Band 
I.
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Hesperus

denen ich nicht antworte, weil ich mich mit Ver-achtung wegwende von ihnen, um der sogenanntenheiligen Jungfer zu sagen : „ Verlassene, aber Ge-duldige! Verkannte und Verblühte! Erinnere„ dich der Zeiten nicht, wo du noch auf bessere hoff-test, als die jetzigen, und bereue den edeln Stolz„ deines Herzens nie! Es ist nicht allemal Pflicht,„zu heirathen, aber eS ist allemal Pflicht, sich„nichts zu vergeben, auf Kosten der Ehre nie glück-„lich zu werden, und Ehelosigkeit nicht durch Ehr-,. losigkeit zu meiden. Unbewunderte, einsame„Heldin! in deiner letzten Stunde, wo Las ganze„ Leben und die vorigen Güter und Gerüste des„ Lebens in Trümmer zerschlagen voraus Hinun-terfallen, in jener Stunde wirst du über dein„ ausgeleertes Leben hinschauen, eS werden zwar„keine Kinder, kein Gatte, keine nasse Augen„ darin stehen, aber in der leeren Dämmerung„wird einsam eine große, holde, englisch-lächelnde,„siralende, göttliche und zu den Göttlichen aufstei-„ gende Gestalt schweben und dir winken, mit ihr„aufzusteigen — v steige mit ihr auf, die Gestalt„ist deine Tugend." —

Ende deS Extrablätter.

Einige Tage darauf gab die Fürstin dem Für-sten ein Auge en instclaillvu mit der schönenWendung: sie gebe diese Vot.i vtafel dem Hei-ligen (das vaßte um so mehr, da der Fürst Januarhieß) der ihr seinen Wunderthäter zugeschickt,und der das bekommt, was er heilen lassen. Jen-ner sagte zu Viktor, dem er das Auge zeigte: "der"H- Januar wird mit Ihnen, mit der h. Ottilia,„verwechselt" — die bekanntlich die Patronin derAltgen ist.

Viktor war froh, daß Matthieu zu ihm kam, ummit ihm nach St. Lüne zu gehen; denn dieser batihn, weil dieses ohne ihn geschehen, mit zu seinerMutter zu gehen, "weil heute bri der Fürstin»großes Souper sei, bei seiner Mutter aber kein„Mensch» d. h. kaum über neun Personen. Vik-tor zog also — es that heute nichts, daß die fürst-liche Augendulderin fehlte — gern in die Schleu-nessche Nürnbergische Konvertitenbibliothekvon Töchtern hinein hinter dem zärtlichen Jona-than-Orest-Matz, den er überhaupt jetzt ausSchonung für ihren allgemeinen Freund Flamintoleranter behandelte. Die Menschen verge-sellschaften sich wie die Ideen eben sooft nachder Gleichzeitigkeit als nach der Lehn-st ch k e i t; und aus der Wahl der Bekanntenist eben so wenig etwas auf den Charakter desJünglings zu schließen, als auf einer Frau ihrenaus der Wahl des Gatten. Matthieu stellte ihnseiner Mutter im Lesekabinette, da ihr gerade auseinem englischen Autor vorgelesen wurde, mit denWorten vor: hier bring' ich Ihnen einen ganzlebendigen Engländer. Joachime las in einemVerzeichnisse — es war kein Bücher - sondern einNelkenblätterverzeichniß — um sich einige Nelkenauszusuchen, nicht um sie zu pflanzen, sondern sienachzumachen — in Seide. Sie haßte Blumen,die wuchsen. Ihr Bruder sagte aus Ironie: »sie

»haßte die Veränderlichkeit sogar an einer„Blume." Denn sie liebte sie sogar an Liebha-bern; und unterschied sich ganz vom April, oerwie die Weiber in unseren! Klima weit beständi-ger ist, als man vorgibt. Im Kabinet warennoch zwei Narren da, die mir mein Korrespon-dent nicht einmal nennt, weil sie, glaubt er, hin-länglich bezeichnet und geschieden wären, wenn ichden einen den wohlriechenden Narren nennte,und den andern den feinen.

Beide Narren umstimmten die Schöne. Ueber-haupt, so oft ich Narren in großen Partieenstudieren wollte, sah ich mich ordentlicher Weisenach einer großen Schönheit um; diese umfassensie wie Wespen eine Obstfrau. Und wenn ichsonst keine Ursache hätte — ich habe sie aber,—uni die schönste Frau zu ehelichen: so thät' ichsschon darum, damit ich immer die Bienenköniginin der hohlen Hand sitzend hielte, der der ganzenärrische Jmmenschwarm nachbrauste. Ich undmeine Frau würden dann den Kerlen in Lissabongleichen, die, in den Händen mit einem Stäng-lein angeketteter Paxaqaien, an den Füßen miteiner Kuppel nachimpfender Affen, durch dieGaffen ziehen, und ihr tolles Personale feilbie-ten.

Der wohlriechende Narr, der heute in derSonnenseite Joachimcns war, las der Mut-ter vor - der feine, der in der Wetterseitewar, stand neben Joachime, und schien sich nichts umihrWetterkühlen zu scheercn. Viktor stand alsUebergang von der heißen Zone in die kalte da,und stellte die gemäßigte vor; Joachime spieltedrei Rollen mit Einem Gesicht. Der wohlrie-chende Narr schoß mit der linken Hand die Dreh-baffe eines silbernen Joujou: dieses hängendeSiegel eines Thoren bewegte er entweder wie derGrönländer einen Block mit seinen Füßen, derErwärmung wegen — oder er thats, wie derGroßstiltan aus gleichem Grund immer einSchnitzmesser handhaben muß, um nicht immerjemand sterben zu lassen vor Liebe — oder um,wie der Storch immer einen Stein in den Kral-len hält, allezeit ein Jrions-Nad in den Händen,wie ein Spvrnrad an den Fersen, zu haben —oder der Gesundheit wegen, um den sloüutuskxsdcrieris * durch die Bewegung eines äußernzu bestreiten — oder als Paternosterkügelchen,oder weil er nicht wußte, warum.

Jeder war mit sich zufrieden. Als die Mutterunsern Engländer gebeten, mit seinem Akzent ihrvorzulesen, so sagte der feine Narr: »das Eng-lische ist wie genüge Gesinnungen leichter zu ver-»siehen als auszusprechen.» Dieses feine Schafhatte nämlich überall die Gewohnheit, metapho-risch zu sein — wenn ihm ein Mädchen sagte:»ich kann mich heute der Kälte nicht erwehren--so macht' er die des Herzens daraus —man konntenicht sagen »es ist trübe, warm, die Nadel hat»mich gestochen w.-- ohne daß er dies für einenKugelsicher nahm, der sein Herz aus dem Ge-wehre der Brust vorzog und vorwies — eS warvor seinen Ohren unmöglich, daß man nicht fein

' Hysterische Kugel, d. h. die hysterische Krankcnem-pfiuduug^ als rolle sich eine Kugel die Kehle herauf.