Hesperus
397
fahren und gepflastert haben, aufdenen unser Aktiv-handel ruht. Während daß die unsichtbare Loge ineine sichtbare umgedruckt wurde, haben wir wie-der eine Insel verfertigt — das ist die Insel St. Jo-hann i s, auf der ich jetzt Hause und spreche.
Der folgende Absatz dürste anziehend werden,weil man darin dem Leser aufdeckt, warum ichauf dieses Buch den tollen Titel setzte, Hünd-positage.
Es war vorgestern am Tysten April, Laß ichAbends auf- uns abging auf meiner Insel — derAbend hatte sich schon in Schatten und Nebeleingesponnen — ich konnte kaum auf die Teidor-Jnsel hinübersehen, auf dieses Grabmal schöneruntergesunkner Frühlinge, und ich hüpfte mit demAuge blos auf den nahen Laub- und Blütenkno-spen herum, diesen Flügelkleidern des wachsendenFrühlings — die Ebene und Küste um mich sahwie eine Anziehstube der Blumengöttin aus, undihr Putzwerk lag zerstreuet und verschlossen inThälern und Stauden herum — der Mond lagnoch hinter der Erde, aber sein Stralen-Spring-brunnen sprützte schon am ganzen Rande des Him-mels hinauf — derblaue Himmel war endlich mitSilberflittern durchwirkt, aber die Erbe nochschwarz von der Nacht gemalt — ich sah blos in denHimmel... als etwas plätscherte auf der Erde... .
Ein Spitzhund thats, der in den indischenOzean gesprungen war und nun losdrang aufSt. Johannis. Er kroch an meine Küste hinaufund regnete wedelnd neben mir. Mit einem blut-fremden Hunde ist eine Unterredung noch saureranzuspinnen als mit einem Engländer, weil manden Charakter und Namen des Viehes nicht kennt.Der Spitz hatte etwas mit mir vor und schien einBevollmächtigter zu sein. Endlich machte der Mondseine Stralen-Schleußen auf und setzte mich undden Hund unter Licht.
--Sr. Wohlgeboren
--des Herrn Berg-Hauptmann * Jean Paulauf
Frei St. Johannis.
Diese Aufschrift an mich hing vvm Halse der Be-stie herunter, und war an eine Kürbisflasche, dieaus Halsband gebunden war, angepickt. DerHund willigte ein, daß ich ihm sein Felleisen ab-streifte, wie den Alpenhunden ihren tragbarenKonvikttisch. Ich zog aus dem Kürbis, der inMarketenderzelten oft mit Geist gefüllt worden,etwas heraus, was mich noch besser berauschte —ein Bündel Briefe. Gelehrte, Verliebte, Müßigeund Mädchen sind unbändig auf Briefe erpicht;Geschäftleute gar nicht.
Das ganze Bündel — Name und Hand warenmir fremd — drehte sich um den Inhalt, ich wäreein berühmter Mann und hätte mit Kaisern undKönigen Verkehr **, und Berghauptmänner mei-
' Es ist bekannt, wie wenig ich oom Bergwesen verstehe;ich habe daher Ursache zu haben geglaubt, bei meinen Obernum einen Sporn anzuhalten, der mich antriebe, daß ich ineiner so wichtigen Wissenschaft etwas thäte — und so einSporn ist eine Berghauptmannstelic allemal.
" Außer den zwei Kaisern Silluk und Atynach und denvier Königen Scgolta, Sakeph Katon,c. bin ich weiter mitkeinen umgegangen; und das nur als Primaner, weil wirJuristen mit Teufels Gewalt hebräisch lernen mußten;
lies Schlages gäb' es wohl wenig, u. s. w. Abergenug! Denn ich müßte nicht eine Unze Beschei-denheit mehr in mir tragen, wenn ich mit derUnverschämtheit, die einige wirklich haben, sofortexzerpieren und es aus beiz Briefen extrahierenwollte, Laß ich der Scheerauische Gibbon und Mvserwäre (zwar im biographischen Fache nur, aberwelche Schmeichelei!) — daß jeder, der ein Le-ben besäße, und es von mir biographisch abge-schattet sehen wollte, damit fortmachen sollte, eheich von irgend einem königlichen Hause zum Hi-storiographen weggepresset würde, und gar nichtmehr zu haben wäre — daß es mir gleichwohl wieandern Berghauptleuten ergehen könnte, vordenen das zerstreuete Publikum oft nicht eher denHut abgenommen, als bis sie schon in eine andereGaffe, d. h. Welt, hinein gewesen,», s. w. Werbesorgt letztes mehr als ich selber? Aber auch dieseBesorgniß bringt einen bescheidnen Mann nichtdazu, daß er hinabkriecht und den Einbläser seinesLobredners macht; wie ich doch gethan habenwürde. Meinem Gefühle sind sogar die Schrift-steller verhaßt, die mit dem Endtriller : "Beschei-denheit verbiete ihnen mehr zu sagen," unver-schämt erst dann nachkommen, wenn sie alles schongesagt haben, was jene verbieten kann.
Jetzo wagt sich der Korrespondent mit seinerAbsicht hervor, mich zum Lebensbeschreiber einerungenannten Familiengeschichte zu machen. Erbittet, er intriguieret, er trotzt. »Er könne —( schreibt er weitläufiger, aber ich abbreviere allesund trag' überhaupt diesen Briefauszug mit außer-ordentlich wenig Verstand vor; denn ich werdeseit einer halben Stunde von einer verdammtenRatten-Besiie ungemein ärgerlich gekratzt und ge-nagt) — mir alles gerichtlich dokumentieren, dürfe„mir aber keine andere Namen der Personagen„in dieser Historie melden als verfälschte, weil mir.„nicht ganz zu trauen sei, — er kläre mir schon„alles mit der Zeit auf — denn an dieser Ge-schichte und deren Entwicklung arbeite das„Schicksal selber noch, und er händige mir hier„nur die Schnauze davon ein, und werde mir ein„Glied nach dem andern, so wie es von der Drechsel-bank der Zeit abfalle, richtig übermachen, bis wir„den Schwanz hätten — daher werde der briefliche„Spitz regelmäßig weg- und anschwimmen wie„eine poste nur stuvs, aber nachschiffen Lürf'ich dem Briefträger nicht — und so (schließet derKorrespondent, der sich Knef unterzeichnet)„werde mir der Hund wie ein Pegasus so viel„Nahrungsaft zutragen, daß ich statt des dünnen„Vergißmeinnichts eines Almanachs einen dicken„Kohlstrunk von Folianten in die Höhe zöge."
Wie glücklich er seine Absicht erreicht habe, weißder Leser, der ja eben aus dem ersten Kapiteldieser Geschichte herkömmt, das der Spitz vonEymanns Ratten bis zur Kanonade auf einmal inder Flasche hatte.
Ich schrieb H. Knef nur so viel im Kürbis zu-rück : „Etwas Tolles schlag' ich selten ab. — Ihre„Schmeicheleien würden mich stolz machen, wenn
worin eben die gedachten sechs Potentaten ats Akzente derWörter vorkommen. Vielleicht meint aber der Briefstellerdie großeu, scharfen, gekrönten Akzente der Völker.