Band 
I.
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Hesperus. 557

Leblosigkeit. Allein nur die Nacht und Entfernungkonnten ihr sein Zittern zudecken, da ihre fürseine Leiche fallenden Thränen wie ein heißerStrom sein zerstörtes Herz ergriffen und dasWenige, was der heutige Abend daran noch festgelassen, erweichten und auflösten in eine bren-nende Welle der Liebe. Den Kindern fließen dieThränen stärker, wenn man ihnen Mitleid be-zeigt; und in dieser Stunde der Erschöpfung wurdeViktor weicher, der sonst durch fremdes Mitleidmit ihm härter wurde, und als Klvtilde sich ansFenster setzte, um das müde Haupt aufzulehnen:so war ihm als ermähne ihn etwas, das jetzowahr zu machen, was er heute zur Statue gesagt:kalte Gestalt, richte dich auf und zeige den Men-schen die Thränen, die aus einem weichen Her-zen rc.

Klvtilde zog endlich die Vorhänge zu und ver-schwand. Aber er setzte behutsam noch lange dieRolle seines Bildes fort, und eben, da er sichweniger anstrengte, um eine Statue zu spielen,gelang es ihm besser. Alle seine Gedanken flös-sen nun wie Balsam über die aufgerissenen Stel-le» jeines Innern und er sagte: »wenn du auch»nur meine Freundin bist, so genüget es mir, und»du kannst diesen von Sehnsucht empörten Busen»stillen. O dieses volle Herz würde ohnehin aus-einander getrieben, wenn es den Gedanken fas-»sen sollte, daß du mich liebtest!" — Uebrigensfiel ihm heute zum erstenmal die Unwahrscheinlich-keit seiner neulichen Vermuthung ein, daß eineso zurückhaltende Person wie sie, sich auf eine sowenig zurückhaltende Art gegen den blinden Ju-lius sollte benommen haben, und er fragte sich:»ists denn zur Erklärung ihrer Abreise vom Hof»nicht genug an Jenners und Matthieus unheili-»ger Liebe und an Emanuels heiliger?" — Da-mit sie aber am Morgen nicht ihre irrige Ver-wechslung entdeckte, so gab er seinem wächsernenFiguranten genau die Stelle, die er selber amFenster eingenommen.

Dritter Osterfeiertag.

T. Kochs doppelte Mundharmonika — die Schlit-tenfahrt — der Äall — und ....

Der Leser wird mit mir wünschen, daß derdritte Ostertag etwas schlimmerS endige als denlangen 28sten Huudposttag.

Der Schlitten ging leidlich, soviel voraus zu

sehen war.-Ich seh' aber noch etwas anders

voraus: daß sich eine halbe Million meiner Lese-kunden (für die andre halbe steh' ich) nicht ausMeinem Helden finden kann. Es ist daher meinAmt, nur soviel ihnen vorzusagen: Viktor warnie kleinmüthig, ihn ekelte die menschliche Unter-jochung unter das Glück; der Tod nahm ihn jedenTag einmal auf den erhabnen Arm und ließ ihnvon da herunter bemerken, wie winzig alle Berge

und Hügel sind, auch Gräber. Jedes Unglückmachte ihn stählern, der Medusenkopf des Tod-tenkopfs machte ihn steinern, und er ärgerte sichnachher über den schmelzenden Sonnnenblick derfreudigen Rührung. Seine lustige Laune, seinIdeal weiblicher Vollkommenheit, der Mangel anGelegenheit und das Schild Minervens hattenihm über die Windmvnate des Gefühles hinüber-geholfen, und er hatte bisher keine andere Sonneangebetet, als die um 21 Millionen Meilen ent-legne — bis der Himmel oder der Henker dienähere herführte, gerade im Jahr 17Y2. — Nochwär' es ganz leidlich gegangen und das Unglückschon auszuhalten gewesen, wenn er gescheit oderkalt gewesen wäre; ich will sagen, wenn er nichtzu sich gesagt hätte: »es ist schön, nie über sich zu»weinen, aber doch über den andern; es ist schön,»jeden Verlust zu verbeißen, aber nicht den eines»Herzens, und was wird ein geschiedener Freund»ans seiner Höhe größer finden, entweder wenn»ich mir Trostpredigten über sein Ableben mit»wahrer Fassung halte, oder wenn ich dem Ge-liebten im freiwilligen übermannenden Kummer»nachsinks?" — Dadurch — und aus Unbekannt-schaft mit der Uebermacht edler aber unbezähmterGefühle — und weil er seine bisherige Herzstillemit einer freiwilligen verwechselte — und auseiner überschwenglichen Menschenliebe hatte erabsichtlich seinem innern Menschen bis jetzt dieFühlhörner zu groß wachsen lassen — und so warer durch die Wirbel aller bisherigen Einflüsse, derbisherigen Beraubungen, der bisherigen Rüh-rungen dieser Ostertage, dieses schönen Jugend-dorfes so weit verschlagen, daß er ungeachtet sei-ner Besonnenheit, seines Hvflebens, seiner Launeeiniges vor seiner alten Unähnlichkeit mit jenenGenies (wenigstens für Ostern) einbüßete, diegleich dein Seekrabben Fühlfäden aufrichten, diekaum ein Mann umklaftert... .

Jenes theilnehmende Anblicken Klotildens,das ihm gestern nach der vorigen Hitze kühlenderBalsam gewesen, würd' ihm heute ein sehr heißer;ihr Auge voll Thränen seinetwegen richtete alleTageseiner Liebe für sie und ibr ganzes Bild in seinemHerzen auf. Ich bin überzeugt, sogar dem Re-gierrath, der übrigens durch den gestrigen Lei-chensermon von seinem Argwohn, so wie Lurch dierepublikanische Zerstreuung einiges von seinerLiede gegen Klotilden hätte verlieren können, ent-wischte das Trunkene und Träumerische seinerAugen nicht. Das Pfarrhaus selber war heutezum Glück eine Börse oder ein geistliches Jntel-ligenzkomptoir und Werbhaus: der Kaplan regi-strierte — nicht etwan französische cUo tvl e»tnotoe plaisil', sondern — die Katechumenen ein,die auf Pfingsten beichten sollten.

Er wollte nicht eher inS Schloß hinübergehen— sein verkannter Freund Matz hatt' ihm schonum zehn Uhr aus dem Fenster Morgengruß undGlückwunsch zum Schneewetter zugerufen — alsbis sein Schlitten aus der Stadt da war, damiter sogleich abführe, weil er drüben keine lächer-liche Rührung zeigen wollte. Seitdem ihm diegroße Welt zur Werkeltagwelt geworden war,fiel ihm Verstellung vor ihr schwerer; man ver-birgt sich vor denen am leichtesten, die man achtet.