Band 
I.
JPEG-Download
 

407

Hesperus.

druck unserer sprachlosen Liebe befriedigt zu sei»,wurde jetzt ein lebendes fliegendes Feuer. „Vik-tor ! in dieser Nacht gib mir deine Freundschaft„auf ewig, und schwöre mir. daß du mich nie in„meiner Liebe zu dir stören willst!" — O du Gu-ter! ich hab' dir ja längst mein Herz gegeben,aber ich will gern heute wieder schwören. — „Und„schwöre mir, daß du mich niemals in Unglück„und Verzweiflung stürzen willst." — Flamin! dasthut mir zu weh. — „O ich flehe dich an, schwöre„es und hebe deine Hand auf und versprich mir,„wenn du mich auch hast unglücklich gemacht, daß„du mich doch nicht verlässest und nicht hassest.. ..(Viktor preßte ihn an sich) „Sondern wir gehen„hieher, wenn wir uns nicht mehr aussöhnen„können — v es thut mir auch wehe Viktor! —„hieher und umfassen uns und stürzen uns hinab„und sterben" — Ja! (sagte Viktor erschöpft leise)o Gott ist denn etwas vorgegangen? „Ich will dir„alles sagen : nun leben und sterben wir mit ein-ander" — O Flamin! wie lieb' ich dich heute„unaussprechlich! — Nun lass' ich dich mein gan-zes Herz sehen, Viktor, und offenbare dir"alles."-

Aber eh' er's konnte, mußt' er vorher sichdurch Verstummen ermannen, und sie schwiegenlange, in den innern und den äußern Himmelvertieft.

Endlich konnt' er anfangen und ihm erzählen,daß jene Klotilde, über die er heute gescherzt, sichmit unauslöichlicher Schrift in sei» Inneres ge-schrieben — daß er sie weder vergessen noch bekom-men könne — daß das schleichende Fieber einerfurchtsamen wahnsinnigen Eifersucht aufreibend inihm brenne — daß er mit ihr zwar kein Wortüber seine Liebe nach ihrem eignen Verbote spre-chen dürfe, als bis ihr Bruder (der Jnfaut)wieder da und dabei sei — daß sie aber, nach ihremBetragen und nach Mattliieus Versicherungen,vielleicht einige für ihn habe — daß ihr Stand dieewige Scheidemauer zwischen beiden bleibe, solang' er den juristischen Weg anstatt des mi-litärischen zu seinem Steigen einschlage —und daß er auf dem letzte», wenn der Lord ihmseine Hand dazu biete, schneller zu Klotilden aufähnliche Stufen kommen würde — und daß dieBitte, von der er in seinen Briefen an Viktorgesprochen, eben die sei, alles dem Lord wieder zuerzählen und seinen Beistand zu begehren. — ImGrunde konnte nur sein wilder Arm den Degenbesser als die Gerechtigkeitwaxe halten. Einefürchterliche Anlage zur Eifersucht, die schon vonkünftigen Möglichkeiten Zuckungen bekömmt, wardie Hauptursache. Viktor freuete sich, daß er sei-nen Gefühlen die beste Sprache geben konnte,nämlich Handlung, und sagte ihm alles mit Ent-zücken über sein Zutrauen und über das Anßen-bleibett befürchteter Neuigkeiten zu. — So gingensie, von neuem an einander befestigt, zur Ruhe,und das Zwillinggestirn — dieser fortbrenncudeverschlungene Name der Freundschaft — schim-merte in Westen zuwinkend aus der irdischenEwigkeit herüber, und das Herz des Löwen warzu seiner Rechten angezündet. . .

Auf diese Erde sind Menschen gelegt und an denFußboden befestigt, die sich nie aufrichten zum

Anblick einer Freundschaft, welche um zwei See-len nicht erdige, metallene und schmutzige Bandelegt, sondern die geistigen, die selber diese Weltmit einer andern und den Menschen mit Gottverweben. Solche zum Schmutz erniedrigte sindes, die gleich den Reisenden, den Tempel, derum die Alpenspitze hängt, von unten für bodenlosund schwebend ansehen, weil sie nicht in der Höheauf dem großen Raume des Tempels selber stehen,weil sie nicht wissen, daß wir zu der Freundschaftetwas Höheres als unser Ich, das nicht die Quelleund der Gegenstand der Liebe zugleich seinkann, achten und lieben, etwas Höheres, nämlichdie Verkörperung und den Widerschein der Tu-gend, die wir an uns nur billigen, aber an an-dern erst lieben.

Ach können denn höhere Wesen die Schwächenvon Schattengruppen strenge berechne», die ein-ander festzuhalten suche», von Nordwinden aus-einander gedrängt — die von einander die edleunsichtbare Gestalt an sich drücken wollen, wor-über dick und plump die Erdenlarve hängt — unddie einander in Gräber nachfüllen, worein dieBeweinten ihre Weinenden ziehen?

4. Hundposttag.

SchaKcni'isz - Schneider — Älotildens historischeFigur — einige Hosleuie und ein erhabenerMensch. —

Eigentlich wollte Klotilde — erfuhr Sebastianam Morgen — bis nach Jvhannis im Stifte blei-ben : aber da ihre beste Freundin und Stift-Ge-Nossin Ginlia voraus fortgegangen war, nichtzu den Eltern, sondern unter die Erde, so mußtesie das verwundete Auge durch eine schnellere Ab-reise wegziehen von dem Grabhügel, der wie einsRuine über dein Verlornen Herzen ruhte. OhneGepäck war sie Lein blumenlosen Golgatha ihrerverwundeten Seele entflohen, und ihr stand nochein zweiter Anblick desselben, eine zweite Abreiseund die Wiederholung der alten Thränenbevor.

Nie wurde eine große Schönheit von einer klei-nen unbefangner gelobt, als von Agathen Klo-tilde. Sonst schätzen Mädchen an Mädchen nurdas Herz : die zerstiebenden Reize eines fremde»Gesichts haben so wenig Werth in ihren Augen,'daß sie ihrer kaum erwähnen mögen. Jünglingenwirft man richtig vor, daß sie gern schöne Jüng-linge zu ihren Freunden auslesen, bei Mädchenhingegen wollen ihre Lobredner viel darausmachen, daß sie die weibliche Schönheit als einenzu lockern und niedrigen Mörtel und Leim derFreundschaft gänzlich verschmähen, und daß dahereiner schönen Frau das Herz der allerhäßlichstentheurer sei als das Gesicht der Schönsten auf denfünf Erdgürteln und Erdscherpen. Agathe waranders : sie lief schon am Morgen ins Schloßum die Freundin anzukleiden.