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Lesebuch für die erste Stufe der Sekundarschule / hrsg. von der kantonalen st. gallischen Sekundarlehrer-Konferenz
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mehr seine Stätte kenne. Daß er diese Stätte einst suchen »volle, daswar der glühende Vorsatz des Knaben.

Als Heinrich neun Jahre alt war, tras ihn ein harter Schlag.Seine gute Mutter starb und ließ ihre sieben Kinder im zartesten Alterverwaist zurück. Zu gleicher Zeit geriet der Vater in große Geld- 5bedrängnis, so daß die bisherigen Bekannten der Familie hochmütigden Rücken wandten. Als der Vater sah, wie sehr sein Sohn unterdiesen Verhältnissen litt, schickte er ihn für zwei Jahre zu seinemBruder, dem Prediger Friedrich Schliemann in dem Dorfe Kalkhorst.Dort genoß der Knabe so guten Unterricht, daß er schon zum ersten tOWeihnachtsfest dem Vater einen lateinischen Aufsatz schicken konnteund zwar natürlich über den Trojanischen Krieg und die Abenteuerdes Odysseus. Mit elf Jahren trat Heinrich in das Gymnasium zuNeustrelitz; aber da er einsah, daß sein Vater ihn nicht Jahre hindurchhier und dann auf der Universität erhalten könne, so wandte er dem 15Gymnasium freiwillig, wenn auch blutenden Herzens, den Rücken undließ sich in die Realschule aufnehmen. Hier blieb er bis zu seinemvierzehnten Lebensjahre, und da die Verhältnisse seines Vaters sichnoch immer nicht gebessert hatten, so sagte er seinen heimlich gehegten,hochfliegenden Plänen tapfer Lebewohl, oder besser, er begrub sie in 20seinem innersten Herzen und trat als Lehrling in ein kleines Krämer-geschäft in dem Städtchen Fürstenberg.

Fünfeinhalb Jahre blieb Heinrich in dieser armseligen Stellung.Von morgens fünf Uhr bis abends elf half er Heringe, Butter, Kar-toffelbranntwein, Milch, Salz, Kaffee, Zucker, Öl, Talglichter usw. 25verkaufen. Kam gerade kein Kunde, so hatte er Kartoffeln für dieBrennerei zu mahlen, das Ladenfenster auszulegen usw. Kein Augen-blick blieb ihm zum Lernen; das, was er konnte, vergaß er; nur dieLust und der Trieb zur Wissenschaft blieben ihm, weil sie ein Teilseines Wesens waren. 30

Einst kam ein verlumpter Müllerknecht in den Laden. Er hatteeine gute Ausbildung genossen, war aber durch Leichtsinn ganz herab-gekommen; nur seinen Homer hatte er nicht vergessen, und da er dasInteresse des Lehrlings merkte, sagte er etwa hundert Verse desDichters her. Obwohl Heinrich kein Wort verstand, machte der melo- 35dische Klang der Sprache den tiefsten Eindruck auf ihn. Dreimal mußteder Müller ihm die Verse sagen, wofür er gerne seine wenigen erspartenPfennige hergab, und während ihm heiße Tränen über das Gesichtliefen, bat er Gott inbrünstig, er möge ihm das Glück gewähren, einmalGriechisch lernen zu dürfen. 40

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