Band 
I.
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Hespe

haben, wenn uns die Gemälde seliger Tage nichtsabgewinnen als Seufzer? O Ruhe, Ruhe, duAbend der Seele, du stiller Hesperus des müdenHerzens, der allezeit neben der Sonne der Tugendbleibt — wenn unser Inneres schon vor deinemsanften Namen in Thränen zerrinnt: ach ist dasnicht ein Zeichen, daß wir dich suchen, aber nichthaben ? —

Viktor verdankte die Sieste seines Herzens den— Wissenschaften, besonders der Dichtkunstund der Philosophie, die beide sich wie Ko-meten und Planetenum dieselbe Sonne(der Wahrheit) bewegen und sich nur in der Fi -gur ihres Umlaufs unterscheiden, da Kometenund Dichter blos die größere Ellipse haben.Seine Erziehung und Anlage hatte ihn an die Le-bens- und Feuerluft der Studierstube gewöhnt,die noch die einzige Schlafkammer (Dormitvrium)unserer Leidenschaften und das einzige Profeß-haus und der Glückhafen der Menschen ist, welchedem breiten Strudel der Sinne und Sitten ent-gehen wollen. Die Wissenschaften sind mehr alsdie Tugend ihr eigner Lohn, und jene machen derGlückseligkeit theilhaftig, Liese nur würdig; unddie Preismedaillen, Pensionen und positiven Be-lohnungen und der Erfindungdank, welche vieleGelehrte für ihr Studieren haben wollen, gehörenhöchstens den literarischen dienenden Brudern, diesich dabei abmartern, aber nicht den Meisternvvm Stuhle, die sich dabei entzücken. Ein Ge-lehrter hat keine lange Weile: nur ein Thron-Jnsaßlässet sich gegen diese Nervenschwindsucht hundertHoffeste verschreiben, Gesellschaftkavaliere, ganzeLänder und Menschenblut.

Du lieber Himmel! ei» Leser, der in ViktorsSabbathwochen eine Leiter genommen hätte undan sein Fenster gestiegen wäre: hätte der etwasanders darin erblickt, als ein jubelndes Ding, dasauf den wissenschaftlichen Feldern wie unter seli-gen Inseln mnherglitt? — Ein Ding, das ent-zückt nicht wußte, sollt'es denken, ober dichtenoder lesen, besonders was? oder wen? ausdem ganzem vor ihm stehenden hohen Adelder Bücher. — In dieser Brautkammer des Gei-stes (das sind unsere Studierstuben), in diesemKonzertsaal der schönsten aus allen Zeiten und Plä-tzen versammelten Stimmen hinderten ihn dieästhetischen und philosophischen Lustbarkeiten fastan ihrer Wahl; das Lesen riß ihn ins Schreiben,das Schreiben ins Lesen, das Nachdenken in dieEmpfindung, diese in jenes —

Ich könnte in dieser Schilderung vergnügterfortfahren, wenn ichs vorher hätte geschrieben ge-habt , wie er studierte: Laß er nämlich nie schriebohne sich über dieselbe Sache voll gelesen zu haben,und umgekehrt, daß er nie las, ohne sich vorherdarüber hungrig gedacht zu haben. Mansollte, sagte er, ohne einen heftigen äußern d. h.innern Anlaß und Drang nicht blos keine Versemachen, sondern auch keine philosophischen Pa-ragraphen, und keiner sollte sich hinsetzen und sa-gen; "jetzt um drei Uhr am Bartholomäustage--will ich Loch drüber her sein und folgenden"Satz geschickt prüfen." — Ich kann jetzo fortfah-ren.

Wenn er nun in diesem geistigen Laboratorium,

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das weniger der Scheidekunst als der Vereinkunstdiente, vom Turmalin an, der Aschesiäubchenzieht, bis zur Sonne, die Erden zieht, und l»szur unbekannten Sonne, an welche Sonnensystemeanfliegen, aufstieg — oder wenn ihm die anato-mischen Tabellen der perspektivische Aufriß einergöttlichen Bauart waren, und das anatomischeMesser zum Sonnenweiser seiner Leiblingwahrheitwurde: daß eS, um einen Gott zu glauben, nichtmehr bedürfe als zweier Menschen, wovon noch dazueiner todt sein könnte, damit ihn der lebende stu-diere und durchblättere * — oder wenn ihn dieDichtkunst als eine zweite Natur, als eine zweiteMusik sanft emporwehte auf ihrem unsichtbarenAether, und er unentschlossen wählte zwischen derFeder und der Taste, sobald er in die Höhe reden

wollte-Kurz wenn in seiner Himmelkugel,

die auf einem Menschen-Halswirbel steht, derJdeennebel alimälig zu hellen und dunkeln Par-tieen zerfiel, und sich unter einer ungesehenenSonne immer mehr mit Aether füllte, wenn eineWolke der Funkenzieher der andern wurde, wennendlich das leuchtende Gewölk zusammenrücktedann wurde Vormittags um n Uhr der innereHimmel (wie oft draußen der äußere) aus allenBlitzen Eine Sonne aus allen Tropfen wurdeEin Guß, und der ganze Himmel der obernKräfte kam zur Erde der untern nieder. und...einige blaue Stellen der zweiten Welt waren flüch-tig offen.

— Unsere innern Zustände können wir nichtphilosophischer und klarer nachzeichnen, als durchMetaphern, d. h. durch die Farben verwandterZustände. Die engen Jnjurianten der Metaphern,die uns statt des Pinsels lieber die Reißkohle gä-ben, schreiben der Farbengebung die Un-kenntlichkeit der Zeichnung zu; sie solltensaber blos ihrer Unbekanntschaft mit dem Urbildeschuldgeben. Wahrlich der Unsinn spielt Verste-ckens leichter in den geräumigen abgezognenKunstwörtern der Philosophen — da die Wortewie die sinesischen Schatten, mit ihrem Umfangezugleich die Unsichtbarkeit und die Leerheit ihresInhalts vermehren — als in den engen grünenHülsen der Dichter. Von der Stoa und demPortikus des Denkens muß man eine Aussicht ha-ben in die epikurischen Gärten des Dichtens.

— In drei Minuten bin ich wieder bei derGeschichte. — Er müßte, sagte Viktor, Berg-Garten- und Sumpfwiesen haben, weil er dreiverschiedne närrische Seelen besäße, die er aufverschiedene Läntereien zur Weide treiben müßte.Er meinte damit nicht, wie die Scholastiker, dievegetative, sensitive und intellektuelle Seele —noch wie die Fanariker, die drei Theile des Men-schen : sondern etwas recht ähnliches, seine h n»mori frische, empfindsame und philoso-phische Seele. Wer ihm eine davon wegnähme,sagt' er, der mochte ihm auch immer die übrige»

° Ein Sonncnsustem ist nur ein punktiertes Brostl desWeltgenius, aber ein Mcnschenangc ist sei» Miniaturbild.Die Mechanik der Weltkörpcr können die mathemati-schen Rechenmeister berechnen; aber die Dioptrie desunter lauter trüben Feuchtigkeiten helle gewordncn Augesübersteigt unsre algebraischen Rcchcnkammern, die dahervon den nachgeäffte» Augen, (von den Gläsern,) den Diffu-sionraum und das enge Feld nicht wegzurechnen vermögen.