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Die unsichtbare Loge.
pädagogischen Arbeiten im Winter und man hältda keine Kälte aus.» — Am 2ysten Mai war nochdazu nach diesen Gesprächen eine Kindtaufe — eswar seine erste — ste war seine erste Revenüe, undein großes Einnahmebuch statte er sich schon aufdem Alunmeum dazu geheftet — er besah undzählte die Paar Groschen zwanzig mal, als wärensie andere. — Am Taufstein stand er in ganzerParüre und die Zuschauer standen auf der Emporund in der herrschaftlichen Loge im Alltag-Schmutz.— »Es ist mein saurer Schweiß,» sagt'er einehalbe Stunde nach dem Aktus und trank vvmGelde zur ungewöhnlichen Stunde ein NößelBier. — Ich erwarte von seinem künftigen Le-bensbeschreiber ein Paar pragmatische Fingerzeige,warum Wuz blos ein Einnahme- und kein Aus-gabe-Buch sich nähte und warum er in jenem obenLouisd'or, Groschen, Pfennige setzte, ob er gleichnie die erste Münzsvrte unter seinen Schul-Ge-fällen hatte.
Nach dem Aktus und nach der Verdauung ließer sich den Tisch hinaus unter den Weichselbaumtrage» und setzte sich nieder und bossierte noch ei-nige unleserliche Hexameter in seiner Messiade.Sogar während er seinen Schinkenknochen alssein Abendessen abnagte und abfeilte, befeilt' ernoch einen und den andern epischen Fuß, und ichweiß recht gut, daß des Fettes wegen mancher Ge-sang ein wenig geölet aussiehst. Sobald er denSonnenschein nicht mehr auf der Straße, sondernan den Häusern liegen sah: so gab er der Mut-ter die nöthigen Gelder zum Haushalten und liefins Freie, um sich es ruhig auszumalen, wie crSkünftig haben werde im Herbst, im Winter, anden drei heiligen Festen, unter den Schulkindernund unter seinen eignen. —
Und doch sind das blos Wochentage; der Sonn-tag aber brennt in einer Glorie, die kaum auf einAltarblatt geht. — Ueberhaupt steht in keinenSeelen dieses Jahrhunderts ein so großer Begriffvon einem Sonntage, als in denen, welche inKantoren und Schulmeistern Hausen; mich wun-dert es gar nicht, wenn sie an einem solchen Cour-tage nicht vermögen, bescheiden zu verbleiben.Selber unser Wuz konnte sichs nicht verstecken,was es sagen will, unter tausend Menschen alleinzu orgeln — ein wahres Erb-Amt zu versehen undden geistlichen Krönung-Mantel dem Seniornberzuhenken und sein Vslet l!s laiitaime „ndKammermohr zu sein — über ein ganzes von derSonne beleuchtetes Chor Territvrial-Herrfchaft zuexerzieren, als amtierender Chvr-Maire auf seinemOrgel-Fürstenstuhl die Poesie eines Kirchsprengelsnoch besser zu beherrschen, als der Pfarrer dieProse desselben kommandiert — und nach derPredigt über das Geländer hinab völlige fürstlicheBefehle «uns kaczon mit lauter Stimme wenigerzu geben als abzulesen. ..... Wahrhaftig, mansollte denken, hier oder nirgends thät' es Noth,daß ich meinem Wuz zuriefe: »Bedenke, was»Du vor wenig Monaten wärest! Ueberlege, daß»nicht alle Menschen Kantores werden können, und»mache Dir die vortheilhafte Ungleichheit der»Stände zu Nutze, ohne sie zu mißbrauchen und»ohne darum mich und meine Zuhörer am Ofen zu»verachten.-Aber nein! auf meine Ehre,
das gutartige Meisterten, denkt ohnehin nichtdaran! die Bauern hätten nur so gejcheit seinsollen, daß sie Dir schnakischem, lächelndem, trip-pelndem, händereibeudem Dinge ins gallenloss über-zuckerte Herz hineingesehen hätten; was hättensie da ertappt? Freute in Deinen zwei Herz-Kammern, Freude in Deinen zwei Herz-Ohren.Du numeriertest blos oben im Chöre, gutes Ding!das ich je länger je lieber gewinne, Deine künfti-gen Schulbuben und Schulmädchen in den Kirch-stühlen zusammen und setztest sie sämmtlich vorausin Deine Schulstube und um Deine winzige Naseherum, und nähmest Dir vor, mit der letzten täg-lich Vormittags und Nachmitlags einmal zu nie-sen und vorher zu schnupfen, nur damit Deinganzes Institut wie besessen aufführe und zuriefe:Helf Gott, Herr Kantuer! Die Bauern hättenferner in Deinem Herzen die Freude angetroffen,die Du hattest, ein Setzer von Folioziffern zu sein,so laug wie die au, Zifferblatt der Thurmuhr, in-dem Du jeden Sonntag an der schwarze» Lieder-tafel in öffentlichen Druck gabst, auf welcher Paginadas nächste Lied zu suchen sei — wir Autores tre-ten mit schlechterem Zeuge im Drucke auf; —ferner die Freude hätte man gefunden. DeinemSchwiegervater und Deiner Braut im Singenvorzureiten; und endlich Deine Hoffnung, denBodensatz des Kommuuion-WeinS einsam auszu-sanfen, der sauer schmeckte. Ein höheres Wesenmuß Dir so herzlich gut gewesen sein, wie das re-ferierende, da eS gerade in Deinem achtwöchent-licheu Eden-Lustrum Deinen gnädigen Kircheupa-tron kommunizieren hieß: denn erhalte doch soviel Einsicht, daß er an die Stelle des Kommu-nion-Weins, der Christi Trank am Kreuz nichtunglücklich nachbildete, Christi Thränen ausseinem Keller setzte; aber welche Himmel dannnach dem Trank des Bodensatzes in aste DeineGlieder zogen.... Wahrlich jedesmal will ich wie-der in Ausrufungen verfallen; — aber warummacht doch mir und vielleicht Euch dieses schulmei-sterlich vergnügte Herz so viel Freude? — Ach,liegt es vielleicht daran, daß wir selber sie nie sovoll bekommen, weil der Gedanke der Erden-Eitel-keit auf uns liegt und unsern Athem drückt, undweil wir die schwarze Gottesacker-Erde unter denRasen - und Blumenstücken schon gesehen ha-ben, auf denen das Meisterlein sein Leben ver-hüxft? —
Der gedachte Kommunion-Wein moussierte nochAbends in seinen Adern; und diese letzte Tagzeitseines Sabbats hab' ich »och abzuschildern. Nuram Sonntag durft' er mit seiner Justins spazie-ren gehen. Vorher nahm er das Abendessen beimSchwiegervater ein, aber mit schlechtem Nutzen;schon unter dem Tischgebet wurde sein Hundhun-ger matt und unter den Ailotriis darauf garunsichtbar. Wenn ich es lesen könnte: so könnt'ich das ganze Konterfei dieses Abends aus seinerMessiade haben, in die er ihn, ganz wie er war,im sechsten Gesang hineiugeflochten, so wie allegroße Skribenten ihren Lebenslauf, ihre Weiber,Kinder, Acker, Vieh in ihre vpsra omnia stricken.Er dachte, in der gedruckten Messiade stehe derAbend auch. In seiner wird es episch ausgeführetsein, daß die Bauern auf den Rainen wateten und