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Die unsichtbare Loge.
Denn Er und ich, mein Herr Präfektus und auchSie, verdiente Schuldiener des Alumneums, wirwollen mit einander wetten, Sie sollen über denvergnügten Wu; ein Härenhemd ziehen (imGrund hat er eines an) — Sie sollen ihn JrionSRad und Sisyphus Stein der Weisen und denLaufwagen Ihres Kindes bewegen lassen — Siesollen ihn halb todt hungern oder prügeln lassen— Sie sollen einer so elenden Wette wegen (wel-ches ich Ihnen nicht zugetrauet hätte) gegen ihnganz des Teufels sein: Wuz bleibt doch Wuz undpraktiziert sich immer sein Bischen verliebterFreude inS Herz, vollends in den Hundta-gen ! —
Seine Kanikularferien sind aber vielleicht nir-gends deutlicher beschrieben als in seinen "Wer-therS Freuden," die seine Lebeusbeschreiberfast nur abzuschreiben brauchen. — Er ging daSonntags nach der Abendkirche heim nach Auen-thal und hatte mit den Leuten in allen GassenMitleiden, daß sie da bleiben mußten. Draußendehnte sich seine Brust mit dein aufgebauten Him-mel vor ihm aus, und halbtrunken im Konzertsaalaller Vogel horcht' er dvppelselig bald auf die ge-fiederten Sopranisten, bald auf seine Phantasieen.Um nur seine über die Ufer schlagende Lebens-kräfte abzuleiten, galoppierte er oft eine halbeViertelstunde laug. Da er immer kurz vor undnach Sonnen-Untergang ein gewisses wollüstigestrunkenes Sehnen empfunden hatte — die Nachtaber macht wie ein längerer Tod den Menschenerhaben und nimmt ihm die Erde: — so zauderteer mit seiner Landung in Auenthal so lang', bisdie zerfließende Sonne durch die letzten Kornfel-der vor dem Dorfe mit,Goldfäden, die sie geradeüber die Aehren zog, sein blaues Röckchen stickte,und bis sein Schatten an den Berg über denFluß wie ein Riese wandelte. Dann schwankteer, unter dem wie aus Vergangenheit her-überklingendcn Abendläuten ins Dorf hinein undwar allen Menschen gut, selbst dem Präfektus.Ging er dann um seines Vaters Haus und saham obern Kappfensier den Widerschein desMonds und durch ein Parterre-Fenster seineJustina, die da alle Sonntage einen ordentlichenBrief setzen lernte. . . . o wenn er dann in die-ser paradiesischen Viertelstunde seines Lebens auffünfzig Schritte die Stube und die Briefe unddas Dorf von sich hätte wegsprengen und um sichund um die Briefstellerin blos ein einsames däm-merndes Tempe - Thal hätte ziehen können —wenn er in diesem Thäte mit seiner trunknenSeele, die unterwegeS um alle Wesen ihre Armeschlug, auch an sein schönstes Wesen hätte fallendürfen, und er und sie und Himmel und Erdezurückgesunken und zerflossen wären vor einemflammenden Augenblick und Brennpunkte mensch-licher Entzückung.
Indessen that ers wenigstens Nachts um eilfUhr; und vorher gings auch nicht schlecht. Ererzählte dem Vater, aber im Grunde Justinenseinen Studienplau und seinen politischen Ein-fluß; er setzte sich dem Tadel, womit sein Vaterihre Briefe korrigierte, mit demjenigen Gewichtentgegen, das ein solcher Kunstrichter hat, und erwar, da er gerade warm aus der Stadt kam, mehr
als einmal mit Witz bei der Hand — kurz, unterdem Einschlafen horte er in seiner tanzenden itaumelnden Phantasie nichts als Sphären-Mu- jsik.
— Freilich Du, mein Wuz, kannst WertherS .Freuden aufsetzen, da allemal Deine äußere undDeine innere Welt sich wie zwei Muschelschalenan einander löthen und Dich als ihr Schalthiereinfassen; aber bei uns armen Schelmen, die wirhier am Ofen sitzen, ist die Außenwelt selten derRipienist und Chorist unsrer innern fröhlichenStimmung; — höchstens dann, wenn an uns derganze Stimmstock umgefallen und wir knarrenund brummen; oder in einer andern Metapher:wenn wir eine verstopfte Nase haben, so setzt sichein ganzes mit Blumen überwölbtes Eden voruns hin und wir mögen nicht hineinriechen.
Mit jedem Besuche machte das Schulmeisterleinseiner Johanna-Therese-Charlotte--Mariaua-Kla-rissa-Helvise-Justel auch ein Geschenk mit einemPfefferkuchen und einem Potentaten; ich willüber beide ganz befriedigend sein.
Die Potentaten hatt' er in seinem eignen Ver-lage; aber wenn die Reichshofraths-Kanzlei ihreFürsten und Grafen aus ein wenig Dinte, Perga-ment und Wachs macht: so verfertigte er seinePotentaten viel kostbarer aus Nuß, Fe t undzwanzig Farben. Im Alumneum wurde nämlichmit den Nahmen einer Menge Potentaten einge-heizet, die er sämmtlich mit gedachten Materi-alien so zu kopieren und zu repräsentieren wußte alswär' er ihr Gesandter. Er überschmierte einQuartblatt mit einem Endchen Licht und nachhermit Ofenruß — dieses legte er mit der schwarzenSeite auf ein anderes mit weißen Seiten — obenauf beide Blätter that er irgend ein fürstlichesPorträt — dann nahm er eine abgebrochene Ga-bel und fuhr mit ihrer drückenden Spitze aufdem Gesichte und Leibe deS regierenden Herrn
herum-dieser Druck verdoppelte den Potenta- ^
ten, der sich vom schwarzen Blatt aufs weiße über-färbte. So nahm er von allem, was unter einereuropäischen Krone saß, recht kluge Kopieen; al-lein ich habe niemals verhehlet, daß seine Okulier-Gabel die russische Kaiserin (die vorige) und eineMenge Kronprinzen dermaßen aufkratzte und durch-schnitt , daß sie zu Nichts mehr zu brauchen wa-ren als dazu, den Weg ihrer Rahmen zu gehen.Gleichwohl war das rußige Quartblatt nur dieBruttafel und Aetz-Wiege glorwürdiger Regenten,oder auch der Streich- oder Laichteich derselben— ihr S trecktei ch aber oder die Appretur-Ma-schine der Potentaten war sein Farbkäsichen;mit diesem illuminirte er ganze regierende Linien,und alle Muscheln kleideten einen einzigen Groß-fürsten an, und die Kronprinzessinnen zogen ausderselben Farbmuschel Wangenröthe, Schamrötheund Schminke.-Mit diesen regierenden Schö-
nen beschenkte er die, die ihn regierte und dienicht wußte, was sie mit dem historischen Bilder-saale machen sollte.
Aber mit dem Pfefferkuchen wußte sie eS in demGrade, daß sie ihn aß. Ich.halt'es für schwer,einer Geliebten einen Pfefferkuchen zu schenken,weil man ihn oft kurz vor der Schenkung selber,verzehrt. Hatte nicht Wuz die drei Kreuzer für