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Lesebuch für die erste Stufe der Sekundarschule / hrsg. von der kantonalen st. gallischen Sekundarlehrer-Konferenz
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er es niedergleiten lassen. Beide Arme auf die Brust gedrückt, lehnter keuchend an der Wand, während große Blutstropfen über seineLippen dringen. Aber nicht der Schmerz ist es, der seine Augen mitheißen Tränen füllt, sondern die Gewißheit: Nun ist es aus mit deinerStelle hier, einen kranken Menschen kann niemand brauchen. Wer dem 5armen Burschen in diesem Augenblick gesagt hätte, daß sein Lebens-lauf erst nach einem halben Jahrhundert enden sollte, daß kaiserlicheHände seinen Sarg schmücken, Fürsten denselben aus dem prächtigenSäulenhaus, seinem Eigentum, hinausbegleiten würden zu dem Orte,wo ein prunkendes Denkmal seine letzte Ruhestätte bezeichnen sollte-! >0Er hätte es nicht geglaubt, auch wenn man es ihm gesagt hätte, unddoch barg seine mühsam nach Atem ringende Brust alle Vorbedin-gungen dieser ruhmreichen Zukunft in sich'.

Versetzen wir uns um zehn Jahre zurück in das evangelischePfarrhaus im Dorfe Ankershagen in Mecklenburg-Schwerin, da finden 15wir den Jüngling als achtjährigen Knaben, wie er mit seinem Vater,dem Prediger Ernst Schliemann, an dessen Studiertisch sitzt. Vor ihnenliegt ein großes Buch, Dr. JerrersWeltgeschichte für Kinder", dasder Knabe als Weihnachtsgeschenk erhalten hat. Auf dem Titelblattsah man eine Abbildung des brennenden Troja mit seinen ungeheuren 20Mauern und Toren und den fliehenden Äneas, seinen Vater Anchisesauf dem Rücken, sein Söhnchen Askanius an der Hand.

Vater," rief der Knabe, nachdem er das Bild entzückt betrachtethatte,du hast dich geirrt! Troja kann nicht ganz zerstört sein, Jerrermuß es gesehen haben, er hätte es ja sonst hier nicht abbilden können!" 25

Mein Sohn," war die Antwort,das ist nur ein erfundenesBild."

Enttäuscht blickte der Kleine wieder auf das Buch.Vater," fragteer dann,hat das alte Troja wirklich so starke Mauern gehabt, wiesie hier abgebildet sind?"Ja," sagte der Vater. 30

Wenn solche Mauern dagewesen sind, Vater, dann können siedoch nicht ganz verschwunden sein. Sie werden unter Staub und Schuttverborgen sein." Als der Vater zweifelnd den Kopf schüttelte, da hobder Knabe plötzlich den Kopf und rief mit blitzenden Augen:Vater,ich will Troja ausgraben!" 35

Der Vater lächelte wehmütig.Das tue nur," sagte er, mit derHand über das Haar des Knaben streichelnd. Er wußte wohl, wieselten das Leben solche Pläne erfüllt. Auch er hatte die Brust einstvoll begeisterter Wünsche getragen, und das Geschick hatte Hm keinen