Die unsichtbare Loge. 377
Ofen, dessen Assessor ich bin, dafür, wenn ich michund meine Zuhörerschaft jetzt zu transparenten Syl-phiden zu verdünnen wüßte; damit unsere ganzeBrüderschaft dem zappelnden Bräutigam ohneStörung seiner stillen Freude in den Gartennachflöge, wo er für ein weibliches Herz, das we-der ein diamantnes noch ein welsches ist, auch keineBlumen, die es sind, abschneidet, sondern lebende— wo er die blitzenden Käfer und Thautrvpfenaus den Blumenblättern schüttelt und gern aufden Bienenrüffel wartet, den zum letztenmale dermütterliche Blumenbusen säuget — wo er an seineKnaben-Sonntagmvrgen denkt und an den zu en-gen Schritt über die Beete und an das kalteKanzelpult, auf welches der Senior seinen Straußauflegte. Gehe nach Haus, Sohn Deines Beifah-rers , und schaue am achten Junins Dich nicht gegenAbend um, wo der stumme sechs Fuß dicke Got-tesacker über manchen Freunden liegt, sondern ge-gen Morgen, wo Du die Sonne, die Pfarrthüreund Deine hineinschlüpfende Justine sehen kannst,welche die Frau Pathin nett auSfrisieren und ein-schnüren will. Ich merk' es leicht, daß meine Zu-hörer wieder in Sylphiden verflüchtigt werdenwollen, um die Braut zu umflattern; aber siesiehts nicht gern.
Endlich lag der himmelblaue Rock — die Li-vröefarbe der Müller und Schulmeister — mitgeschwärzten Knopflöchern und die plättende Hanoseiner Mutter, die alle Brüche hob, ani Leibe keSSchulmeisterleins und es darf nur Hut und Ge-sangbuch nehmen. Und jetzt — ich weiß gewißauch, was Pracht ist, fürstliche bei fürstlichen Ver-mählungen, das Kanonieren, Illuminieren, Exer-zieren und Frisieren dabei; aber mit der WuzischenVermählung stell' ich koch dergleichen nie zu-sammen: sehet nur dem Mann hinten nach, derden Sonnen- und Himmelweg zu seiner Brautgeht und auf den andern Weg drüben nach demAlumneum schauet und denkt: »wer hättS vor vierJahre» gedacht;-- ich sage, sehet ihm nach! Thutes nicht auch die Auenthaler Pfarrinagd, ob siegleich Wasser trägt, und henkt einen solchen präch-tigen vollen Anzug bis auf jede Franze in ihrenGehirn- und Kleiderkammern auf? Hat er nichteine gepuderte Nasen- und Schuhspitze?. Sindnicht die rothen Thvrflügel seines Schwiegervatersaufgedreht und schreitet er nicht durch diese ein, in-deß die von der Haarkräuslerin abgefertigte Ver-lobte durch das Hvfthürchen schleicht? Und stoßensie nicht so meubliert und überpudertaufeinander,daß sie das Herz nicht haben, sich Guten Morgenzu bieten? Denn haben beide in ihren, Leben et-was prächtigeres und vornehmeres gesehen, alssich einander heute? Ist in dieser verzeihlichenVerlegenheit nicht der lange Späh» ein Glück,den der kleine Bruder zugeschnitzt und den er derSchwester hinreckt, damit sie darum wie um einenWeinpsahl die Blumen-Staude und Geruch-Quaste für des Kantors Knopfloch winde undgürte? Werden neidsüchtige Damen meine Freundebleiben, wenn ich meinen Pinsel eintunke undihnen damit verfärbe die Parüre der Braut, daszitternde Gold statt der Zitternadel im Haar, diedrei goldnen Medaillons auf der Brust mit denDorf- im Vvnue schreiet ihre wichtigsten Perso-
Miniatürbildern der deutschen Kaiser *, und tieferdie in Knöpfe zergossenen Silberbarren?....Ich könnt' aber den Pinsel fast jemand an denKopf werfen, wenn mir beifällt, mein Wuz undseine gute Braut werden mir, wenns abgedrucktist, von den Koketten und anderem Tcufelzeugegar ausgelacht: glaubt Ihr denn aber, Ihr städti-schen distillierten und tättowierten Seelenverkäu-serinnen, die Ihr alles an Mannspersonen messetund liebt, Ihr Herz ausgenommen, daß ich odermeine meisten Herren Leser dabei gleichgültig blei-ben konnten, oder daß wir nicht alle Eure gespann-ten Wangen, Eure zuckenden Lippen, Enre mitWitz und Begierde sengenden Augen und Eure je-dem Zufall gefügigen Arme, und selber Euersempfindsamen Deklamatvrien mit Spaß hingäbenfür einen einzigen Auftritt, wo die Liebs ihreStrahlen in dem Morgenroth des SchämenSbricht, wo die unschuldige Seele sich vor jedemAug' entkleidet, ihr eignes ausgenommen, und wohundert innere Kämpfe das durchsichtige Angesichtbeseelen, und kurz worin mein Brautpaar selbstagierte, da der alte lustige Kauz von Schwieger-vater beider gekräuselten und weißblühenden Köpfehabhaft wurde und sie gescheit zu einem Kuß zu-'sammenleuktc? Dein freudiges Errathen, lieberWuz! — und Dein verschämtes, liebe Justine! —
Wer wird überhaupt diesen und dergleichenSachen kurz vor seinen Spvnsalien schärfer nach-denken und nachher delikater spielen als gegenwär-tiger Lebensbeschreiber selber?
Der Lärm der Kinder und Büttner auf derGaffe und der Rezensenten in Leipzig hindern ihnbier, alles ausführlich herzusetzen, die prächtigenEckenbeschläge und dreifachen Manschetten, womitder Bräutigam auf der Orgel jede Zeile des Cho-ralS versah — den hölzernen Engelfittich, woraner seinen Kurhut zum Chor hinanshing — denNamen Justine an den Pedalpfeifen — seinenSpaß und seine Lust, da sie einander vor derKirchenagende (der goldnen Bulle und demNeichsgrundgesetze des Eheregiments) die rechtenHände gaben und da er mit seinem Ringfingerihre hohle Hand gleichsam hinter einen Bsttschirmneckte — und den Eintritt in die Hochzeitstube,wo vielleicht die größten und vornehmsten Leuteund Gerichte des Dorfs einander begegneten, einPfarrer, eine Pfarrern,, ein Snbpräfektus undeine Braut. Es wird aber Beifall finden, daßich meine Beine auseinander setze und damit überdie ganze Hochzeittafel und Hochzeittrift und überden Nachmittag wegschreite, um zu hören, wassie Abends angeben — einen und den andern Tanzgibt der Subpräfektus an. Es ist im Grunde schonalles außer sich — Ein Taback-Heerrauch und einSuppen-Dampfbad woget um drei Lichter undscheitet eine» von, andern durch Nebelbänke —Der Violonzellist und der Violinist streichen frem-des Gedärm weniger als sie eignes füllen — Aufder Fensterbrüstung guckt das ganze Auenthal alsGallerie zappelnd herein und die Dorfjugeudtanzt draußen dreißig Schritte von dem Orchesterentfernt, im Ganzen recht hübsch — Die alteDorf- La Srrun« schreiet ihre wichtigsten Perso-
° In manchen deutschen Gegenden tragen die Mädchendrei Dukaten am Halse.
2ea» Panl'S Werke. I.
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