Band 
I.
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Hesperus.

Vergangenheit in die andre zurück fließen, immerleiser rinnen durch die vergangnen hinter demMenschen ruhende» Jahre — endlich nur mur-meln unter dem Lebensmorgenroth — nur unge-hört aufwallen unter der Wiege des Menschen —und erstarren in unsrer kalten Dämmerung undversiegen in der Mitternacht, wo jeder von unsnicht war: dann hört der gerührte Mensch auf.seine Seufzer zu verbergen und seine unendlichenSchmerzen.

Der stille Engel neben Viktor konnte sie nichtmehr verhüllen, und Viktor hörte Klotildens er-sten Seufzer. —

Ja, dann nahm er ihre Hand als wenn er sieschwebend erhalten wollte über einem offnenGrabe.

Sie ließ ihm ihre Hand, und ihre Pulse schlu-gen bebend mit seinen zusammen. —

Endlich warf nur noch der letzte Ton des Lie-des seine melodischen Kreise im Acther und floßaus einander über eine ganze Vergangenheit —dann hüllte ihn ein fernes Echo in ein flatterndesLüftchen und wehte ihn durch tiefere Echo hin-durch und endlich an das letzte hinüber, das ringsum den Himmel liegt — bann verschied der Tonund flog als eine Seele in einen Seufzer Klotil-dens. —

Da entfiel ihr die erste Thräne wie ein heißesHerz, auf Viktors Hand.

Ihr Freund war überwältigt — sie war dahingerissen — er preßte die sanfte Hand — sie zogsie aus seiner — und ging langsam aus dem Zim-mer, um dem zu weichen Herzen, über dessenholde Zeichen die Nacht ihren Schleier hing, wie-der zu Hülfe zu kommen. . . .

Das kommende Licht nahm diese Traumweltenhinweg. Matthieu und die Kammerherrin er-schienen auch. Wir wollen aber in dieser weichenStimmung, wo man gerade gegen Schlimme inder härtesten ist, nichts sagen und nichts denkenüber das neue Paar, das für den Abstich gegenunsere Erweichung nichts kann. Viktor sagtesich dies auch, aber mehr als einmal; weil sich dievom Apotheker erlogne Vermählung Klotildens mitMatthieu ihm mit den grellsten Farben aufdrang,ähnlich jener platonischen Verbindung, wo derreine Geist aus seinem Aether getrieben und mitzusammengekrümmten Flügeln in einen beflecktenLeib gemauert wird. Klotilde kam zurück. Sie warin Verlegenheit gegen Viktor, blos weil er darinwar oder neben ihr auf dem Schlitten noch mehrdarin sein mußte — ihren geschwollenen Augapfelentfernte sie vom Licht. — DaThränenversetzungenwie Milchversetzungen drücken und zerstören: sosuchte die in sein Inneres zurückgedrückte Weh-muth einen Ausgang durch die Stimme, die hef-tig und abgebrochen war, durch die Bewegungen,welche schnell waren, sogar durch die Lebhaftigkeitdes Ausdrucks — kurz es war gut, daß sie fuh-ren.

Er dachte wieder das Gegentheil, als er aufdemSchlitten hinter ihr stand. Die Nacht schien sichhinter die Wolken gezogen zu haben, Leren wei-tes Gewölbe den Himmel einnahm. Er konnte ^keine Materie zum Gespräch auftreiben, er jmochte sinnen wie er wollte — er lief Klotildens, l

Viktors. aller Bekannten Leben durch — es stießihm nichts auf. Der Grund war, seine Gedan-ken , die er darauf ausschickte, kehrten ohne seinWissen in jeder Minute um und hingen sich wieBienen an Klotildens edles Profil, oder an ihrweiches Auge, oder sanken in ihre auf seine Handgefallne Thräne ein, und in das ganze Aethermeerder heutigen Töne. Der dunkle Himmel über ihmgab ihm endlich EmanuelS letztes Schreiben inden Sinn und er konnte ihr daraus des blindenEinweibuug in den höchsten Gedanken des Men-schen erzählen. Klotilde hörte ihm freudig zuund sagte endlich: "niemand ist glücklicher als ein--Schüler eines solchen Lehrers: aber er muß nie"in die Welt treten — da wird er es nicht sein."Sein Lehrer hat ihm ein zu weiches Herz gege-ben, und ein weiches bängt, wie Sie ja selber»sagen. wie das weiche Obst so tief berab, daß es»jeder erreichen und verwunden kann; die harte»"Früchte hängen höher."

Sie kamen jetzt bei den harten Nesidenzfrüchtenan, und ihre Bemerkung war ihre eigne Geschichte.Aber die neue» Aufritte — die rauschende» Wagenund Kleider — der Lärm um nichts und um we-nig — die Saalleuchter wie Fixsternsysteme — diedoppelten Mund - Disharmonikas — die männ-liche Hof-Fauna — die weibliche Hof-Flora -das ganze mobil gemachte Lustlager, dieses Meß -getümmel überschmetlertedas gedämpfte Echo, daszwischen zwei harmonischen Seelen hinüber undherüber ging.

Unser Held wurde von der Fürstin noch freund-licher angelassen, als vom Fürsten. Joachime, dieAmtverweserin Klotildens, hatte noch außer derkalten zürnenden Freundlichkeit eine juwelenrcicheinoutro L rL'giilatmii'i An einem öffentlichenOrte kostet es weniger als in einem Kabinet, denäußern Menschen wie eine Charaktermaske überden innern zu decken. Viktor, auf welchen ohnehinjeder Schmerz die witzige Wirkung des Trun-kes machte, verrieth den ersten höchstens durch dasUebermaß seiner Lebhaftigkeit.

Eine Frau verräth sich durch das Gegentheil —Klotilde durch nichts. Er sagte ihr in der son-derbaren Uebertäubung, in welche äußere Fren-dentöue und in-»'re Phantasieen setzen, wenn siewie zwei Ströme mit einander zusammen kommen,folgende Ideen: --Wär' ich die Göttin der Wonne-.(wenns eine gibt) so ließ' ich drei Uhr schlage»"— um die Wandleuchter machte ich Farbenpris---men oder hinge sie gar in die Kabinette und„zöge über den Tanzsaal durch Weihrauch eine"Zauberdämmerung — dann müßt' ich die Töne--des Orchesters in so viele Zimmer zurückstellen--daß davon nichts hereinkäme, als ein weiches--Echo — und wenn dann in den: dämmernden--von Melodieen durchwehten Wirrwarr nicht die"Leute nach einigen stillen Bewegungen vor-Entzücken vergehe» wollten: so müßt' ich nicht"....-- Setzen Sie noch dazu (sagte sie), damit--wir auch eine haben, daß wir hier bleiben und--die Auflösung beobachten.-- —

Aber seine Fassung überlebte in jedem Ballekaum die Menuet. Nach dem ersten Geräusch,wenigstens um die Geisterstunde, war allemalseine ganze Seele in eine poetische der Augen