Band 
I.
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Hesperus.

schon auf dem Bogen i die Moral dargereicht,daß er gegen beide, so gut wie gegen Zahnschmer-zen, Seelenleiden und Wanzen, tausend guteMittel gebe, die nichts helfen.

Wir wollen nun sämintlich weiter in die Ka-planei eindringen, und uns um die EymannischeFamiljen-Geschichte so genau bekümmern, alswohnten wir drei Häuser weit von ihr. Hvrion —der Akzent muß auf die erste Silbe kommen —oder Sebastian — verkürzt gar Bastian,wieihn die Eymannischen nannten — oder Viktor —wie ihn der Lord Horivn, sein Vater, nannte,(denn ich heiß' ihn bald so, bald so, wie es gerademein prosaisches Silbenmaß begehrt) — Hvrionhatte den lieben Psarrleuten durch den JtaliänerTvstato, der für die ganze Gegend ein wandeln-der Auerbachs- Hof war, und der auf St. Liniezueilte, die kleine mündliche Lüge zustellen lassen,er koiuene am Freitag; er wollte sie erstlich rechtüberraschen, und zweitens wollt' er ihnen ver-schämt die Hände binden, die seinetwegen zu-rüsten, waschen und auftragen wollte», und drit-tens dacht' er, eine mündliche Lüge sei doch klei-ner als eine geschriebene. Seinem Vater aberschrieb er die Wahrheit, und setzte seinen Eintrittin die Kaplanei auf den erste» Mai oder denDinStag an. Der Lord hielt sich in der Residenz-stadt Flachsenfingen auf, wo er dem Fürsten mo-ralische Augenleder und Augengläser zu-gleich anlegte und den Blick desselben sowohllenkte als schärfte; aber er war selber blind, ob-wohl nur physisch. Daher mußte sein Sohn ei-nen Augenarzt von Göttingen mitbringen, derihn im Hause des Kaplans am Dinstag operierensollte. Da er seinen Viktor zum Doktor Medicinämachen ließ: so wunderten sich meines Wissensviele Gvttinger darüber, daß ein so vornehmerJüngling das Doktor-Kopfzeug, diesen Plutos-Hel m, der nicht, wie der mytvlogische, den Trä-ger, aber doch andere unsichtbar macht, aufsetzte,und den Dvktvrrnig, diesen Gygesring, dernur andern die Unsichtbarkeit verleiht, ansteckte;aber war denn den Göttingcrn die Augen-kränklichkeit seines Vaters unbekannt oder unzu-gänglich ?

Der Lord schrieb dem Hofkaplan, daß er und seinSohn morgen komnien würden; der Kaplan über-las die Hiobs-Post still dreimal hinter einanderund steckte sie mit komischer Ergebung in denBriefunischlag zurück, und sagte: --Wir haben nunhinlängliche Hoffnung, daß morgen unser Doktor--gewiß eintrifft sammt den andern — hübschen--Lusttreffen und Brunnenbelustigungen seh' ich--entgegen ; Frau! wenn der Morgen einwandelt--und meine gesummten Ratten tanzen wie Kinder--vor ihm her — zu essen haben wir ohnehin- nichts — und aufzusetzen hab' ich auch nichts,--denn vor Donnerstags jag' ich dem Flachsenfin---ger Windbeutel * nicht einen Haarbeutel ab . ..--Und du lachst dazu? Wird nicht unser einer mit---ten im April noch in April geschickt? - Aber dieKavlänin fiel ihm mit doppelten Ausrufzeichender Freude an die Achsel und lief sogleich davon,um zu diesem Rosenfesie ihrer guten Seele

' Er zielt auf den Essenkehrer seiner Perücken. ^ >

die kleine Bruder- und Schwestergemeinde derKinder zu ziehen. Der ganze Familienzirkel zer-fiel nun in drei erschrockene und in drei erfreueteGesichter.

Wir wollen uns blos unter die frohen setzenund zuhorchen, wie sie den Nachmittag als Ge-sichtmaler, als Gewändermaler, als Gallerieauf-seher am Gemälde des geliebten Britten arbeiten.

— Alle Erinnerungen werden zu Hoffnungengemacht, und Viktor soll nichts geändert mitbrin-gen, als die Statur. Flamin, wild wie ein engli-scher Garten, aber fruchttragender, erquickte sichund andere mit der Schilderung von Viktorssanfter Treue und Redlichkeit und von seinemKopf, und pries sogar sein Dichterfeuer, das ersonst nicht hochschätzte. Agathe erinnerte an seinehumoristischen Rösselsprünge, wie er einmal mitder Trommel eines durchpassierenden Zahndvktorsdas Dorf vergeblich vor sein Theater zusammen-getrommelt habe, weil er vorher die ganze fah-rende Apotheke dieses redlichen wahren FreundHainS ausgekauft halte — wie er oft nach einerKindtaufe sich auf die Kanzel postieret und da ei»paar andächtige Zuschauer in der Werkeltag-Schwarte so angeprediget habe, Laß sie mehr lach-ten als weinten — und andern Spaß, womit erniemand lächerlich machen wollte als sich, und nie-mand lachend als andere. Weiber billigen esaber nie (sondern nur Männer) wenn einer wieViktor zur brittischen Ordenzunge der Humori-sten gehöret — denn bei ihnen und Höflingen ästschon Witz Laune — das billigen sie nicht, daßViktor (wie z. B. Swift und viele Britte»)gern zu Fuhrleuten, Hanswürsten und Matrosenherunterstieg, indeß ein Franzose lieber zuLeuten von Ton h i naufkri ech t. — Denn dieWeiber, die stets den Bürger mehr als den Men-schen achten, sehen nicht, daß sich der Humoristweismacht, alles was jene Plebejer sagen, souffliereer ihnen, und daß er absichtlich das unwillkürlicheKomische zu künstlerischem adelt, die Narrheil zuWeisheit, das Erden - JrrhauS zum Nazional-theater. Eben so wenig begriff ein Amtmann,ein Kleinstädter, ein Großstädter, warum Hvrion ^seine Leserei oft so jämmerlich wähle aus altenVorreden, Programmen, Anschlagzetteln vonReisekünstlern, die er alle mit unbeschreiblichem iVergnügen durchlas — blos weil er sich vvrdich- itete, diesen geistigen Fnttersack, der blos unter !den Lumpenhacker gehörte, hab' er selber gefertigt 'und gefüllt aus satirischer Rücksicht. — Zu derThat, da die Deutschen Ironie selten fassen undselten schreiben: so ist man gezwungen, vielenernsthaften Büchern und Rezensionen boshafteIronie anzudichten, um nur etwas zu haben.

— Und Las ist ja nichts anders als was ichselber versuche, wenn ich bei Terminen in Gedan-ken die Gerichtstnbe zum Kvmödienhaus erhebe,den Rechtsfreund zum juristischen Le Kam undKasperl und die ganze Verhandlung zur altengriechischen Komödie; denn ich raste nicht, bis ichmir weisgemacht, ich hätte den guten Leuten denganzen Termin nur einstudieren lassen als Gast-rolle, und wäre also wirklich ihr Theaterdichteri und Direktor. So trag' ich im Grunde meinenl stummen Kopf munter als ein komisches Taschen