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Hespe rus.
Aber die Drillings und Franz Koch triebeni ibn früher hinüber, schon Abends um 5 1/2Uhr. —
Ich fuhr in die Höhe beim Namen Franz Kochin des Hunds Papieren. Wenn einer von mei-nen Lesern ein Karlsbader Brunnengast ist, oderSe. Majestät der König von Preußen Wilhelm H.oder von dessen Hof, oder der Kurfürst von Sach-sen, oder der Herzog von Braunfchweig, oder eine! andre fürstliche Person: so hat er den guten Kochj gehört, der ein bescheidner abgedankter Soldat istj und der überall mit seinem Instrument herumrei-j set und spielet. DaS letzte, das er doppelte
> Mundharmonika nennt, besteht aus einemi verbesserten Paar zugleich gespielter — Maul-! trommeln oder Brummeisen, die er immer nach! den Spielstücken umwechselt. Seine Brummei-I sen - Handhabung verhält sich zur alten wie! Harmonikaglocken zu Bedienteuglvcken. Es ist meine! Schuldigkeit, solche von meinen Lesern, deren Phan-i taste Zaunkönig-Schwingen hat, oder die wenigstens- vom Herzen an Lithvpädia (Stein-Fötus) sind, oder! die das Ohrentrommelfell zu nichts haben, als! zum Trommeln daraus, solche Leser mit der weni-i gen Oratvri'e die ich habe, dahin zu bringen, daß! sie den besagten Franz aus dem Hause werfeu>
> wenn er kommen und vor ihnen summen will.
! Denn eS ist nichts dran, und die elendeste Brat-i sche und Strvhfidel schreiet meines BedünkenSs lauter; ja sein Getöns ist so leise, daß er ims Karlsbade vor nicht mehr als zwölf Kunden auf! einmal aufspielte, weil man nicht nahe genug aui ihm sitzen kann, wie er denn sogar bei seinenj Hauptliedern daS Licht wegtragen lässet, damit
weder Aug' noch Ohr die Phantasieen störe. —Ist aber freilich ein Leser anders — etwa» einDichter — oder ein Verliebter — oder sehr zart— oder wie Viktor — oder wie ich: so horch' erohne Bedenken mit stiller zerfließender Seele demFranz Koch — oder — denn heute wird er geradenicht zu haben sein — mir zu.
Der lustige Engländer hatte Viktor diesen Har-monisten mit der Karte geschickt: »Ueberbringerdieses ist der Ueberbringer eines Echo, das er inder Tasche führt." — Viktor nahm ihn daher lie-ber zur Freundin aller schönen Töne hinüber,damit ihre Abreise sie nicht um diese melodischeStunde bringe. Es war ihm, wie wenn er durcheine lange Kirche ginge, da er in Klotildens Lo-rettvhaus eintrat; ihr einfaches Zimmer war wieMarias Wohnzimmer, von einem Tempel einge-fasset. Sie halte schon ihre schwarze Putzkleiduugvollendet. Die schwarze Tracht ist eine schöneVerfinsterung der Sonne, worin man das Augevon ihr gar nicht wegzubringen vermag; Viktor,der bsi seiner sine fischen Achtung für dieseFarbe heute dieser schwarzen Magie eine wehr-lose Seele, ein entzündetes Auge mitbrachte,wurde blaß und verwirrt über das aufgehellte An-gesicht Klotildens, über welches der Zug einesherabgeregneten Kummers so wie ein Regenbogenüber den helle» blauen Himmel schwebte. Eswar nicht die Heiterkeit der Zerstreuung — diejedes Mädchen durch das Ankleiden bekömmt —sondern die Heiterkeit der fromme» Seele vollGeduld»ud Liebe. Er besorgte, in zweierlei Di-
steln zu treten, in die gemalten des Fußbodensüber die er immer wegschritt, und in die satiri-schen der feinen Beobachter um ihn, an die er sichimmer stieß. Ihre Stiefmutter war noch überder Stuckatur und Appretur ihres Madensacksund der Evangelist war in ihrem Ankleidezimmerals Putz-Meßhelfer und Mitarbeiter. Daher hatteKlvtilde noch Zeit, den Mundharmvnisten zu hören;und der Kammerherr bot sich der Tochter undmeinem Helden — denn er war ein Vater vonLebensart gegen seine Tochter — zu einem Theilder Zubörerschaft an, ob er gleich aus der Musiksich wenig machte, Tafel- und Ball-Musik aus-genommen.
Viktor sah jetzt erst aus Klotildens Freude überden mitgebrachten Musiker, daß ihr harmonischesHerz gern mit den Saiten zittere; überhauptwürd' er oft über sie irre, weil sie — wie Du,Theuerster ** — sowohl ihr höchstes Lob durchSchweigen sagte, als ihren höchsten Tadel. Siebat ihren Vater, der die Mundharmonika schonim Karlsbad gehöret hatte, ihr und Viktor eineIdee davon zu geben— er gab sie: »sie drücke»nicht sowohl das loi-tisslwo als Las pinuo-ckoleo»meisterhaft aus, und sei wie die einfache Harmo-»nika dem Adagio am angemessensten." Sie ant-wortete darauf — an Viktors Arm, der sie inein dazu verfinstertes stilles Zimmer führte —»die Musik sei vielleicht zu gut für Trinklieder und»für lustige Empfindungen. Da der Schmerz»den Menschen veredle und ihn durch die kleinen»Schnitte, die er ihm gebe, so regelmäßig entfalte,»wie man die Knospen der Nelke mit einem Mes-»ser aufritze, damit sie ohne Bersten aufblühen:»so ersetzt die Musik als künstlicher Schmerz den»wahren." — »Ist der wahre so selten?" sagteViktor in dem dunkeln von Einem Wachslicht be-schienenen Zimmer. — Er kam neben Klvtilde,und ihr Vater saß ihm gegenüber. —
Selige Stunde! die du einmal mit dem Echo-lauten dieser Harmonika Lurch meine Seele zo-gest — fliehe noch einmal vorüber und der Nach-klang jenes Echos klinge wieder um dich! —
Aber als der bescheidne stille Virtuos das Ge-räthe der Entzückung kaum in die Lippen gelegethatte: so fühlte Viktor, daß er es jetzo (bevor dasLicht hinauskäme) nicht so machen dürfte wie sonst,wo er sich zu jedem Adagio eigne Szenen ver-malte und jedem Stücke besondere Schwärme-reien seiner Texte unterlegte. Denn es ist einunfehlbares Mittel, den Tönen ihreAllmacht zu ge-ben, wenn man sie zu Nipienstimmen unserer Stim-mung, und so aus Instrumentalmusik gleichsamVokalmusik aus, unartikulierten Tönen artiku-lierte macht, anstatt daß die schönste ReiheTöne, die kein bestimmter Gegenstand zu Al-phabet und Sprache ordnet, abgleitet vombespülten aber nicht erweichten Herzen. — Alsdaher die holdesten Laute, die je über Men-schenlippen als Mitlauter der Seele flössen, vonder bebenden Mundkarmonika zu wehen anfingen;als er fühlte, daß diese kleinen Stahlringe gleich-sam als Fassung und Griffbrett seines Herzensihre Erschütterung zu seinen machen würden: sozwang er sein fieberhaftes Herz, an dem ohnehinheute alle Wunden aufgingen, sich gegen die Töne