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Das Versprechen in betreff des zweiten Sonnwendkuchens wurderückgängig gemacht; Schwesterlein erklärte, die Zusage sei nichts alsNotwehr gewesen.
Und die Gläubigkeit meines Publikums hatte ich mir verdorbenganz und gar, und wenn es in Zukunft an irgend einem Erzähltenseinen Zweifel ausdrücken wollte, so rief es einstimmig: „Aha, das istwieder ein blutiges Knie!" Peter Rosegger.
71. Der Heiner und der Vrassenheimer Müller.
Eines Tages saß der Heiner ganz betrübt in einem Wirtshausund dachte daran, wie ihn zuerst der rote Dieter und darnach seineigener Bruder verlassen haben, und wie er jetzt allein ist. „Nein,"dachte er, „es ist bald keinem Menschen mehr zu trauen, und wennman meint, es sei einer noch so ehrlich, so ist er ein Spitzbube." Unter-dessen kommen mehrere Gäste in das Wirtshaus und trinken Neuen;„und wißt ihr auch," sagt einer, „daß der Zundelheiner im Landist, und wird morgen im ganzen Amt ein Treibjagen auf ihn angestellt,und der Amtmann und die Schreiber stehen auf dem Anstand!" Alsdas der Heiner hörte, wurde es ihm grün und gelb vor den Augen,denn er dachte, es kenne ihn einer, und jetzt sei er verraten. Ein andereraber sagte: „Es ist wieder einmal ein blinder Lärm. Sitzt nicht derHeiner und sein Bruder zu Wollstein im Zuchthaus?" Drüber kommtauf einen: wohlgenährten Schimmel der Brassenheimer Müller mitroten Pausbacken und kleinen freundlichen Augen daher geritten. Undals er in die Stube kam und tut den Kameraden, die bei dem Neuensitzen, Bescheid und hört, daß sie von dem Zundelheiner sprechen, sagter: „Ich hab' schon so viel von dem Zundelheiner erzählen gehört.Ich möcht' ihn doch auch einmal sehen!" Da sagte ein anderer: „NehmtEuch in acht, daß Ihr ihn nicht zu früh zu sehen bekommt! Esgeht die Rede, er sei wieder im Land." Aber der Müller mit seinenPausbacken sagte: „Pah! Ich komm' noch bei guter Tageszeit durchden Friedstädter Wald, dann bin ich auf der Landstraße, und wenn'sfehler: will, geb' ich dem Schimmel die Sporen." Als das der Heinerhörte, fragte er die Wirtin: „Was bin ich schuldig?" und geht fort inden Friedstädter Wald. Unterwegs begegnet ihm auf der Bettelfuhrnn lahmer Mensch. „Gebt mir für ein Käsperlein Eure Krücke," sagteer zu dem lahmen Soldaten. „Ich habe das linke Bein übertreten,daß ich laut schreien möchte, wenn ich drauf treten muß. Im nächstenDorf, wo Ihr abgeladen werdet, macht Euch der Wagner eine neue."
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