Hesp
„sitzt das eiserne Schicksal in Gestalt eines Für-ten, und streckt keine Hand aus — warum soll„kein weicher Mensch hinaufgehen und dem„Schicksal die starre Hand führen und mit Einer„unten tausend Augen trocknen?" — Horivn lä-chelte, als wollt' er sagen: Jüngling!
»Aber nur um einige prozessualische Weitläu-»figkeiten und Fristen bitt' ich Sie, damit ich"Zeit bekomme — stoijcher und närrischer zu wer-"den. Närrischer, mein' ich, vergnügter. Ich"Möchte unter den guten Leuten um uns und ne-"ben meinem Flamin und jetzt im Frühling des"Kalenders und in dem meiner Jahre und eh' das"Lebensschiff im Alter einfriert, nur noch zwei"Monate lachen und zu Fuße gehen. Stoisch muß»ich ohnehin werden. Wahrhaftig, wenn ich'-nicht Epiktets Handbuch als einen Schlangenstein»an mich und meine Wunden legte, damit der»Stein den moralischen Gift heraussaugt, sondern"wenn ich mit einer Brust voll Krebsschäden aus--dem Hause ginge; was würde denn der Hof von- mir denken? ... Ach, ich meine es doch ernst-"haft: der arme innere Mensch — von deni Wech-"selfieber der Leidenschaften ausgetrocknet — vom»Herzklopfen der Freude ermattet — vom Wund-»fieber der Leiden glühend — braucht wie ein an-»drer Kranker Einsamkeit und Stille und Ruhe,»damit er genese.» Wenn er das Wort Ruhenannte, war sein Inneres bis zur Auflösung be-wegt; so sehr hatten schon die Leidenschaften seinBlut umgewühlt und sein Herz erschüttert.
Jetzv gingen beide in schweigender Einigkeitwieder zu Eymann. "Ich habe eine Bitte fürmeinen Flamin.» Welche? sagte der Lord. »Ich»weiß sie noch nicht, aber er schrieb mir, er werde»sie mir bald sagen." — »Meine an ihn ist,"»sagte der Lord , »daß er, wenn er angestellt wer-»Len will, mehr die Pandekten als die Taktik und»statt des Rapiers die Feder liebe.-— Der Sohnwurde zu höflich vom Vater behandelt, als daß erzur Bitte um seine Geheimnisse — besonders umdas, wo ZennerS Sohn sei — den Muth besessenhätte. Ich behandle den Leser eben so fein, undich hoffe, er hat eben so wenig den Muth; dennwenn sich jemand versteckt erklärt, so ist nichtsunhöflicher als eine neue — Frage.
Der Lord fuhr nun geheilt zum Fürsten zurück.
3a Hundposttag.
Frcudcn-ÄäctaI — Ularlthurm — Her§c»s-Ver-brüderung.
Der Lord war der weggenommene Damm, derbisher vor der Flut der Erzählungen, Fragen undFreuden gestanden hatte. Die erste Untersuchung,die das Pfarramt vornahm , war, obs noch deralte Bastian sei. - -Und der wars mit Haut undHaar, sogar das linke Seitenhaar hatt' er nochwie sonst kürzer als das rechte. Wenn der Flei-
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scherknecht heimkömmt aus Ungarn, wundert ersich, daß seine Sippschaft die alte ist — diese wun-dert sich daß er es nicht mehr ist. Hier freuteman sich über die doppelte Unveränderlichkeit.Auf jedem Gesicht lag der Heiligenschein derFreude, aber auf jedem mit andern Stralen.Die Entzückung sieht auf einem sanften Gesicht,wie Viktors seinem, wie die Tugend aus. — Diealte Appel, die in ihrem Leben nichts durchblät-tert halte als den Psalter Davids und den Psal-ter im Ochsenmagen, legte vor den Kupferpfan-nen ihr Vergnügen dadurch an den Tag, daß sieungemein zuschürte. Das Wiener Thierspital voneinem alten Mops und Kater, die einander nichtmehr haßten — wie sich im alten Menschen diegute und böse Seele aussöhnen — und die Vogel-sammlung unter dem Ofen, die einen schwarzge-baizten Gimpel siark war, nahmen Antheil genugan der allgemeinen Unruhe, und stellten sich vorund ließen gern — das thäte kein Ambaffadeur —das Recht der ersten Visite fahren. Agathedrückte ihre Freude blos mit ihren Lippen aus,indem sie damit schwieg und sie aü ihres Brudersseine drückte. Am Hofkaplan will mans rühmen,daß er den invaliden Mops, der an den Hinter-füßen das Podagra und an den Vorderfüßen dasChiragra hatte, ruhig in seinem Wohn- undSchlafkorb wieder unter den Ofen schob, die Säu-lcnvrdnung der Sessel ohne Keifen herstellte undden kleinen Bastian unter der freudigen Sprachen-verwirrung wiegte, damit er sie nicht vermehrtewenn er erwachte. Aber im erhaben geschliffnenHerzen der Landsmännin, der Kaplänin, gingendie Freudenstralen der Familie in Einen Brenn-punkt zusammen, und verbreiteten in ihrer ganzenBrust die Lebenswärme der Liebe. — Viktor lä-chelte sie so sehr in sein Gesicht hinein, daß sie sichmit nichts zu retten wußte, als mit seiner künftigenStube, die sie ihm zu öffnen und zu zeigen befahl.Agathe flog mit dem Schlüssel-Geläute voran,und dem Gaste zogen nicht mehr Leute hinterdreinals im Hause waren, und wollten sämmtlich se-hen, was er dazu sagte.
Er übergab sich der ganzen freundschaftlichenHandhabung, nicht mit dem eiteln Selbstgefühleines ausgebildeten Fremdlings, sondern mit einervergnügten, folgsamen, fast kindlichen Verwir-rung — er kümmerte sich ,'nichts darum, daß erwie ein Kind aussah, so sanft, so froh und soohne Ansprüche. In solchen Stunden ists schwer,zu sitzen — oder eine Historie anzuhören — oder
eine zu erzählen. Jedes fing eine an: aber
der Kaplan sprang dazwischen: »wir haben ganzandere Dinge zu sagen-- Aber es kamen keineganz andere Dinge. — Jedes wollte den Fremd-ling unter vier Ohren genießen, aber die sechsbleibenden Ohren waren nicht wegzubringen. —Meine Beschreibung seiner Verwirrung ist selberverwirrt; aber es geht mir allemal so: z. Btwenn ich Eiligkeit schildere, so thu' ichs unbewußtselber mit der größten. — Wars einem solchenHerzen wie seinem, das in den Federn der Liebewiegend hing, noch nöthig, daß es in jedem zersäg-ten Fensterstvck, in jedem glatten Pflastersteinchen.in jeder vom Regen gebohrten vertieften Arbeitauf dem Hausthürstein, seine Knabenjahre musi-