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blieb sitzen. Ich frage, steckte nicht seinetwegendieKaplanin ihr Zungenrichtschwert in die Scheide,weil er nichts so haßte als laute und stille Ver-leumdungen eines Geschlechts, das unglücklicherals das männliche sich von zwei Geschlechtern zu-gleich gemißhandelt erblickt? — Denn er nahmoft Mädchen bei der Hand und sagte: „ die weib-lichen Fehler, besonders böse Nachrede, Launen„und Empfindelei sind Astlöcher, die am grü-„ n en Holz bis in die Flitterwochen als schöne mar-„morierte Kreise gefallen; die aber am dürren,„ am ehelichen HauSrath, wenn der Zapfen aus-'„gedorret ist, als fatale Löcher aufklaffen.,,—Agathe schraubte jetzt ihr Nähküffen an seinenSchreibtisch und küßte ihn, er mochte zu lustigoder zu mürrisch aussehen. Selber der Kaplansuchte ihm, wenn nicht die letzten Tage, die erbei ihm verträumte, süß zu machen, doch die letz-ten Nächte, wozu nichts nöthig war als eineTrommel und ein Fuß. Die feurigsten nächtlichenHepentänze der Mäuse untersagte der Kaplan mitseinem Fuß, damit sie den Gast nicht aufweckten;er that nämlich damit an das untere Bettbretvon Zeit zu Zeit einen mäßigen Kanonenstoß, derum so mehr ins Hörrohr der Tänzer einknallle,da er schon die Ohren der Menschen erschreckte.Gegen den Eulerschen Rösselspru » g der Rat-ten zog er nur mit einem Schlägel zu Felde, wo-mit er, wie ein jüngster Tag in ihre Lust- undJagdpartieen einbrechend, blos ein oder zweimalauf eine ans Betttuch gestellte Trommel puffte.
Mathieu war unsichtbar, und feierte, da Höf-linge den Fürsten alles nachäffen, die Hochzeit-tage des seinigen wenigstens in kleinen Hochzeit-stunden nach. Das Pulver, das saus Kanonenund aus Feuerwerkerdüten fuhr, das Vivat, dasaus Kanzeln gebetet und aus Schenken geschrieenwurde, und die Schulden, die man dabei machte,waren, denk' ich, so ansehnlich, daß der größteFürst sich nicht schämen durfte, damit seine Ver-mählung und — Langweile anzuzeigen. — DieKälte hat ewig ein Sprachrohr und die Em-pfindung ein Hörrohr. Die Ankunft einerungeliebten fürstlichen Leiche oder dergleichenBraut hört man an ,den Polarzirkeln; hingegenwenn wir Niedere unsre Gräber oder unsre Armemit Geliebten füllen: so fallen blos einige unge-hörte Thränen, trostlose oder selige.
Flamin lechzete nach dem Sessiontisch, dessenArbeiten jetzo bald angingen, und begriff das Zö-gern nicht. .. Endlich würd' einmal im ganzenErnste der Abschiedtag festgesetzt, auf den rotenAugust; und ich bin gewiß, Viktor wäre aminten nicht mehr in St. Lüne gewesen, hättenicht der Henker am 8ten einen Tyroler hinge-führt.
Es ist der nämliche, der vorgestern bei unsScheerauern mit einer wächsernen Dienerschaft, dieer halb aus Reichsständen, halb aus Gelehrten zu-sammengesetzt hatte, seinen Einzug hielt, undmit den Wachshänden dieser Zwillingbrüder desMenschen uns die Gelder aus dem Beutel zog.Es ist dumm, daß mir der Spitz den heutigenHundtag nicht vorgestern gebracht: ich hätte denKerl, der in St. Lüne Viktor und den Kaplanin Wachs bossierte, selber ausgefragt, wie Vik-
erus.
tor heiße, und Eymann und St. Lüne selbst. AmEnde reist ich aus erlaubter und biographischerNeugierde diesen, Menschen-Zimmermeister, deruns mit schauerlichen Widerscheine» unsers kleinenWesens umringt, noch nach. —
Viktor mußte also wieder verharren, denn erließ sich und den Kaplan in Wachs nachbacken, umerstlich diesem, der alle Abgüsse, Puppen undMarionetten kindisch liebte, und zweitens um derFamilie, die gern in sein erledigtes Zimmer denwächsernen Nach-Viktor einquartieren wollte, ei-nen größern Gefallen zu thun als sich selbst. Dennihn schauerte vor diesem fleischfarbnen Schattenseines Ich. Schon in der Kindheit streiften unterallen Gespenstergeschichten solche von Leuten, diesich selber gesehen, mit der kältesten Hand überseine Brust. Oft besah er Abends vor dem Bette-gehen seinen bebenden Körper so lange, daß erihn von, sich abtrennte und ihn als eine fremdeGestalt so allein neben seinem Ich stehe» und ge-stikulieren sah: dann legte er sich zitternd mitdieser fremden Gestalt in die Gruft des Schlafeshinein, und die verdunkelte Seele fühlte sich wieeine HamadryaLe von der biegsame» Fleischrindeüberwachsen. Daher empfand er die Verschieden-heit und den langen Zwischenraum zwischen seinemIch und dessen Rinde tief, wenn er lange einenfremden Körper, und noch tiefer, wenn er sei-nen eignen anblickte.
Er saß dem Bossierstuhl und den Bossiergriffelngegenüber, aber seine Augen heftete er wieder inein Buch, um die Körpergestalt, in der er- sichselber herumtrug, nicht entfernt und verdoppeltzu sehen. Die Ursache, warum er aber doch dieweggestellteVerdoppelung seines Gesichts im Spie-gel aushielt, kann nur die sein, weil er entwederden Figuranten im Spiegel blos für ein Porträtohne Kubikinhalt oder für das einzige Urbild an-sah, mit dem wir andre Doubletten unsers Wesenszusammenhalten.... Ueber diese Punkte kann ichselber nie ohne ein gewisses Beben reden.
Dem Wachsabdruck Viktors wurde nach seinerVolljährigkeit eine bogn virMs» ein Ueberrvck,den das Urbild abgelegt halte, umgethan, desglei-chen da§ Zimmer eingeräumt, woraus der leben-dige zog. Der Kaplan wollte diese wohlfeile Ausgabevon Hvrion so ans Fenster lagern, wenn diebessere fort wäre, daß die ganze Schuljugend, dievom Kantor Sitten und numes lernte, die Hüteabrisse, wenn sie aus dem Schulhause heim-tobte. —
Endlich! — Denn Matz kam. Des letzten aus-gekelterte Wangen und sein ganzer Körper, derunter den Zitronendrückern der Nachtfeste gewesenwar, bewiesen, daß er nicht log, da er sagte, derfürstliche Bräutigam sehe noch achtmal elenderaus und liege darnieder am Podagra. Er setztein seiner bittern Weise, die Viktor wenig liebte,hinzu, die bleichen Großen haben überhaupt keinBlut, das wenige ausgenommen, was sie den Un-terthanen abschröpfen oder was ihnen an den Hän-den klebt, wie die Jnsecten kein rothes Blut bei sichführen, als das den andern Thieren abgesogne.Dieses erinnerte Viktor an seine medizinischenPflichten gegen den Fürsten. Entweder Matzensverwüstete Gestalt — denn unmoralisches Nächste-