Band 
I.
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424 Hesperus.

und der sich schon mit den Gesängen der Hirtenauf dem Felde traurig machen konnte, war diesesan einem solchen Abend für sein Herz zu viel:wahrend der musikalischen Aufmerksamkeit derandern mußt' er zur Thüre hinausgehen.. .

Aber hier unter dem großen Nachthimmel kön-nen unter höhere Tropfen ungesehen feine fallen

— Welche Nacht! — Hier schlägt ein Glanz überihn zusammen, der Nacht und Himmel und Erdean einander reiht, die magische Natur drängtsich mit Strömen ein ins Herz, und macht es ge-waltsam größer. — Oben füllet Luna die wehen-den Wolkenflocken mit flüssigem Silber au, unddie getränkte Silberwolle zittert herab, und Glanz-perlen rinnen über glattes Laub, und stocken inBlüten, und das himmlische Gefilde perlt und

glimmt-Durch dieses Eden, worüber ein

doppeltes Schneegestöber von Funken und vonTropfen zwischen einem Staubregen von Blüten-düsten spielte und wirbelte, und worin KlvtildensTöne wie verirrte Engel sinkend und steigend um-herflogen, durch dieses Zaubergewimmel wankteViktor geblendet — überströmt — zitternd— undweinend hin, und sank müde in die Laube nieder,wo er heute am Herzen seines Vaters gewesenwar. Er überdachte das Winterlcben diesesguten Vaters unter lauter Fremdlingen des Her-zens, und dessen einsame bange Feier des heutigenTages, und den kalten leeren Raum in der väter-lichen Brust, den sonst die Verlorne Gestalt derGeliebten bewohnet hatte — und er sehnte sich,schmerzlich an das Herz der unsichtbaren Mutter.Er hob das angelehnte Haupt in den Regen auf,und aus den weiten offnen Augen fielen fremdeTropfen nicht allein. Er glühte durch sein ganzesIch, und Nachtwolken sollten es kühlen. SeinsFingerspitzen hingen leise in einander gefaltetnieder. Klvtildens Töne tropften bald wie ge-schmolzene Silberpunkte auf seinen Busen, baldflössen sie wie verirrte Echo aus fernen Hainenin diesen stillen Garten herein. Er nannte nichts

— er dachte nichts — er sprach sich nicht los, erklagte sich nicht an — er sah es wie im Traume,wenn bald eine dicke Nacht über den Gartenrannte, bald ein Lichtmeer ihr nachschoß.

Aber ihm war als wollte seine Brust auf-springen, als wär' er selig, wenn er jetzt geliebteMenschen umschlingen und an ihnen im seligenWahnsinn seinen Busen und sein Herz zerquet-schen könnte. Ihn: war als wär' er überselig,wenn er jehv vor irgend einem Wesen, vor einen:bloßen Gedankenschatten Hingießen könnte all' seinBlut, sein Leben, sein Wesen. Ihm war, alsmüßt' er in Klvtildens Töne schreien und dieArme um Felsen drücken, um nur das peinlicheSehnen zu betäuben.-

Er hörte die Blätter tropfen und hielt es nochfür Regen. Aber der Himmels - Staubbach hattesich versprungen, und blos Lunens Lichtfall über-sprengte noch die Gegend. Der Himmel war tiefblau. Agathe hatt' ihn unter dem Regen gesucht,und jetzt erst gefunden. Er wachte auf, ging folg-sam und schweigend mit ihr hinaus, und begeg-nete lauter ausgeheiterten Himmels-Gesichtern

— da zuckten alle seine Nerven, und er mußte sichmit einer stummen Verbeugung schmerzhaft-

freundlich entfernen. Jeder hatte andere Gedan-ken darüber. Aber die Pfarrern: sagte der Gesell-schaft, er höre die Musik gern von ferne, nurmache sie ihn allemal zu melancholisch.

Ach in seinem Zimmer umfing ein glücklichertröstender Gedanke seine Seele. Klvtildens Grab-lied, und alles, befestigte die Gestalt des erhabe-nen Emanuels vor sein Auge — diese schien zusagen: „ in einen: Jahre bin ich schon unter der„Erde, komme nur zu mir, Armer, ich will dich„so lange lieben bis ich sterbe!" Ohne ein Lichtzu begehren, schrieb er mit strömenden Augen, de-nen ohnehin keines geholfen hätte, dieses Blattan Emanuel:

E m a >: u e l!

Sage nicht zu mir: ich kenne dich nicht! —Warn»: kam: der Mensch auf dem schmalen Son-nenstäubchen Erde, aus dem er warm wird, undwährend der schnellen Augenblicke, die er an:Pnlse abzählt, zwischen den: Blitze des Lebens unddem Schlage des Todes, noch einen Unterschiedmachen unter Bekannten und Unbekannten?Warum fallen die kleinen Wesen, die einerleiWunden haben, und von denen die Zeit das näm-liche Maaß zum Sarge nimmt, nicht einanderohne Zögern mit dem Seufzer in die Arme : „achwohl sind wir einander ähnlich und bekannt!" —

— Warum müssen erst die Fleischstatüen, wor-ein unsre Geister eingefettet sind, zusammenrücken und einander betasten, damit die da-rin vermummten Wesen sich einander denkenund lieben? —Und doch ists so menschlich undwahr: was nimmt uns der Tod anders als Fleisch-statüen—als das geliebte Angesicht unsern Augen

— als die theuere Stimme unsern Ohren, und diewarme Brust der unsrigen? ... Ach Emanuel!sei für mich kein Todter! Nimm mich an! Gibmir dein Herz! ich will es lieben ! — Ich binnicht sehr glücklich. mein Emanuel! — Da meingroßer Lehrer Dahore — dieser glänzendeSchwan des Himmels, der von: zerknickten Flü-gelgelenk ans Leben befestigt, sehnend zu andernSchwänen aufsah, wenn sie nach den wärmern Zo-nen des zweiten Lebens zogen — aufhörte an michzuschreiben; so that ers mit den Worten: „ suche„mein Ebenbild! Deine Brust wird so lange„bluten, bis du mit einer andern die Narben„bedeckst, und die Erde wird dich immer stärker„ schütteln, wenn du allein stehest — und nur um„den Einsamen schleichen Gespenster." — —Emanuel, bist du nicht ruhig und sanft nnd nachsich-tig ? — Sehnet sich Leine Seele nicht, alle Menschenzu lieben, und ist ihr nicht ein einziges Herz zuenge, in das sie mit ihrer Liebe wie eine Bienein eine eingeschlafene Tulpe eingeschlossen ist?Hast du nicht satt das Repetierwerk unseres Freu-den- und Trauergeläutes, die Familienähnlichkeitaller Abende und Zeiten? — Schauest du nichtvon dieser dahin gerissenen Erde hinaus auf deinenlangen Weg über dir, damit dich nicht ekle undschwindle, wie man eben deswegen aus dem Wa-gen auf die St r aß e sieht? — Glaubst du nichtan Menschen, um welche die Berg l u st einerhöher:: Stellung geht, und die oben auf ihremBerge mitten in einem stillen Himmel stehen und