachsenen Geistlichen nur fünf Fäden von bun-tem Ueberzug umthaten — sich dadurch übergroße Borurtheile weg, daß er eins blaueSchürze, die seltner der geistliche Ornat als derin ein Amt tragende Du. Fausis Mantel guterKandidaten ist, Vormittags über- sich warf undin diesem Himmelfarbigen Meßgewand der Magdseines Vaters die vielen Sünden vorhielt, die sieum Himmel und Holle bringen konnten? — Jaer griff seinen eignen Vater an, aber Nachmit-tags; denn wenn er diesem Kobers Kabinetpre-diger vorlas, wars seine innige Freude, dann undwann zwei, drei Worte oder gar Zeilen aus eig-nen Ideen einzuschalten und diese Jnterpolazivnmit weg zu lesen, als spräche Herr Kober selbstmit seinem Vater. Ich denke, ich werfe durchdiese Personalie vieles Licht auf ihn und einenSpaß, den er später auf der Kanzel trieb, als erauch Nachmittags den Kirchgängern die Postillean Pfarrers Statt vorlas, aber mit so viel hin-eingespielten eignen Berlagartikeln und Fabrika-ten, daß er dem Teufel Schaden that und dessenDiener rührte. --Zufiel, sagt' er nachher um vierUhr zu seiner Frau, was weißt Du unten inDeinem Stuhl, wie prächtig es einem oben ist,zumal unter dem Kanzelliede?--
Wir könnens leicht bei seinen ältern Jahrenerfragen, wie er in seinen Flegeljahren war. ImDezember von jenen ließ er allemal das Licht eineStunde später bringen, weil er in dieser Stundeseine Kindheit —jeden Tag nahm er einen andernTag vor — rekapitulierte. Indem der Windseine Fenster mit Schnee - Vorhängen ver-finsterte und indem ihn aus den Ofen-Fugen das Feuer anblinkte, drückte er die Auge»zu und ließ auf die gefrornen Wiesen den längstvermoderten Frühling niederthauen; da baueteer sich mit der Schwester in den.Heuschober ein
und fuhr auf dem architektonisch gewölbten Heu -Gebirge des Wagens heim und rieth droben mitgeschlossenen Augen, wo sie wohl nun führen. Inder Abendkühle unter dem Schwalben - Scharmu-zieren über sich, schoß er, froh über die untereEntkleidung und Las Deshabillbe der Beine, alsschreiende Schwalbe herum und mauerte sich fürsein Junges — ein hölzerner Weihnachthahn mitangepichten Federn wars — eine Koth-Rotundamit einem Schnabel von Holz, und trug hernachBettstroh und Bettfedern zu Nest. Für eine an-dere -palingenesierende Winter - Abendstundewurde ein prächtiger Trinitatis (ich wollt' esgäbe drei hundert fünf und sechzig Trinitatis)aufgehoben, wo er am Morgen in tönendem Lenzum ihn und in ihm, mit läutendem Schlüssel-Bund durch das Dorf in den Garten stolzierte,sich im Thau abkühlte und das glühende Gesichtdurch die tropfende Jvhannisbeer - Staudedrängte, sich mit dem hochstämmigen Grase maßund mit zwei schwachen Fingern die Rosen fürden Herrn Senior und sein Kanzelpult abdrehte.An eben diesem Trinitatis — das war die zweiteSchüssel an dem nämlichen Dezember-Abend —qnetschete er, mit dem Sonnenschein auf dem Rü-cken, den Orgeltasten den Choral: --Gott in derHöh' sei Ehr,-- ein oder ab (mehr kann er nochnicht) und streckte die kurzen Beine mit vergebli-chen Näherungen zur Parterre-Tastatur hinun-ter, und der Vater riß für ihn die richtigenRegister heraus. — Er würde die ungleichartig-sten Dinge zusammenschütten, wenn er sich in dengedachten beiden Abendstunden erinnerte, was erim Kindheit-Dezember vornahm; aber er warso klug, daß er sich erst in einer dritten darauf besaunwie er sonst AbendS sich aufs Zuketten der Fen-sterladen freuete, weil er nun ganz gesichert vorallem in der lichten Stube hockte, daher er nichtgern lange in die von abspiegelnden Fensterscheibenüber die Laden hinausgelagerte Stube hineinsah;wie er und seine Geschwister die abendliche Kvchereider Mutter ausspionierten, unterstützten undunterbrachen, und wie er und sie mit zugedrücktenAugen und zwischen den Brustwehr-Schenkelndes Vaters auf das Blenden des kommendenTalglichts sich spitzte, und wie sie, in dem aus demunabsehlichen Gewölbe des Universums herausge-ichnittenen oder hineingebaute» Kloset ihrerStube so beschirmt waren, so warm, so satt. sowohl. . . . Und alle Jahre, so oft er diese Ne-tvurfuhre seiner Kindheit und des WolfmonatSdarin, veranstaltete, vergaß und erstaunt' er —sobald däS Licht angezündet wurde — daß in derStube, die er sich wie ein Loretto - HäuSche» ausdem Kindheit-Kanaan herüber holte, er ja ge-rade jetzt säße. — So beschreibt er wenigstensselber diese Erinncrung-hvhen - Opern in sei-nen RousseauischenSpaziergängen, dieich da vor mich lege, um nicht zu lügen. . . .
Allein ich schnüre mir den Fuß mit lauter Wur-zelngeflecht und Dickicht ein, wenn ichs nicht da-durch wegreiße, daß ich einen gewissen äußerstwichtigen Umstand aus seinem männlichen Alterherausschneide und sogleich jetzo aufsetze, nachheraber soll ordentlich a M'im'i angefangen, und mitdem Schulmeisterlein langsam in den'drei auf-