Band 
I.
JPEG-Download
 

494

He spcrus

für neue de» Einweihlärm — und verstehe alsoim Grunde von der Suche nichts, worüber ichmich im Vorbeigehen auslasten will; aber sovielsei mir doch erlaubt zu behaupten, daß die luthe-rischen Kirchenmusiken etwas taugen — auf demLande, nicht in den Residenzstädten, wo vielleichtdie wenigsten Mißtöue richtig vorgetragen wer-den. Wahrlich, ein elender, versoffner, blauerKantor, der in Bravourarien sich braun singt undandere braun schlägt, — es giebt also zweierleiBravourarien — ist im Stande, mit einigenHandwerkern, die Sonntags auf der Veige ar-beiten, mit einem Trompeter, der die MauernJerichos niederpseifen könnte ohne Instrument,mit einem Schmidt, der sich mit den Paukenherumprügelt, mit wenigen krampfhaften Jungen,die das Singen noch nicht einmal können, und diedoch einer Sängerin .gleichen, welche nicht wie dieschönen Künste allein für Ohr und Auge arbei-tet, sondern auch (aber in einem schlimmernSinn als die Jungen) für einen dritten Sinn,und mit dem wenigen Wind, den er aus den Or-gel-Lungenflügeln und aus seinen eignen holt,ein solcher stampfender Mann ist, sag' ich, imStande, mit so außerordentlich wenigem musika-lischen Gorümpel doch ein viel lauteres Donnernund Geigeuharzblitzen um den Kanzel-Sinai, ichmeine eine weit heftigere und mißtönendere Kir-chenmusik aus seinem Chor herauszumachen, alsmanche viel besser unterstützte Theaterorchesterund Kapellen, mit deren Wohllauten man so oftTempel entweiht. Daher thut es nachher einemsolchen lauten Manne weh, wenn man sein Kir-chen - Gekrätze und Geknarre verkennt und falschbeurtheilt. Soll sich denn in alle unsre Proviu-zialkirchen das weiche leise herrnhutischo Töneneinschleiche»? — Es gibt aber zum Glück nochStadtkantore, die dagegen arbeiten, und die wis-sen, worin reiner Chor - und Mißton sich vornKammerton zu unterscheiden habe.

Den Lesern nicht, aber Organisten kann ich zu-muthen, daß sie wissen, warum bloße Dissonanzen— denn Konsonanzen sind nur unter dem Stim-men der Instrumente zu ertragen — aufs Chorgehören. Dissonanzen sind nach Euler und SulzerTonverhältniffe, die in großen Zahlen ausgedrücktwerden; sie mißfallen uns also, nicht wegen ihresMißverhältnisses, sondern wegen unsers Unvermö-gens, sie in der Eile i» Gleichung zu bringen.Höhere Geister würden die nahen Verhältnisseunserer Wohllaute zu leicht und eintönig, hinge-gen die größer» unserer Mißtvne reizend undnicht über ihre Fassung finden. Da nun der Got-tesdienst mehr zur Ehre höherer Wesen, als zumNutzen der Menschen gehalten wird: so muß derKirchenstil darauf dringen, daß Musik gemachtwerde, die für höhere Wesen passet, nämlich eineaus Mißtönen, und daß man gerade die, die fürunsre Ohren die abscheulichste ist, als die zweckmä-ßigste für Tempel wähle.

Machen wir einmal der Herrnhutischen Instru-mentalmusik die Kirchenthüre auf: so steckt unszuletzt auch ihr Singen an, und es verliert sichnach und nach alles Singgeblök, welches unsreKirchen so lustig macht, und welches für Kastra-tenohren ein so unangenehmer Hammer des Ge-

setzes, aber für unS ein so guter Beweis ist, daßwir den Schweinen äkueiu, die der Abt de Baigneauf Befehl Ludwigs XI. nach der Tonleiter ge-ordnet mit Tangente» stach und zum Schreienbrachte. So denk' ich über Kirchen-oder neu-deutschen Schlachtgesang.

Ende der Extrafllbe über die Kirchenmusik.

Ich hätte den Haarkräusler nicht so lange singenund agieren lassen, wenn mein Held diesen ganzenSonntag zu etwas anderem zu gebrauchen wäre,als zu einen: Figuranten; aber den ganzen Tagthat er nichts von Belang, als daß er etwa» ausMenschenliebe die alte Apxel zwang — indem erihre Kommoden und Schachteln selber auspackte,

— von ihrem Körper, der lieber Schinken als sichanputzte, die gewöhnliche mit typographischerPracht gedruckte SchabbeSausgabe, schon um dreiUhr Nachmittags zu veranstalten: sonst lieferte siesolche erst nach dem Abendessen. Die Juten glau-ben , am Sabbath eine neue Schabbesseele zu be-kommen: in die Mädchen fahrt wenigstens eine, indie Appeln ein Paar.

Aber warum muth' ich meinem Helden zu,heute mehr Handlung zu zeige» — ihm, der heute

— versunken in die'Traumnacht und in den kom-mende» Abend — bewegt durch jedes freundlicheAuge und durch die Urnen des weggetraumteuLenzes — sanft aufgelöset durch den stillen lauenSommer, der an den Nauchaltären der Berge,auf den mit Milchflor belegten Fluren und unterdem verstummenden Trauorgefolge von Vögeln,lächelnd und sterbend lag, und beim Aufsteigender ersten Wolke auf dem Laube verschied — Vik-tor sag' ich, der heute von lauter weichen Erin-nerungen wehmüthig angelächelt, fühlte, daß erbisher zu lustig gewesen. Er konnte die gutenSeelen um ihn nur mit liebenden schimmerntenBugen anblicken, diese noch schimmernder weg-wenden und nichts sage» und hinausgehen. Ueberseinem Herzen und über allen seinen Noten standtremolnncko. Niemand wird tiefer traurig, alswer zu viel lächelt; denn, hört einmal dieses Lä-cheln auf, so hat alles über die zergaugne SeeleGewalt und ein sinnloser Wiegengesang, ei»Flötenkvnzert — dessen Dis- und Fisklappcu undAnsätze blos zwei Lippen sind, womit ein Hirten-junge pfeift, — reißet die alten Thränen los, wieei» geringer Laut die wankende Laviue. Es warihm, als wenn ihm der heutige Traum gar nichterlaubte, Klvtilden anzureden; sie schien ihm zuheilig und noch immer von geflügelten Kinderngeführt und auf Eisthrouen gestellt. Da er über-haupt für Le BautS Gespräche im Reichs der Mo-ralisch-Tvkteu heute keine Zunge und keine Ohrenhatte: so wollt' er im großen laubenvollcn Gartendem Stamitzischen Konzert ungesehen zuhören undsich höchstens vom Zufall vorstellen lassen. Seinzweiter Grund war sein zum Resonanzboden derMusik geschaffnes Herz, das gern die eilendenTöne ohne Störung aufsog, und das die Wir-kungen derselben gern den gewöhnlichen Welt-menschen verbarg, die Goethes, Rafaels undSacchinis Sache» wahrhaftig eben so wenig (undaus keinen geringern Gründen) entbehren können.