368 Die unsichtbare Loge.
steigenden Z e i ch e n der Alterstufen hinauf,und auf der andern Seite in den drei nieder-steigenden wieder hinab gegangen werden —bis Wuz am Fuße der tiefsten Stufe vor uns insGrab fällt.
Ich wollte, ich hätte dieses Gleichniß nicht ge-nommen. So oft ich in Lavaters Fragmentenoder in Lcnnenii oibl» züetus oder an einerWand das Blut- und Trauergerüste der sieben Le-bens-Stazionen besah — so oft ich zuschauetc, wiedas gemalte Geschöpf, sich verlängernd und aus-streckend, die Ämeisen-Pyrainide aufklettert, dreiMinuten droben sich umblickt und einkriechend aufder andern Seite niedersährt und abgekürzt um-kugelt auf die um diese Schädelstätte liegendeVorwelt — und so oft ich vor das athmende Ro-sengesicht voll Frühlinge und voll Durst, einenHimmel auszutrinken, trete und bedenke, daß nichtJahrtausende, sondern Jahrzehende dieses Gesichtin das zusainmengeronnene zerknüllte Gesicht vollüberlebter Hoffnungen ausgedörret haben. . . .Aber indem ich über andre mich betrübe, hebenund senken mich die Stufen selber, und wir wolleneinander nicht so ernsthaft machen!
Der wichtige Umstand, bei dem uns, wie manbehauptet, so viel daran gelegen ist, ihn vorauszuhören, ist nämlich der, daß Wuz eine ganzeBibliothek — wie hätte der Mann sich eine kaufenkönnen — sich eigenhändig schrieb. Sein Schreib-zeug war seine Talchcudruckerei; jedes neueMeßprodukt, dessen Titel kaS Meisierlein ansichtigwurde, war nun so gut als geschrieben oder ge-kauft denn es setzte sich sogleich hin und machteLas Produkt und schenkt' es seiner ansehnlichenBüchersammlung, die, wie die heidnischen, auslauter Handschriften bestand. Z. B. kaum warendie physiognomischen Fragmente von Lavater da:so ließ Wuz diesem fruchtbaren Kopfe dadurch we-nig voraus, daß er sein Konzeptpapier in Quartobrach und drei Wochen lang nicht vom Sesselwegging, sondern an seinem eignen Kopfe so langezog, bis er den physiognomischen Fötus heraus ge-bracht — (er bettete den Fötus aufs Bücherbrethin — ) und bis er sich den Schweizer nachge-schrieben hatte. Diese Wuzischen Fragmente über-titelte er die Lavaterschen und nierkte an: -er hättenichts gegen die gedruckten; aber seine Hand seihoffentlich eben so leserlich, wenn nicht besser alsirgend ein Mittel-Fraktur-Druck.-- Er war keinverdammter Rachdrucker, der das Original hin-legt und oft das Meiste daraus abdruckt: sonderner nahm gar keines zur Hand. Daraus sind zweiThatsachen vortrefflich zu erklären: erstlich die,daß es manchmal mit ihm haperte und daß erz. B. im ganzen Federschen Traktat über Raumund Zeit von nichts handelte, als vom Schiffs-Naum und der Zeit, die man bei WeiberntUensvs nennt. Die zweite Thatsache ist seineGlaubensacke: da er einige Jahre sein Bücherbretauf diese Art vollgeschrieben und durchstudiersthatte, so nahm er die Meinung an, seine Schreib-bücker wären eigentlich die kanonischen Urkunden,und die gedruckten wären bloße Nachstichs seinerzcschriebnen; nur das, klagt' er, könn' er —und böten die Leute ihm Basteien dafür an —nicht herauskriegen, wienach und warum der
Vuchführer das Gedruckte allzeit so sehr verfälscheund umsetze, daß man wahrhaftig schwören sollte,das Gedruckte und das Geschriebne hätten dop-pelte Verfasser, wüßte man es nicht sonst.
Es war einfältig, wenn etwa ihm zum Possenein Autor sein Werk gründlich schrieb, nämlich inQuerfolio — oder witzig, nämlich in Sedez: dennsein Mitmeister Wuz sprang den Augenblick her-bei und legte seinen Bogen in die Quere hin, oderkrempte ihn in Sedezimv ein.
Nur Ein Buch ließ er in sein Haus, den Meß-katalog: denn die besten Jnventariensiücke dessel-ben mußte der Senior am Rande mit einerschwarzen Hand besiempeln, damit er sie hurtig ge-nug schreiben konnte, um das Ostermeß-Heu in diePanse des Bücherschranks hineinzumähen, eh' dasMichaelis-Grummet herausschoß. Ich möchte seineMeisterstücke nicht schreiben. Den größten Scha-den hatte der Mann davon — Verstopfung zu hal-ben Wochen und Schnupfen auf der andern Seite— wenn der Senior (sein Friedrich Nicvlai) zuviel Gutes, das er zu schreiben hatte, anstrich undseine Hand Lurch die gemalte anspornte; und seinSohn klagte oft, daß in manchen Jahren sein Va-ter vor literarijcher Geburtarbeit kaum niesenkonnte, weil er auf einmal Sturms Betrachtun-gen, die verbesserte Auflage, Schillers Räuber undKants Kritik der reinen Vernunft, der Welt zuschenken hatte. Das geschah bei Tage; Abendsaber mußte der gute Mann nach dem Abendessennoch gar um den Südpol rudern und konnte aufseiner Kookischen Reise kaum drei gescheite Wortezum Sohne nach Deutschland hinausreden. Dennda unser Enzyklopädist nie das innere Afrika odernur einen spanischen Maulesel-Stall betrete»,oder die Einwohner von beiden gesprochen hatte:so hatt' er desto mehr Zeit und Fähigkeit, von bei-den und allen Ländern reichhaltige Neisebeschrei-bungen zu liefern — ich meine solche, worauf derStatistiker, der Menschheit-Geschichtschreiber undich selber fußen können — erstlich deswegen, weilauch andre Neisejonrnalisten häufig ihre Beschrei-bungen ohne die Reise machen — zweitens auchweil Reisebeschreibungen überhaupt unmöglich aufeine andre Art zu machen sind, angesehen »ochkein Reisebeschreiber wirklich vor oder i» demLande stand, Laser silhouettierte: denn so vielhat auch der Dümmste noch aus Leibnitzens vor-herbestimmter Harmonie im Kopse, daß die Seele,z. B. die Seelen eines Försters, Brydvne, Bjvrn-stähls — insgesammt seßhaft auf dem Jsoliersche-mel der versteinerten Zirbeldrüse — ja nichts an-ders von Südindien oder Europa beschreibenkönnen als was jede sich davon selber erdenkt undwas sie, beim gänzliche» Mangel äußerer Ein-drücke, aus ihren fünf K a n ke r - S p i n n-j Warzen verspinnt und abzwirnt. Wuz zerrtei sein Reisejournal aus niemand anders als aus! sich-
Er schreibt über Alles, und wenn die gelehrteWelt sich darüber wundert, daß er fünf Wochennach dem Abdruck der Wertherschen Leiden, einen. alten Flederwisch nahm und sich eine harte Spuhleauszog und damit stehendes Fußes sie schrieb, die, Leiden, — ganz Deutschland ahmte nachher seineLeiden nach: so wundert sich niemand weniger