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Hesperus
Er zog sich langsam am Bettzopf aus demBette, das er sonst mit einem Sprunge verließ :eS stockte ein Jdeenrad in ihm. Er las seinengestrigen Brief und fand ihn zu stürmisch : „Das„ist eben, sagte er, unsre Nichtigkeit, daß alles,„was der Mensch für ewig hält, in Einer Nacht„erfriert; über unser Gesicht laufen die heftigsten„Züge nickt schneller und spurloser als über unser„Herz — Warum bin ich denn heute nickt, was„ich gestern war und vielleicht morgen sein werde?
Was gewinnt der Mensch durch dieses Auf-wind Unterkochen? Und auf was kann er in sich„denn bauen?"
Unterdessen hatte sich das Feuerrad der Erden-zeit, die Sonne, gießend herausgedreht, undbrannte am Ufer der Erde. — Er riß das Fensterauf, und wollte die unbedeckte Brust im frischenMorgenwinde baden, und das heiße Auge im ro-then Meer Aurorens; aber etwas in ihm drängtesich wie ein Nachgeschmack zwischen den Genuß desMorgenlandes. Ein guter Mensch ist unter denGewissensbissen künftiger Handlungen durchauszum Genusse verdorben.
Es stieg in ihm eine übermannende Rührunglangsam auf — die gestrige Nacht trug wieder ih-ren leuchtenden Regen, sein brausendes Herz undEmanuels Schatten vorüber — er lief immerstärker und zwar in die Queere durchs Zimmer —strickte den Schlafrock knapper an — schüttelte et-was aus dem Auge — that einen fleilrechtenSprung — schnellte ein „Nein" hervor, und sagtemit einem unaussprechlich heitern Lächeln : „Nein!„ich will meinen Flamin nicht betrügen ! Zch will„sie weder suchen noch meiden, und ihre Freund-schaft nickt eher begehren als zur Zeit seines„höchste» Glücks. Wie dich da * , so will ich die„himmlische Glanzbüste anschauen, und nicht be-gehren, daß sie Wärme annehme und das kalte„Gypsauge auf mich wende. Aber du, mein„Freund, sei glücklich und ganz selig, und merke„nicht einmal meinen Kampf!"
Jetzt erst erheiterte ihn der Kirchenschmnck desMorgens, und die Morgenluft floß wie ein kühlesHalsgehenk auf seinem heißen Busen nmher, undlegte spielend Haar und Busenstreif zurück. Erfühlte, nun sei er werth, an Emanuel geschriebenund an den Himmel geschauet zu haben. .. .
Flamin trat ein mit einiger Kälte, die vom er-blickten Brief noch etwas stieg. Viktor war nichtkalt zu machen; blos als man unten ihn mit kei-nem Worte an seine gestrigen Dithyramben erin-nerte , that er aus Besorgniß errathen zu sein,einen zornigen versteckten Schwur, wenn siekäme, nicht zu kommen — welches auch zu machenwar, denn sie kam nickt. Sie hatte in Maienthalnoch Gepäck abzuholen, Freundschaften zu be-gießen, und noch einmal in den Zauberkreis ihresgeliebten Lehrers zu treten; und war also dahinabgegangen.
Die nächsten Wochen tanzten jetzt wie eben soviele Hören in Anglaisen und Cotillons vor Se-bastian vorbei. Seine Vormittage hingen vollFrüchte, seine Nachmittage voll Blumen; denn
* Die Büste des Varikanischen Apollo, an der er keine an-dre Gestatt bilden wollte, als seine eigne.
am Morgen wohnte seine Seele, mit ihren An-strengungen in seinem Kopfe, gegen Abend in sei-nem Herzen. Abends liebt man Karten — Ge-dichte — Aufrichtigkeit — Weiber — Musik rechtsehr, Morgens recht wenig; in der Geisterstundeist jene Liebe am allerstärksten.
Zwei Sorgen ausgenommen — die erste war,ob sein Emanuel ibm bald genug schreiben würde,damit er ihn vielleicht noch besuchen könnte, eh'er an die Deichsel des Hof- und Staatswagensgeschirrt wäre; die zweite war: letztes zu baldzu werden — hatt' er jetzt fast nichts zu thun, alsglücklich zu sein oder glücklich zu machen: dennin diese Wochen fielen gerade seine stillen oderSabbathwochen ein...
Ich weiß nichts obste der Leser schon kennt: siestehen nicht im verbesserten Kalender; aber siefallen regelmäßig (bei einigen Menschen) entwedergleich nach der Frühling - Tag - und Nachtgleicheoder in den Nachsommer.
Bei Viktor war das erste, gerade mitten imFrühling. Ich brauch es nicht auszumitteln, obder Körper, das Wetter, oder wer diesen Got-tesfrieden in unserer Brust einläute: sondernschreiben soll ichs, wie sie aussehen, die Sabbath-wochen. Ihre Gestalt ist genau diese: in einerstillen oder Sabbathwoche (manche, z. B. ich,werden gar nur mit Sabbathtagen oder Stundenabgefertigt) schlummert man erstlich leicht wie aufgewiegten Wolken — Man erwacht wie ein heite-rer Tag — Man hatte sich Abends vorher gewißvorgenommen und es deswegen in Chiffern an dieThüre geschrieben, sich zu bessern und das Jäte-meffer alle Tage wenigstens an Ein Unkrautbeetanzusetzen. — Beim Erwachen will mans noch,und setzet es wirklich durch. — Die Galle, dieseraufbrausende Spiritus, der sonst, wenn er, stattin den Zwölffingerdarm, in das Herz oder Herz-blut gegossen wird, mit Wolken aufsiedet undzischt, wird in wenigen Sekunden eiugesogenoder niedergeschlagen, und der erhöhte Geistfühlt ruhig das körperliche Aufwal-len ohne seines. — In dieser Windstille unsererLungenflügel spricht man nur sanfte, leise Worte,man fasset liebend die Hand eines jeden, mit demman spricht, und man denkt mit zerfließendemHerzen: ach ich gönnte euchs allen wohl. wennibr noch glücklicher wäret als ich —Am reinen ge-sunden stillen Herzen schließen sich, wie an denhomerischen Göttern, leichte Wunden sogleich zu
— »Nein!" (sagst du immerfort in der Sabbath-woche) »ich muß mich noch einige Tage so ruhig»erhalten.» — Du verlangst zum Stoff der Freudefast nichts als Dasein, ja der Sonnenstich einerEntzückung würde diesen kühlen magischen durch-sichtigen Morgennebel in ein Gewitter verdichten
— Du siehst immerfort hinauf ins Blaue, alsmöchtest du danken und weinen, und umher aufder Erde, als wolltest du sagen: »wo ich auch»heute wäre, da wäre ich glücklich!» und dasHerz voll schlafender Stürme trägst -du wie dieMutter das entschlummerte Kind, scheu und be-hutsam über die weichen Blumen der Freude. —-Aber die Stürme fahren doch auf und grei-fen nach dem Herzen! . . .
Ach was müssen wir nicht alle schon verloren