Hcsp erus.
sten Man» von der Welt eben sv gut wie denschlimmsten, und das blos weil er ein Anglizis-mus, ein Uoirirav äs tÄntnisie, ein Naturspielwäre — sondern weil ich nicht genug rede. Ge-schästleute bekümmern sich um keinen Gespräch -und keinen Briefstil; aber bei Hofleuten ist dieZunge die Pulsader ihres welken Lebens, dieSpiral- und Schwungfeder ihrer Seelen; allesind geborne Kunstlichter, die auf nichts als Wen-dung, Ausdruck, Feuer und Sprache sehen. Dasmacht, sie haben nichts zu thun; ihre guten Werkesind Bonmots, ihre Meßgeschäfte Besuchkarten,ihre Hauswirthschaft eine Spiel - und ihre Feld-wirthschaft eine Jagdpartie, und der kleine Diensteine Physiognomie. Daher müssen sie fremdeFehler den ganzen Tag in Ohren haben gegendie schlaffe Weile, wie die Aerzte die Krätze ein-impfen gegen Dummheit; ein Hofstaat ist daSordentliche Pennypostamt der kleinsten Neuigkei-ten, sogar von euch Bürgerlichen, wenn ihr geradeetwas recht — Lächerliches gethan habt. Zu wün-schen wäre, wir hätten Festius oder Spielpartieen,oder Komödien, oder Assembleen, oder Soupers,oder etwas gutes zu essen, oder irgend eine Lust-barkeit; aber daran ist nicht zu denken — wirhaben zwar alle diese Dinge, aber nur die Namendavon; der Kammerpräsident würde die Achselzucken, wenn wir nur des Jahrs viermal so glän-zend fröhlich sein wollten, als Sie es deS MvnatSviermal sind. Da unsere Woche auS sieben Sonnta-gen besteht: so sind unsere Lustbarkeiten nur Kalen-derzeichen, Zeitabschnitte, auf die niemand acdtet,und ein Festin ist nichts als ein Spielraum derPlane, die jeder hat, daS Bretergerüst seinerHauptrolle und die Jahrzeit der fortgesetztenIntrigue gegen Opfer der Liebe oder des Ehrgei-zes. Hier ist jede Minute eine stechende Mvskite,und der Distelsame des schöngefärbten Kummersfliegt weit herum.
Viele Weiber sind da gut und Anhänger desLinnäuS, und ihre Augen ordnen die Männer bo-tanisch nach seinem schönen einfachen Sexual sy-stem; sie machen unter tugendhafter und laster-hafter Liebe einen großen Unterschied, nämlich dendeß Grades oder auch der Zeit; und die Bestespricht oft darüber wie die Schlimmste, unddie Schlimmste wie die Beste. Indessen gibts hierweibliche Tugend und männliche Treue in ihrerArt — aber einem Pfarrer ist davon kein Begriffbeizubringen; denn diese zwei Geleen oder Gal-lerte sind so zart und weich, daß ich sie, wenn ichsie auch von allen Stufen des Throns hinunter-tragen wollte in die Kaplanei, doch so verdorbenund anbrüchig hinabbrächte, daß man ihnen drun-ten die zwei entgegengesetzten Namen gebenwürde, für die wir doch schon unsre besondernGegenstände oben haben. Die Bürgerlichen wür-den unsere bejahrten Männer in der Liebe lächer-lich finden, und diese euere Töchter. — Was miraber dieses glückliche Hvfleben oft versalzet, istder allgemeine Mangel an Verstellung. Dennhier glaubt keiner was er hört, und denkt keinerwie er aussieht; alle müssen nach den ordentlichenSpielgesetzen, gleich den Karten, einerlei obereSeite haben, und äußere Gesichtsiille auf inneresGlühen decken, wie der Blitz nur den Degen,
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aber nicht die Scheide zerstört. — Folglich kann,da eine allgemeine Verstellung keine ist, und dajeder dem andern Gift zutraut, keiner belügen,sondern jeder nur überlisten; nur der Ver-stand , nicht das Herz wird berückt. Inzwischenist, die Wahrheit zu sagen, das keine Wahrheit;den jeder hat zwei Masken, die allgemeineund die persönliche. Uebrigens werden dieFarben, die auf den wissenschaftlichen, feinen undmenschenliebenden Anstrich des Aeußern verbrauchtwerden, nothwendig vorn Innern abgekratzet, aberzum Vortheil, da am Innern nicht viel ist, unddas Studium des Scheins verringert das Sein;so sah ich oft im Walde Hase» liegen, an denenkein Loth Fleflch war und kein Tropfen Fett, weilalles von dem ungeheuern Haarpelz weggesogenwar, der nach dem Tode svrtgewachsen.
Wenn man den Inhalt des Throns und desplatten Pöbel-Landes vergleicht, so scheinet diephysikalische und moralische Erhabenheit der Men-schen im umgekehrten Verhältniß mit der ihresBodens zu stehen, so wie die Einwohnerder Marschländer größer sind als der Berg-länder. Aber gleichwohl tragen. jene erhab-nen Leute den Staat leicht auf Schmetterlings!!!-geln, überschauen sein Räderwerk mit dem hun-dertäugigen Pavillon-Auge, und beschirmen miteinem Spazierstöckchen das Volk vor Löwen, oderjagen damit die Löwen in dem Volk, wie inAfrika Hirtenkinder mit einer Peitsche naturhisto-rische Löwen vom Weidvieh abschrecken .. LieberHerr Hvfkaplan! diese Satire schmerzte michschon auf der vorigen Seite; aber man wird hierboshaft, so wie eitel, ohne zu wissen wann, je-nes, weil man zu sehr auf andere, dieses, weilman zu sehr auf sich merken muß. Nein! IhrGarten, Ihre Stube ist schöner; da gibt es keinesteinere Brust, an der man die Arme und Adernder Freundschaft kreuzigt wie ein Spaliergewächs;da muß man sich nicht täglich wie ich zweimal ra-sieren lassen und dreimal frisieren; da darf mandoch seinen gewichsten Stiefel anziehen. Schrei-ben Sie Ihrem Adoptivsohne bald — denn ichschlage mir Las Fest Ihres Besuches noch ab. —Sind viel Kindtaufen und Leichen? — Wasmacht der Fuchs und der taube Balgtreter? —Eben wird jetzo der Mörser statt Ihrer Rat-
tentrommel unter mir gerührt.-Leben Sie
wohl.
Und Sie grüß' ich jetzt erst, geliebte Mutter!Meine Hand ist warm, und in meinem Herzenklopfen ein paar Seelen, weil jetzt Ihr Angesichtvoll mütterlicher Wärme alle meine satirischenEisspitzen bescheint und in warmes Blut zer-schmelzt, das für Sie schlagen und für Sie fließenwill. Wie thut es sv wohl, wieder zu lieben!Ihr zweiter Sohn (Flamin) ist gesund, aber zufleißig, und gegenwärtig in St. Lüne. GrüßenSie meine Schwestern und alles, was Sieliebt.
Sebastian.
Er hob den Brief auf, um den Regierrath,