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Neu-vermehrtes historisch- und geographisches allgemeines Lexicon ... : In welchem das Leben und die Thaten der Patriarchen, Propheten, Apostel, Vätter der ersten Kirchen, Päbsten, Cardinälen, Bischöffen, Prälaten, vornehmer Gelehrten und Künstlern, nebst denen so genannten Ketzern; Wie nicht weniger derer Kayser, Könige, Chur- und Fürsten, Grafen, grosser Herren, berühmter Kriegs-Helden und Staats-Ministern; ... Und endlichen Die Beschreibung der Kayserthümern, Königreiche, Fürstenthümern, freyer Ständen, Landschafften, Insuln, Städten, Schlösser, Klöster, Gebürgen, Meeren, Seen, Flüssen, und so fortan; .. Dißmahlen von neuem mit Fleiß gantz übersehen
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Vorrede.

geflohen, hat feinenweg. Allemdieandern orten, und fürandere orte, wo gleichwol auch Teutsch geredet wird, schrei-ben ; find daran bey weitem nicht gebunden : und kommt alsounser gelehrte Herr Gegner in feiner rechnung viel zu kurtz,wann er fich eingebildet hat, daß fich ein gantzes buch um deseinigen Worts willen so leichtlich verwerffen, und unter die banckflecken lasse. Anjetzo ist veröffentlich auch diesem letzten vor-rvurf genug gethan worden. Man gestehet, daß die antwortdarüber etwas weitläuflig ausgefallen. Jedoch hat einer seitsdie dabey geführte umstände einer der merckwürdigsten geschichteaus dem XVI. lseulo dem geneigten Leser noch tvol etwas Ver-gnügung geben können ; so ist auch ferner von vielen verständi-gen Personen gerathen worden, weil eben über diesen ort demHerrn Gegner so viel gutes zu sagen wäre, solche gelegenheirnicht aus der acht zu lassen. ....

Im übrigen fallen jetzt noch wol einige erinnerungen bey, wel-che demselbigen aus anlas seines letzten vorwurfs annoch möch-te« gethan werden. Der geneigte Leser wird solche vielleicht sech-sten um so viel lieber hören, als sich dadurch die bisherige Leipzi­ ger auflagen des Historischen Lexici noch weit besser kennen las-sen. Die erste erinnernng ist diese: da die Leeren Verfasser ge-wisser artickul die hyperbolss oder gar zu starcke und fast überdie schnür hauende ausdrückungen so sehr geliebet haben, wiedie redcns-art von des ä'Avalos flucht nur zu viel zeiget; sollte esihnen und dem Eexieo gar fürträglich gewesen seyn, wann siedergleichen allzu kühne figuren, welche etwan von andern ge-braucht worden , auch hinwiederum recht zu beurtheilen gewußthätten. Aus Mangel dieses find gewißlich viele umstände einge-bracht worden, die fich noch mit grösserm recht angenehmnennen lassen, als die tapfere flucht des ä'Avalos m Sach-sen angenehm scheinen mag.

Es «st bekannt, wie der Franzose Balzac immer ein grosser mei.ster in den byperbolis hat seyn wollen. Aber man weiß auch nichtminder, weil der mann solche figur der rede gar zu sehr affecti-tet, und seine aufsähe meistens darinn bestanden, im übri-gen aber eben wenig rcalität und richtige gedancken darhintergestecket; daß deswegen die schreib-arl des Balzac, ungeachtetdes anfänglich gefundenen beyfalls, gar bald in ziemliche Ver-achtung gefallen sey. Weil im übrigen die gezwungene gedan.cken dieses manns ,eweilen mit reinen und netten rcdens-artenausstaffiret waren, und ihre richtige ordnunq oder cadence hal-ten musten, so hat schon Salmasius, der sonsten ein guterfreund von Balzac, dessen aufsähe des sottises harmonieuscsgepflegt zu nennen : denn alle verständige dafür hatten,dieser gelehrte mann habe es darinnen so wohl getroffen , als ineinigen seiner urtheilen, die von ihm nach der besitzenden gros-sen kritischen geschicklichkett über die scribenten des alterkhümsetwan gefallet worden. Diß wird anietzo nur gemeldet, umzu zeigen, mit welcher behutsamkeit müsse verfahren werden,wann jemand dergleichen ausdrückungen des Balzac, und an-derer , die solchem nachgeahmet, zu übersetzen bekömmt. Nunwie ist Hiebey in dem Historischen Lexico verfahren worden ?Man hatte beym Bayle eben im artickul Malherbe diese WorteBalzacs gefunden, der solche jedoch von Malherbe will gehörethaben r quapres avoir seit un Poeme de cent vers, ou un dis-cours de trois feuilles, il Falloit fe reposer dix ans tout en-tiers. Diß mochte noch im schertz und für eine hyperbole wohlangehen; um so mehr, als genugsam bekannt war, daß Mal-herbe bey allen seinen aufsähen ungcmcine mühe nahm, unddarinnen sehr oft ausstriche und veränderte. Aber wie ange-nehm ist doch, daß mans zu Leipzig jetzt in rechtem ernst neh.men will, und im artickul Malherbe auf folgende art verteut-fchet: Seine arbeit ward ihm allemal ungemein sauer;wie er denn seinen guten freundengestanden, daß er oft,wann er nur ein getichte von hundert vcrsen zu ständegebracht, hernach zehen ganger jähre feyern müssen.Wie wunderbar muß doch dieses einem Leser düncken, dergleichwol weiß, wie noch eine gar nahmhaffle anzahl von ge-tichten des Malhcrbc vorhanden sey, welche ziemlich starckebände ausmachen?

Im artickul Viefville nahe am ende, wo von des Caroli deViefville schwäher-vatter, dem Vincent von Beaumarchais, dierede ist , muß uns abermal aus Französischem schertz in Teutschein ernst gemachct werden , und heiffet es also : Beaumar­ chais wäre so reich gewesen, daß er gantz Franckreichmit seinem gelde hätte bezahlen können. Die hyperbole,so man uns da schneidet, ist sicherlich nie keinem menschen inden sinn kommen. Allein man ist darauf gerathen, weil maneine anderwärts gefundene figur von solcher arl, die aber nochviel modester und niedriger war, gar unrecht verstünde. Essoll dem Leser nicht unangenehm fallen, wo man den hiedey be-gangenen verstoß aus seinem ersten Ursprünge kürtzlich herleitet,und gleichsam alle die staffeln anzeiget, durch welche die fachezu einer so hohen versteigung gediehen ist. Grammondus, derbekannte Französische geschicht-schreiber, hat in der that von ge-meldkem Beaumarchais im dreyzehenden buche seiner Historie diefolgende Worte gebraucht: Portentum est , eo divitiaruni pro-vectum hominem privatum, ut in numerato haberet, undeRegnum emi polier, qualia in Europa multa sunt; id ego acce-pi a scientibus, & miratus sum. Das war nach der in Franck-reich nicht ungewohnten einbildung gercdt, allwo man etwan,eben wie auch anderwärts geschiehet, fremde dinge gar klein zumachen, und hingegen die einheimische über alle mästen zu eche.

ben trachtet; wiewok doch, was verständige keuche in diestmlande find, und die auch von ausländischen fachen einen genauenbericht eingenommen, von dergleichen gedancken und reden i,n-merzu weit entfernet bleiben. Nun hat der gelehrte Baron Jin-hoffden obigen ort Graminondi in seinen Genealogie Gallia: auffolgende art etwas adgekürtzt vorgetragen: Is gaza & opibus ne-mini secundus erat,& in numerato habebat, unde Regnum emipolier ; da denn auch die erstere Worte ans dem vorhergehendenblak Grammvndi hergeholet sind. Von diesem berühmten Ge-nealogisten ist es ausser zweifel, daß er die Worte Grammvndiin ihrem wahren sinn genommen, und, ohne solche übrigenszu billigen, gleichwol nur ein gar kleines Königreich, wie de-ren noch etwan möchten anzutreffen seyn, habe wollen ver-standen wissen. Allein wie entsetzlich ist man jetzt in Leipzig mitder hyperbole aufgestregen, und wie weit hat mau sich eben vondem stime der Franzosen entfernet; wann uns die kerls so reichgemachet werden, daß sie selbsten gantz Franckreich mit baa.rem gelde sollen bezahlen können. Die fache wird nochangenehmer, wann man letzt ferner die Worte Grammvndiliefet, welche gerade auf den vorher angezogenen bericht folgen:Quanta opulentia Galliae , cujus qui administrant res, iaroiphus decreme'nto, augcntur statim gaza & opibus, quantumsatis , ut in comparationem cum ipiis Regibus venire poslint!

Wie weil hat doch dem Grammond sein vorhaben bey dem Leip-ziger Herrn Verfasser gefthlet? Er vermcynte seinen Beaumar.chais, und gleich demselbigen noch andere Französische Finan-ciers an gcld und einkünften über verschiedene Könige in Europa zu erheben; und diß zwar hauptsächlich aus dem zweck, damitseine Leser dadurch desto höhere gedancken von der macht undden reichthümmern Franckreichs fassen möchten, als welchesdiese leulhe also aus sich bereichern könnte, ohne darum viel är-mer zu werden : raro ipsius decremento. Allein unser Hlstori,sches Lericon weiß die etwan kleinere Europäische Reiche gar ar-tig an den aufgeblasenen Franzosen zu rächen, und machet gleichals durch eine wohlbefügte retorsion, den gantzen streich aufFranckreich zurück fallen, oder zu dessen eigener nahmhaffrerVerkleinerung ausschlagen, wann da jetzt ein einiger Financiekso reich seyn muß, daß er das gantze Rönigretch Franck,reich mir baarem gelde bezahlen könnte.

Nächst dieser ersten erinnerung soll nicht undienlich seyn , demHerrn Gegner bey gegenwärtigem von ihm selbst dargebotenenanlas annoch eine zweyte kleine lehre zu geben. Er siehet, wieseine censur wegen der tapfern flucht des Marchese de> Vasio,die Leivziger arbeit an dem Historischen Lexieo so wenig gefruch-tet hat. Dabey wolle er sich belehren lassen , wie man oft-mals in Verbesserung der alten artickul, auch gewisse einzcleWörter geändert habe, aus solchen Ursachen, die eben nicht je-dem , öder doch nicht gleich beym ersten andlick beyfallen , da-her es denn nicht allezeit so gar sicher ist, darüber mit gespöttherauszufahren, und die gemachte Veränderungen für ange-nehm zu erkläre». Er hat jetzt gleich eine probe gesehen, wiehiedurch die, so andere auslachen wollen, bey denjenigen Lesern,so die fache besser einsehen lind verstehen , sich wol selbst ange-nehm machen können. Ein neues muster hievon lässet sich dar-legen aus dem schon wegen anbcrm auf die bahn gebrachten arli-ckul Philippa Catenosa , oder wie es eigentlich helssen sollte,und anietzo ausgedrücket ist: Philippa Gatanenlis. Da istin Basel eine kleine Veränderung gemachet worden, welche derenim arlickul ä'Avalos fast gleich ist. Es war von diesem weidegemeldet: sie hätte nebst ihren inithelffern den Röntg An-dream aus Ungarn stranaullrt, und zu einem fenstcrhinaus gehänget. Nun ist dieses einmal gar zu viel, lindwider die yeitere Wahrheit von der Philippa gercdt, so daß dieWorte nothwendig einiger Milderung bedörfen. Im nachsuchenhat sichs befunden , '>vie der artickul selbst ursprünglich von Hof-maimo hergekommen.

Dieser aber halte die strangulirung deö unglücklichen Prin,tzen keinesweges unmittelbar der Philippä, sondern allein derKönigin Johanna zugeschrieben, jedoch mithin der boshaffkenCataneserin überhaupt diese schuld beygelegt, daß sie Johannamzu dem ruchlosen beginnen verhetzet hätte: qus ( Johanna )ejus (Philipps) instinctu etiam maritum suum, Andream Hun-garia: Regem e fenestra suspendit ; welches denn auch der Wahr-heit vollkommen gemäß ist. Nun hat freylich Moreri, welcherim übrigen diesen artickul offenbar aus Hosmanno genommen,seine Worte also gesetzet, daß die erwürgung Andrea gleicher wci.se der Königin selbst zugeschrieben scheinet; vbwol mans fastnicht weniger von der Cataneserin verstehen kan. Allein was beydiesem noch wenigst sehr dunckel ist, das hat der Leipziger HerrÜbersetzer mit den deutlichsten Worten , aber gewißlich gantz zurungebühr, auf die einige Philippam gezogen: sie strangulirte,sie hieng ihn zum fenster hinaus, rc. ohne Zweifel aus derUrsache, weil er meynte, da der artickul hauptsächlich der letz,lern gewiedmet, müßte sein Moreri auch alle die gedachte aus-drückunaen schlechterdings von dcrseldigen gebrauchet haben.

Der verständige Lestr siehet schon , was da die wahre beschaffen-heit der fachen erfordere. Der artickul soll ia eigentlich vonPhilippa handeln , und daher war es in Leipzig gar recht ge-than, daß man an dem orte die erwürgung deS unschuldigen iun,gen Königs vermeldet hat, nicht in so fern dicseldige von Johan-na , sondern allein, wie sie durch der schlimme» Philivva anstif-ten , ist befördert worden. Aber zu seidigem ende müssen denndie vorangezogene aUzuhartr rrdens - arten nothwendig auf eine

solche