Hesperus
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Reisen durch die Logen, wieder Fürst durch dieKulissen — er brückte es (obwohl mit Mühe, undnur indem er sich immer das Muster der Hof-leute vorhielt) fünfmal dahin, daß er gleichgül-tig zuhörte oder gar wegfchaute, wenn ihm derandere erzählte; welches alles, wenn nicht we-sentliche, doch Nebenstücke der wahren Höflichkeitfind.
Auch will ich zu seinem Rubin nicht unbemerktlassen, daher sich die ordentlichen erotischenund sati rischen Freiheiten der gal likan ischenKirche gegen mehre Weiber auf einmal nahm:denn vor einer einsamen hatt' er noch die alteEhrerbietung eines edlen Herzens. Ich will vonjenem doch ein Beispiel geben. Einmal war erunter fünf Verläumderinnen (die Gesellschaft be-stand aus sechs Frauenzimmern und einer Mann-person); die häßlichste schwärzte alle, sogar ge-druckte Mädchen an, z. B. die verstorbene Kla-risse, berste vorrückte, sie habe gegen Lovelacenicht genug gewußt snuvvv Is» ckeiror» -lo Invertu. Man muß es gewärtig sein, wie dieKönigsberger Schule es in ihren Rezensionenaufnimmt, daß er sich vor der Verläumderin aufein Knie hiuließ, und mit einigem Ernst sagte:O LIarisse! Voiei Votrs I.oveiuee, retran-eüons guntre toins», et eninnnmroim coiiriuelos luisours ck'Lpopüss par ie roste *.
Freilich warf er sich die Tarantel-eit häufig un-ter der Tarantelzeit vor; und da der Heidenvorhofseines Herzens so voll Weiber wurde, indeß imAllerheiligsten desselben nichts war als ein stum-mes Dunkel, und da sein Kopf ein Jnsektenkabi-net von Hofkleinigkeiten wurde: so ssuszete erfreilich oft in seinem Erker: " o! komme bald,"guter Vater, damit dein sinkender Sohn aus die-"sem schmutzigen Märznebel in ein helleres Leben"steige, eh' er sich ganz befleckt hat, daß er nicht"einmal diesen Wunsch mehr thut-- — und so oft erin Joachimens Zimmer die Prospekte von Maien-thal — welche Giulia vom Porträtmaler Klotil-dens machen lassen — zu Gesichte bekam: so zoger mitten im Scherzen das Auge von ihnen miteinem Seufzer weg — — Aber geheilt würd' ernicht, als bis das Schicksal sagte: jetzt! Da klopfteder Thsaterschlüssel auf einmal, der die Menschenin der Schauspielerprobe des Lebens—das Schau-spiel selber wird erst im zweiten gegeben — kommenund handeln heißet: und es trug sich'etwas zu, wasich sogleich im folgenden Kapitel berichten werde,wenn ich in diesem auSerzählt habe, wie Viktormit allen Leuten um sich her stand.
Mit manchen eigentlich schlecht — erstlich mitKlotilden. Sie wohnte zwar bei dem Minister— als Hofdame Kälte sie ins Paullinum gehört,allein der Fürst hatte es wegen der Leichtigkeitsie zu sehen, so karten lassen — aber sie war im-mer um die Fürstin, mit der sie bald ein ähnli-cher Ernst und eine ähnliche Zurückhaltung ver-knüpfte. Ihre Gleichgültigkeit gegen einen, dermit ihr einen gemeinschaftlichen Freund undLehrer hatte, gab diesem Viktor eine noch grö-
° d. h. O Klartsse! Da haben Sle Ihren Lovclaec;wollen wir die vier ersten Bände überspringen und wieEpopeendichter gleich beim Ueberrest anfangen.
, ßere, zumal da er wußte, sie müßte fühlen, daßin dieser kalken Berg - und Hofluft nur ein ein-ziger, obwohl falber, Nelkenabsenker ihrer schö-nen Seele blühe, er selber nämlich. Auch mußteihm der Zwang des Wohlstandes, sie kalt anzu-schauen, zur Gewohnheit werden. Am schlimm-sten wars für ihn, daß sie gleichgültig war ohneEmpfindlichkeit. und kalt mit Achtung für ihn. An-dere waren ganz toll Über das --tugendhafte Phlegmadieser Pygmalions-Bildsäule." Der edle Matznannte sie oft die heilige Jungfrau oder dieDemviselle Mutter Gottes. Es konstiert und er-hellt ganz deutlich aus den von mir aufgeschlage-nen Hund - Manualakten, daß einige Herren vomHofe nach verschiedenen verdorbnen Versuchen,sich die mit so vieler Schönheit unverträglicheTugend zu erklären, bald aus Temperament, baldaus verhehlter Liebe, bald aus einer kokettenSprödigkeit, die sich wie das Wasser beiSt. Clermont endlich zur eignen Brückeüber sich selber versteinert, daß diese listigenHerren recht glücklich auf die Vermuthung verfie-len, Klotilde nehme Liese Maske als eine Kopiedes Gesichts der Fürstin vor ihres, um in derGunst zu bleiben. Daher wurde Klotildens züch-tige Tugend von den meisten mit größerer Scho-nung beurtheilt, indem man sie als eine absicht-liche Nachahmung des ähnlichen Fehlers der Für-stin schon entschuldigen konnte, durch das Bei-spiel ähnlicher Nachahmungen, da Hoflente oftdie größten äußern Naturfehler, ja die Tugen-den eines Regenten nachäfften. — So dachte we-nigstens der billigere Theil des Hofes.
Agnvla war unserem Helden einen immer grö-ßer» Dank für die Besuche Jenners zu zeigenbeflissen, ob sie gleich, denk' ich, die untreue Ab-sicht des Fürsten in der Gegenwart Klotildenseben so gut entdecken konnte, als sie zuweilen inViktors Seele bei der Gegenwart Joachimensblicken mochte. .. Ueberhaupt hätt' ich den Leserlängst bitten sollen, aufzupassen: ich trage die Sa-chen mit erlaubter Dummheit vor, obwohl mithistorischer Treue; sind nun feine, spitzbübische,wichtige, intrigante Züge und Winke darin, soists ohne mein Wissen, und ich kann sie also demLeser nicht anweisen mit einer Zeigerstange, oderansagen mit einer Feuertrommel, sondern er sel-ber — weil er Hofgeschichten versteht — muß wis-sen , was ich mit meinen Winken haben will,nicht ich.
Mit Joachimen wäre Viktor recht gut gefahren— da er alle Fehler, die er bei andern Weibernund nicht bei ihr antraf, ihr als Tugenden inRechnung brachte, und da er sich mit ihrem Ichmehr verflocht; denn die Fehler der Mädchenkommen wie Schokolade und Taback dem Gau-men anfangs desto toller vor, je besser sie ihmnachher schmecken — er wäre gut gefahren, ohnezwei Ecksteine; aber die waren da. Der erstewar — denn ich will seine kleine Aergerniß über diekurze Dauer ihrer schönen Weihnacht-Empsind-sanikeit nicht rechnen — daß sie immer Klotildentadelte, besonders ihre --affektierte" Tugend. Derzweite war, daß Klotilde sie eben so wenig suchte:Viktor konnte niemand lieben, den Klotilde nichtliebte. — Und jetzt sind die Rennwvchen und Di-