Band 
I.
JPEG-Download
 

393

Hesp

theater der Deutschen durch deren edelste Behau-sungen (z. B. der Universität, der Regierung)und erhöhe ganz im Stillen — hinter der herab-gelassenen Gardine der Gesichthaut — Komischesder Natur zu Komischem der Kunst.--

Ich komme zurück. Die Kaplänin erzählte nun soviel von Viktor als alle schon wußten. Aber die-ses Wiederholen der alten Geschichte ist eben derschönste Reiz des häuslichen Gesprächs. Wennwir süße Gedänken uns selber oft ohne Langweilewiederbvlen können, warum soll sie nicht auch derandere öfters in uns erwecken dürfen? — Diegute Frau schilderte ihren Kindern, wie sanft undweich, wie zärtlich und weiblich ihr lieber Sohnsei (denn Viktor nannte sie immer seine Mutter)

— wie er sich überall auf sie verließ — wie erimmer scherzte, ohne jemand zu necken, und im-mer alle Menschen, sogar die fremdesten, lieble —und wie sie vor ihm besser, als vor irgend einerMatrone ihr gedrücktes Herz ausschließen konnteund wie gern er mit ibr weinte. — Ein Hofapo-theker mit einem Bimsstein-Herz — Zeuselschreibt er sich — sah dieses Zerfließen der wärm-sten Seele sogar einmal für eine Thränenfistelan, weil er glaubte, keine andern Augen könntenweinen als kranke.. .. Lieber Leser, ist dir jetzvnicht wie dem Lebensbeschreiber, der nun denEintritt dieses guten Viktors in die Kaplaneiund Lebensbeschreibung kaum erwarten kann?Wirst du ihm nicht die freundschaftliche Handreichen und sagen: »Willkommen Unbekannter!

Siehe, dein weiches Herz öffnet unseres schon»unter der Schwelle! O du Mensch mit Augen»voll Thränen, glaubst denn du auch wie wir, daß»in einem Leben, dessen User vvllhängen von Er-»schrocknen, die sich an Zweige, von Verzweifel-»ten, die sich an Blätter hallen, daß in einem»solchen Leben, wo uns nicht blos Thorheiten,»sondern auch Schmerzen umzingeln, der Mensch»ein nasses Auge bewahren müsse für rothe, ein»beklommenes Herz für ein blutendes, und eine»leise Hand, die den schweren dicken Leidenkelch dem»Armen, der ihn leeren muß, trauernd hält und»langsam nachhebt? — Und wenn du so bist: so»rede und lache wie du willst; denn die Menschen»soll keiner belachen als einer, der sie recht herz-lich liebt.»-

Nachmittags schickte der ObrisikammerherrSaut — ein gewürzhaftes Blätterskelet — denLäufer Seebaß zum Kaplan und ließ ihn ersuchen

— denn das Schloß lag der Kaplanei nahe gegen-über — den Bock nur so lange wegzustellen, bissich der Wind drehte, weil seine Tochter käme.»Trauter H. Seebaß! (antwortete gerührt derRatten - Kontroversist) »meinen unterthänigen»Empfehl wieder, und Sie sehen mein Elend.»Morgen erfreuen mich der Lord und sein Sohn»und sein Augenarzt mit ihrer Gegenwart, und»der Staar wird hier gestochen. Nun stinkt ge-genwärtig das ganze Haus, und die Ratten»setzen ihren Nachttanz noch gelassen im Gerüche»fort; ich betheure Ihnen, H. Seebaß, wir können"Teufelsdreck nehmen und damit die Kaplanei»bis zum Dachstuhl ausfüttern, nicht einen»Schwanz treiben wir dadurch fort; es gefällt»ihnen vielmehr. Ich meines Ortes rüste mich

erus.

»schon darauf, daß sie morgen unter dem Stiche»an dem Staarstecher und an dem Pazienten hin-»aufspringen. — So erging' es uns allen, melden»Sie im Schlosse, aber heute wollt' ich noch vor-treffliches Rosenholzöl versuchen."

Er holte also einen großen Hopfensack undzerrte ihn Unters Dach hinauf, um da im eigent-lichen Sinne die Ratten bei der Nase herumzu-führen in den Hopfenkack hinein. Bekanntlichsind Ratten so arg ersessen auf Rosenholzöl,als Menschen auf Salbung, das, sobald nursechs Tropfen auf den Scheitel fallen, aufder Stelle einen König oder Bischof darausmacht, welches ich daraus sehe. weil im erstenFall ein goldner Reif um die Haare anschießt undim zweiten sie gar ausgehen. Der Wehrstand, derKaplan, überspritzte den Sack mit einigem Oelund legte ihn mit seiner Mündung aufgesperrtund aufgespannt für die Feinde hin — er selberstand darhinter und hielt sich hinter einem ebenso eingeölten Ofenschirm versteckt. Seine Absichtwar, hervvrzufahren, wenn die Bestien im Sacksäßen, und die ganze Rotte dann wie Bienenim Schwarmsack wegzutragen. Die wenigen Kam-merjäger, die mich lesen, müssen diese Fangarthäufig gebraucht haben. —

Aber sie werden nicht darüber hingepurzeltsein, wie der Kaplan, dem sich der wohlriechendeOfenschirm zwischen die Schenkel stülpte, und derstill lag, während der Feind lief. In einer solchenLage labt den Menschen der Pralltriller einesFluches. Nachdem also der Kaplan einige solcherTriller und Mordanten geschlagen, sich zur Fami-lie Hinabbegeben und ihr im Vorbeigehen gesagthatte: »wenn es im gemäßigte» Erdstrich einen»gäbe, der von den Windeln an ein Trauerpferd„zuritte, der ansässig wäre in Hatto's zweitem„Mäusethurm und in einem'Raspelhause aus Am-»stsrdam und in der Vvrhölle, wenns so einen„Disziplinanten gäbe, von dem ihn nur wunderte,„wie er noch am Leben sei: so wär' Ers allein»und weiter kein Teufel" — nachdem er das her-aushatte: so ließ er die Ratten ruhig und — würd'es selber recht sehr.

In der Nacht fiel nichts Denkwürdiges vor, alsdaß er — aufwachte und herumhvrchte, ob nichtsGeschwänztes rumore, weil er willens war, sichsatt zu ärgern. Da gar nichts von den Bestien zuvernehmen war, nicht einmal ein Seitensprung :so setzte er sich auf den Fußboden heraus undpreßte das Srivnenohr an diesen. Sein Glückwollte, daß gerade jetzt die Bewegungen des Fein-des mit Balletten und Galvppaden in sein Gehöreinplumpten. Er brach auf, waffnete sich mit einerKindertrommel und weckte seine Frau mit demLispeln auf: »Schatz, schlaf wieder ein und er-schrick im Schlafe nicht: ich trommel' ein wenig»gegen die Ratten; denn von der Zwickauer»Sammlung nützlicher Bemerkungen für Stadt-»und Landwirthschaft 1785 wird mirs angera-then.»

Sein erster Donnerschlag gab seinen Erbfeindendie Ruhe. die er seinen Blutfreunden nahm....Da ich aber alle Menschen jetzt in den Stand ge-setzt, sich den Kaplan im Hemd und mit dem Hack-bret der Soldateska vorzustellen : so gehen wir