Band 
I.
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Hesperus

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Frau Le Baut waren so höflich als nie (ichschwöre darauf, sie hatten etwas von ViktorsHof-Doktorhut und Doktorkrone ausgewittert);nur wußten sie nicht, was für ein Mundstück aufein so närrisch gewundnes Instrument wie Vik-tor war aufzuschrauben sei. Wie alle Studiersiu-ben-Schaalthiere sprach er lieber von Sachen alsPersonen; Flamin aber umgekehrt. Für dasEhepaar gabs in keiner Messiade etwas erhabe-ner-, als Laß jetzt am Johannistage die italiäni-sche Prinzessin kommen würde; davon konnte keinSterblicher genug reden, zumal auf dem Dorfe.Ich weiß nicht, worin es Viktor versah, daß erdie meiste» Weiber auf die Meinung brachte, erliebe sie. Genug, die Kammerherrin, die in ihrenJahren nicht mehr Liebe, sondern den Scheinder Liebe forderte, Lachte: »vielleicht!" Manverkenne sie nicht: sie brachte zwar allemal dieerste Stunde mit einem Manne auf der Stern-warte der Beobachtung zu; aber die zweite nurdann imIagdschirm, wenn die erste glücklichgewesen, und sie war kalt genug, um nicht mehrzu hoffen als zu sehen; sie verspottete sogar jeden,der bei ihr noch einer weiblichen Eitelkeit, Erobe-rungen zu leicht vorauszusetzen, anders schmeichelnwollte, als öffentlich. Genug, sie beurtheilteheute unsern Viktor zu günstig — in ihrem Sinn— oder zu ungünstig — in unserem; wie über-haupt die bloßen Hofleute nur bloße Hofleute er-rathen. — Von Klotilde sprach man kein Wort,nicht einmal von der Zeit ihrer Zurückkehr.

Ueberhaupt hatte die Le Baut einen ungeheurenStolz in sich gegen ihre Stieftochter zu bestreiken,von dem mir mein Korrespondent hätte meldensollen; worauf er sich steifte, ob auf Verhältnisseoder auf Verdienste; denn beides war reichlichda, indem die Kammerherrin von des jetzigen Für-sten seligem Herrn Vater die H —gewesen. — Ichund ein gescheiter Mann Habens bin und her über-legt, ob sie dem Schar in der Liebe oder im Ehr-geiz gleiche. Der gescheite Mann sagt: »in derLiebe," weil eine Frau die Liebe nie vergesse,wenn ein Fürst ihr Lehrer darin gewesen. Dessel. Herrn Vaters Herz hatte besonders zweiSchönheiten an ihr angebetet, die vor Zeiten vonden Schotten * so gern gefressen wurden, nämlichden Busen und den Steiß. Die Großen habenihre eignen grosslüretös, die den Kleinen nichtträumen. Ich würd' es nicht drucken lassen, aberes war am ganzen Hofe bekannt, und also auchvielen meiner Leser. Da führte der Teufel dieZeit her, die ihre Sense hämmerte und alles weg-mähte, was von beiden Reizen Ueber hang inihr Gebiet gewesen. Nun hält bei Weibern anHöfen — es sei in einem Schulhof, Packhof oderViehhof — die Eitelkeit, sobald der alte Saturn(d. i. die Zeit) diese mit seinem Sichelwagen undmit dem kleinen Geschütz aus seiner Sanduhr an-fällt, einen der gescheitsten Rückzüge, die ichkenne — die Eitelkeit lässet sich aus einem Werkeoder Gliede nach dem andern treiben — endlichaber wirft sie sich aus den weichen Theilen in diefesten wie in feste Plätze, z. B. in Fingernä-gel, Stirne, Füße u. s. w., und da zieht sie der

' Ilieron^m. voin. äov. U. L.

Henker selber nicht heraus. Die Kammerherrinmußte sich einen solchen Theil erst machen, näm-lich eine 8oi-go cle k'uni« und einen eul cte kai-is:diese vier Gränz Hügel ihres Reichs mußtentäglich gegen die Gränzverrückung der Jahre ausAchtung für das Eigenthum hergestellt und er-höhet werden. Daraus schließet nun der ge-scheite Mann, daß ihre Seele ihrem Körper im-mer Kapsrbriefe schreibe.

Ich bin gerade der Gegenfüßler vvm geschei»ten Mann, lind verfechte, daß der Amor nur ihrdienender Bruder, nicht ihr Lvgenmeister — ihrAdjudant, nicht ihr Generalissimus ist; — unddies darum, weil sie noch immer an der Wieder-herstellung ihres ersten salomonischen Tempels, wosie sonst am Hose als Göttin neben dem Gott an-gebetet wurde, ihre eigne oder Le Bauts Handanlegt, — weil sie in diesem nichts heirathete, als Iden Kammerherrnschlüssel und seine Affembleenund seine Hoffnungen des künftigen Einflusses —weil sie an Klotilten nicht das Gesicht, sonderndas Gehirn anfeindet — weil ihre Liebe jetzt ohneEifersucht ist. Nämlich sie stand mit dem Evan-gelisten Matthieu in einem gewissen Liebeverständ-niß, LaS sich (nach unserm bürgerlichen Gefühl)vvm Hasse in nichts unterscheidet, als in der —Dauer. Liebe-Persiflagen waren ihre Liebeerklä-rungen — ihre Blicke waren Epigramme— seineSchäferstunden salzte er mit komischen Erzählun-gen von seinen Schäferstunden an andern Orten,— und zur Zeit, wo ein heiliger Mann seinenPsalm abzubeten pflegt * , waren beide ironisch.Eine solche ervtische Verbindung ist nichts alsdie Unterabtheilung irgend einer p o l i t i sch en...Aber zurück zur Geschichte!

Der Kammerherr wollte seinem Gaste jetzt et-was zeigen, was einen Doktor und Gelehrtenmehr interessierte. Zu dem Zimmer, worin dasEtwas war, kam man durch der Kammerherrin unddurch Klotiidens Zimmer. Da man in jener ih-rem einen Rasttag hielt: so standen Viktors Augenträumend auf Klvtildens Silhouette fest, dieMatthieu neulich aus dem Nichts geschnitten , undwelche die Kammerherrin hier aus Schmeicheleigegen den Schattenreißer unter Glas aufgehangenhatte. Sonderbarer d. h. zufälliger Weise zer-sprang jetzo das Glas über dem schönen Angesicht,und Viktor und der Vater fuhren zusammen. 'Dennletzter war wie die meisten Großen aus Mangelan Zeit abergläubig und ungläubig zugleich; undbekanntlich hält der Aberglaube das Zersprin-gen eines Portrgtglases für einen Vorbotendes Todes des Urbildes. Der Vater warf sichängstlich die Erlaubniß vor, die er Klotilten ge-geben, so lange in Maienthal zubleiben, da siedoch da ihre Gesundheit in unnütze» jugendlichenSchwärmereien verderbe. Er meinte ibre Trauerum ihre begrabene Giulia; denn sie war (erzäblteer) blos vor Schmerz über diese, ohne alles Ge-

! päck, am ersten Mai hieber geeilet; und sogar dieKleider der geliebten Freundin hatte sie heute mitunter den ibrigen geschickt. Er brach heiter ab;denn Matthieu kam, der Bruder dieser Giulia;der sich nur zeigen und beurlauben wollte, weil er

! » Baylc's Iflelionnaire, arl. kran^ols <l >-sise nvt. 6.