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Lesebuch für die erste Stufe der Sekundarschule / hrsg. von der kantonalen st. gallischen Sekundarlehrer-Konferenz
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sie noch einmal das Schwert ziehen, um die Burgen des Landeszu,brechen, in denen noch stattliche Scharen von Kriegern lagen,die sonst sicher ihres Königs Niederlage gerächt hätten. Alsauch das vollendet war, gings mit vollen Segeln heimwärts, woFrau Hilde täglich mit sorgenden Blicken übers Meer schauteund sehnsüchtigen Herzens der Tochter harrte. Kein Gold hättedie Freude ausgewogen, als sie sich endlich wiedersahen. Festhielten sich Mutter und Tochter umschlungen, und Freuden-tränen entströmten ihren Augen. Dann ging die Königin, ihreHelden zu begrüssen und ihnen zu danken. Am tiefsten neigtesie sich vor dem alten Wate und küsste ihn trotz seines ellen-breiten Bartes herzhaft auf den Mund. Dann führte sie diewackeren Streiter zur Stadt hinaus, wo sie auf einem grünenAnger weite Zelte zu allerlei Lustbarkeiten hatte aufschlagenlassen. Da ward nun das Siegesfest gefeiert. Gudrun aber ge-dachte mitten in aller Freude des edeln Gefangenen, der sichwährend ihres Jubels unter schwerer Sorge härmte; sie gedachtedaran, wie er stets ritterlich gegen sie gehandelt und sie niemit einem Worte gekränkt hatte. Da bat sie die Mutter inständig,ihn freizugeben, und liess nicht ab, bis Hilde wirklich nachgab.

Danach drängte Herwig zur Abreise nach Seeland, das schonallzulange seines Fürsten entbehre. Aber Hilde beredete ihn,noch zu bleiben, auf dass erst zu Matelane die Hochzeit gefeiertwürde. Gudrun aber mochte an ihrem Freudentage kein Augetraurig sehen; daher nahm sie ihren Bruder beiseite und raunteeine Weile heimlich mit ihm; desgleichen tat sie mit Hartmutund dem tapfern Moorlandkönig, der sich als treuer Freund undBundesgenosse erwiesen hatte. Und das Ende war, dass ausder einen Hochzeitsfeier eine vierfache wurde, indem Ortweindie sanfte Ortrun freite, Siegfried aber Herwigs Schwester undHartmut die treue Hildburg als Gattin heimführten.

Dr. O. Hoffmann.

101. Gudruns Klage.

N un geht in grauer FrüheDer scharfe Märzenwind,

Und meiner Qual und MüheEin neuer Tag beginnt.

Ich wall hinab zum Strande

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