Band 
I.
JPEG-Download
 

478

Hesperus

so soll man mich damit — denn in Westphalenbin ich am wenigsten bekannt, — auf Pumper-nickel pappe». -

Jetzt wieder zur Geschichte! Ein langer kraus-haariger Mensch steht in der Nacht vor dem bun-ten Hause des Apothekers Zeusel, guckt zum drit-ten erleuchteten Stockwerk, in das er zieht,empor, und macht endlich statt der hölzernenThür die gläserne der Apotheke auf. O mein gu-ter Sebastian! Segen sei mit deinem Einzug!Ein guter Engel gebe dir seine Hand, um dichüber sumpfige Wege und Fußangeln zu heben:und wenn du dir eine Wunde gefallen, so weh'er sie mit seinem Flügel an, und ein guterMensch decke ste mit seinem Herzen zu! —

In der wie ein Tanzsaal flammenden Apothekebat sich einer der fettesten Hvflakaien von einemder magersten Provisoren noch einen Manipelund einen kleinen Pugillum Mora für seineDurch-laucht aus. Der magere Mann nahm aber hinterseiner Wage eine halboffne Hand voll Mora undnoch vier Fingerspitzen voll — da doch ein kleinerPugillus nur drei Fingerspitzen beträgt — undschickte alles den Füßen des Fürsten zu: »wenn» wir das gar verbrannt haben» — sagt' er undwies auf die Mora — »so wird seine Durch-»taucht schon ein Podagra haben, so gut als einesim Lande ist.»

Die Ursache, warum der Provisor mehr gabals rezeptieret war, ist, weil er auch seinen Kir-chensiuhl im Tempel des Nachruhms haben wollte;daher überdachte er erstlich ein fremdes Rezeptso lange, bis ers genehmigte, und wog zweitens! immer 1/11, i/i7 Skrupel zu viel oder zu wenigzu, um dem Doktor die Bürgerkrone der Heilungvom Kopf zu nehmen und auf seinen zu setzen:»blos mit der Gabe muß ich meine Kuren thun"

! sagte er. Viktor gönnte ihm den Jrrsal: »ein! »Provisor, sagte er, der den ganzen Flügel! » der Wiedergcnesenden anführt und dem Doktor»blos den Nachtrab der Leichen zutheilt, hat für»dieses Kurzleben schon Lorbeerkränze genug un-» ter der Gehirnschale. »

Der Apotheker Zeusel hat Welt genug, um denMiethmann nicht durch ein aufgenöthigtes Em-pfangessen zu beschweren, und sagte ihm blos denZeitungartikel aus dem mündlichen momringedi'oiride der Stadt, daß der Fürst das Podagraweniger habe als suche und fixiere. Auch gab erihm den italiänischen Bedienten, den der Lordfür ihn gemiethet hatte, und das Zimmer.

— Und darin fitzt Sebastian jetzt auf der Fen-sterbrüstung allein und denkt — ohne Blick aufSchönheiten der Stube und der Ausstcht — ernst-haft nach, was er denn eigentlich hier vorhabemorgen und übermorgen und länger: »morgen»zünd' ich sonach los» — (sagt' er und drehte dieQuaste der Fensterschnur) — »ich und das Po-» dagra sollen uns festsetzen beim Fürsten — Arg»istS, wen» ein Mensch die gichtische Materie»eines Regenten als Wasser braucht, um seine»Mühle zu treiben — ein Herzpolipe, eine»Kvpfwassersucht sollte mich weniger ärgern als»Hofmann, beides wären anständige Gnaden-»Mittel und Floßfedern zum Steige». — Nein,»ich bleibe gerade und fest, ganz aufrecht, ich gebe

»gleich anfangs nicht nach, damit sies nicht an-» ders wissen. — Nicht einmal aus Kantonieren»und Ankern im Vorzimmer ist zu denken. "(Auch hatte der Lord dem Selbsprecher schon dieFreilassung von der ängstlichen Hvfordnung ein-bedungen. ) — „Ach ihr schönen Frülingjahre! ihr»seid nun über mich weggeflattert, und mit euch» die Ruhe und der Scherz und die Wissenschaften»und die Aufrichtigkeit und lauter ähnliche gute»Herzen." — Er wirbelte dieQuastenschnur plötz-lich kürzer hinauf) „ Aber du guter Vater, du hast»solche gute Jahre nicht einmal gehabt, du durch-»streifest die Erde und gibst deine Tage preis für» das Glück der Menschen.» — Nein, dein Sohn»soll dir deine Aufopferungen nicht verderben und»nicht verbittern — er soll sich hier, gescheit ge-»nug aufführen — und wenn du dann wieder»kommst und hier am Hofe einen gehorsamen,».einen begünstigten und doch unverdorbnen Sohn»antriffst . . . .» Als der Sohn gar dachte, daßer, wenn er so in gerader Aufsteigung am Hosekulminierte, gewinnen könnte das Herz der Ka-planei, Las Herz von le Baut, das seines Vaters,das seiner sämmtlichen Verwandten nnd (dacht' eranders daran) auch das von Klotilde: so hatt' erdie abgedrehte Quaste wie eins Tuberose inseiner Hand .... und daher legt' er sich still zuBette.

— Steh auf, mein Held! Die Morgensonnc

macht schon deinen Erker roth — springe unterdem Glockengeläute der Wochenpredigt und unterdem Getöse des heutigen Markttages in deine helleStube! — Dein Vater, von dem tu die ganzeNacht geträumt, hat ste voll musikalischen undmalerischen Schiff und Geschirr gestellt, und tuwirst den ganzen Morgen an ihn denken; — unddoch schenkt dir der Erker noch mehr, den Blickauf einen grünen Streif von Feldern und aufMaienthals Anhöhen nach Abend — den ganzenMarktplatz — das Privathans des Stadtseniorsgegenüber, dem du in alle Stuben, die er an dei-nen Flamin vermiethet schauen kannst!-

Flamin ist jetzo aber nicht darin; den» er hattemeinen Helden schon angefaßt und mit meinenWorten angeredet: sieh'aus! — Eine neue Lageist eine Frühlingknr für unser Herz und nimmtdas ängstliche Gefühl unserer Vergänglichkeit ausihm: - und unter einen, solchen heitern Himmeldes Lebens tanzet heute mein Viktor mit Allem

— niitdenVormittaghvren—mit dem Regierung-rathe — mit dem Apotheker — Lurch die Apothekehindurch neben dem Provisor vorbei, um oben aufdem Schlosse mit dem podagristischen Jcnnereinige Gänge zu machen.

— Er ist kaum eine halbe Stunde beiden, Für-sten gewesen, so steht ihn Zeusel wieder in seinmedizinisches Waarenlager rennen ... . „ei,ei!" denkt der Apotheker.

Aber es war ganz anders: Viktor gelangtedurch ein Monturenverhau — denn die Gänge zuden Fürstenzimmern sind fast Zeltgassen, und dieRegenten lassen sich so ängstlich umwachen, alsbesorgten ste, die ersten oder die letzten zu sein

— ins Krankenzimmer. Vor einem Paziente»,der in wagrechter Verfassung liegt, behält mandie lothrechte leichter. Die Großen verwechseln