Band 
I.
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Hesp erus

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Viktors Gehirnhäuten hatte irgend ein Poltergeistim innern Schriftkasten alle Lettern seiner Ideenso untereinander geworfen, daß er bisher lustig,aber unzufrieden war — er hatte versucht, Aga-thens Haare auf- und abzulocken, ihre Doppel-schleifen in ungleiche und eben darum wieder ingleiche Hälften zu zerren — aber es hatt' ihmnicht wie sonst gefallen — die heutigen Zwischen-spiele der häuslichen Liebe hatten seine ganzescherzende Seele aus den Fugen gezogen, und eswar ihm, als wenn er entfernt von der jetzigenFreude, wenigstens auf einige Minuten, frohersein wurde in irgend einer stillen Ecke, und beson-ders sehnt' er sich, die Sonne untergehen zu se-hen. —

Dazu kam noch mehr: der Anblick von Klvtil-dens wärmerer Liebe gegen Agathe — der Anblickseines Freundes, der durch seine schweigendeZärtlichkeit, durch seine mildere Stimme, durcheine an heftigen Menschen so unwiderstehlicheErgebenheit jedem Herzen befahl: liebe mich —und endlich der Anblick der Nacht. ..

Er war schon längst traurig, als er noch lustigschien. Jetzv brachte die Mutter den kleinenHeld des heutigen Vormittags in den lauenAbendhimmel heraus. Sie standen alle außer-halb der Gartenstiftshütte im ersten Tempel desandächtigen Menschen. In die Wolken floß dasAbendblut der versinkenden Sonne, wie ins Meerdas Blut seiner in der Tiefe sterbenden Riesen.Das lockere Gewölks langte nicht zu, den Him-mel zu decken: es schwamm um den Mond herum,und ließ sein bleiches Silber aus den Schlackenblicken.

Das rothe Gewölks schminkte den Säugling.Jeder fastete leise seine weichen Hände, die schonaus der Kissenknvspe und Wickelbänderverpup-pung brachen. Klvtilde — anstatt an den Klei-nen körperlich kokette Liebkosungen zu verschwen-den wie manche Mädchen vor oder fürMannspersonen thun — goß einen sortströ-menden Blick voll herzlicher Liebe auf denneuen Menschen nieder, band seine schneidendenHemdärmel auf, verbauete ihm den angeschieltenMond, und sagte spielend: »lächle her und liebe»mich, Sebastian!» Sie konnte unmöglichmetaphorische Rikoschet - Schüsse in dieseZeile lade»; auch wußte der große «»eingewickelteSebastian recht gut, daß sie keinen Doppelsinnvorausgesehen; ja er kannte die Regel, daß manaus der Aengstlichkeit, womit einige gewisse Ge-danken aus ihrem Sprechen bannen, die Gegen-wart derselben in ihrem Kopfe errathe. Gleich-wohl hatt' er doch nicht den Muth, zu lächeln wiedie andern, oder das von ihr verstörte Händchenin seines zu nehmen. Sie kehrte sich zu ihm undsagte; »aber wie lernt Las Kind unsere»Sprache, wenn es nicht schon eine»kann?»

. Ich hab' es blos aus Liebe zu den Weltwei-sen mit Schwabacher drucken lassen.

»Also muß, antwortete er, die pantomimische»Sprache gerade so viel bezeichnen, wie die Ohren-sprache.—So oft ich einen Taubstummen zum Abend-»mal gehen sehe, Lenk' ich daran, daß aller»Unterricht nichts in den Menschen bringe, son-

»dern nur das Dagewesene bezeichne und ordne.»— Die Kindesseele ist ihr eigner Zeichenmeister,»der Sprachlehrer der Kvlorist derselben.» —»Wie,» fuhr sie fort, »wenn dieser schöne Abend»einmal wieder vor die Erinnerung dieses Klei-»nen käme? Warum sieht das sechste Jahr schöner»in der Erinnerung aus, als das zwölfte, und das»dritte noch schöner?» — Eine schöne Frau unter-bricht man nicht so leicht wie einen Epdekan: siedurfte also darauf kommen: »Herr Emanuel sagte»einmal, man sollte den Kindern in jedem Jahre»ihre vergangnen erzählen, damit sie einmal durch»alle Jahre durchblicken könnten bis ins zweite„neblichte hinein." Mir ist, als hört' ich dieoben gedachte Hofdame leibhaftig sprechen, unterderen dünnen Blonden mehr Philosophie blieb,als unter manchem Doktorfilzhut, wie Quecksilberim Flor beklebt und Lurch Leder rinnt. — Viktorantwortete mit der gewöhnlichen Theilnahme sei-nes guten Herzens: „Emanuel steht nahe am„Menschen und kennt ihn — Den umgaukelten„Menschen führen zwei Prospekt malerin-„nen durch das ganze Theater, die Erinne-rung und die Hoffnung — in der Gegenwart„ist er ängstlich, das Vergnügen wird ihm nur in tau-send lilliputische Augenblicke eingeschenkt wie dem„Gulliver; wie soll das berauschen oder sättigen?„— Wenn wir uns einen vergnügten Tag vorstel-len , so drängen wir ihn i» einen einzigen freu-digen Gedanken; kommen wir hinan, jo wird„dieser Gedanke unter den ganzen Tag ver-»dünnt." —

„Daran denk' ich," versetzte sie, so oft ichLurch Wiesen gehe: in der Ferne stehen Blumen„ an Blumen — aber in der Nähe sind sie alle durch„Gras auseinander gerückt. — Aber am Ende„wird doch auch die Erinnerung blos in„der Gegenwart genossen."... Vik-tor dachte blos über die Blumen nach, undsagte vertieft: und in der Nacht sehen dieBlumen selber wie Gras aus „ — als es plötz-lich zu tropfen anfing.

Sie traten alle feierlich in das Gartenhaus,auf dessen Dache der Regen aufschlug, indeß indie offenen Fenster der auf- und zugedeckte Mondwie ein Gletscher seine Schneeblitze hineinwarf —der laue Blütenathem der ganzen leuchtendenLandschaft hauchte jeden menschlichen Seufzer, je-den schweren Busen heilend an. — In dieserengen Nähe, durch die mit dem Monde abwech-selnde Nacht abgeschieden von der Natur, mußteman zur Nachbarschaft, zum alten Klaviere flüch-ten. Klotildens Stimme konnte die Flötenbeglei-tung des aüßern Regengelispels sein. Die Pfarrerinbat sie darum, und zwar um ihre Lieblingarieaus „Benda's Romeo: vielleicht, Verlorne Ruh'!„vielleicht find' ich dich im Grabe wieder" rc.ein Lied, dessen Töne wie feine auflösende Düftein das Herz Lurch tausend Oeffnungen dringen,und darin beben und immer stärker beben, bissie es endlich zerzittern und nichts von ihm inder harmonischen Vernichtung übrig lassen alsThränen.

Klvtilde willigte ohne zögernde Eitelkeit in dasSingen ein. Aber für Sebastian, in welchemalle Töne an nackte zitternde Fühlfäden schützen,